Neue Schätzungen Krieg gegen den Terror teurer als Vietnam-Krieg

Die Kosten für den "War on Terror" werden in diesem Jahr die des Vietnam-Krieges übersteigen: 660.000.000.000 Dollar - nach offiziellen Zahlen. Manche US-Ökonomen kommen sogar auf eine fünfmal so hohe Summe, und zwar allein für den Irak-Krieg.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Der Krieg in Vietnam hat die USA zwischen 1965 und 1975 das Äquivalent von 662 Milliarden heutigen Dollar gekostet: Diese Zahl hat der Wissenschaftliche Dienst des US-Kongresses errechnet. Die "Los Angeles Times" hat sie mit den Kosten für den 2001 begonnenen "Krieg gegen den Terror" in Beziehung gesetzt - und kommt zu dem Ergebnis: In diesem Jahr werden sie diesen Betrag überschreiten.

Steven Kosiak, Direktor für Budget-Studien am Center for Strategic and Budgetary Assessments in Washington, hat berechnet: Die USA haben zwischen dem 11. September 2001 und dem Ende des Finanzjahres 2006 rund 400 Milliarden Dollar unter der Überschrift Terrorbekämpfung ausgegeben. Darunter fallen die Ausgaben für den Ende 2001 begonnenen Afghanistan-Krieg ebenso wie für den Feldzug im Irak seit März 2003, aber auch für Bushs sonstigen "breiteren globalen Krieg gegen den Terrorismus", sagt Kosiak in der "Los Angeles Times".

Im Finanzjahr 2007 kommen 70 Milliarden Dollar hinzu, die der Kongress schon bewilligt hat. Und dann wohl noch mal 100 Milliarden Dollar, von denen erwartet wird, dass Bush sie demnächst anfordert. Summa Summarum werden die USA also bis Ende dieses Jahres mindestens 670 Milliarden Dollar ausgegeben haben - mehr als für den Vietnam-Krieg.

Kritik an Bush von Republikanern

Die Zahlen illustrieren, wie teuer vor allem der Krieg im Irak ist. Im Zweiten Weltkrieg, dem größten bewaffneten Konflikt in der Geschichte der Menschheit, überschritten die USA die Grenze von 600 Milliarden Dollar (nach heutigem Wert) erst Mitte 1943. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie schon die Deutschen aus Nordafrika vertrieben, große Teile der japanischen Flotte zerstört und die große Offensive auf europäischem Boden gestartet, die dort letztlich das Ende des Krieges in Europa herbeiführte.

Der Irak-Krieg sei von seinen Ausmaßen her in keiner Weise vergleichbar - aber offenbar derart teuer, dass er schon historische Rahmen sprenge, schreibt die "Los Angeles Times".

Sie zitiert auch Politiker in Washington, die bisher in ihrer Kritik an den Kosten zurückhaltend waren, um die Heimatfront nicht zu verunsichern - jetzt aber kritischer werden. "Wenn man sieht, was wir in einem Monat im Irak ausgeben, und feststellen, dass man mit diesem Geld die Ausgaben für Wissenschaft in den USA verdoppeln und eine Alternative für Öl finden könnte, dann bringt das die Dinge in Beziehung", sagte die demokratische Kongressabgeordnete Zoe Lofgren dem Blatt.

Der eigentlich Bush-treue Republikaner Judd Gregg beklagt sich über mangelnde Zurückhaltung der Regierung: "Ohne jede Disziplin" gebe sie das Geld aus. Auf Kritik stößt auch, dass Präsident George W. Bush einen guten Teil der Kosten für den Irak-Krieg als Notfallausgaben genehmigen ließ, also in einem verkürzten Genehmigungsverfahren.

16 Verwundete auf einen Toten

Die offizielle Kostenrechnung ist allerdings nicht unumstritten. Folgt man den Schätzzungen der Ökonomin Linda Bilmes, dann kostet allein der Krieg im Irak (ohne Afghanistan und den Anti-Terror-Feldzug) schon jetzt weit mehr als Vietnam. Sie nannte auf der Tagung der American Economic Association (AEA) die Zahl von 3 Billionen US-Dollar - knapp das Fünffache von Kosiaks Schätzungen.

Bilmes, Wirtschaftsprofessorin an der renommierten Harvard-Universität, bezieht dem "Handelsblatt" zufolge indirekte Kosten in die Rechnungen ein, vor allem die Ansprüche verwundeter Soldaten. So bekämen Hunderttausende Irak-Veteranen bis an ihr Lebensende eine Schwerbehinderten-Rente. Das Verhältnis von Verletzten zu Toten ist Bilmes zufolge einer der größten Unterschiede zwischen der "Operation Iraqi Freedom" und früheren Kriegen: Im Zweiten Weltkrieg kamen 1,5 Verletze auf einen Toten, in Vietnam 2,8 - im Irak sind es 16. Es werden viel mehr Soldaten verwundet als getötet, das erzeugt mehr Folgekosten.

Schon auf der AEA-Tagung im Vorjahr hatte Bilmes mit dem Ökonomie-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz Zahlen vorgestellt - ging damals aber noch von einem Betrag zwischen 1026 und 2239 Milliarden Dollar aus. Stiglitz hatte damals sogar aufgeführt, welche Kriegsverletzungen die häufigsten sind. Demnach erleiden 20 Prozent der US-Soldaten Gehirnverletzungen, ein weiteres Fünftel "schwere Verwundungen", 6 Prozent müssten sich einer Amputation unterziehen.

Die Zahlen von Stiglitz und Bilmes sind freilich nicht unumstritten. Sie beziehen auch Zusatzkosten durch den gestiegenen Ölpreis ein, von dem sie annehmen, dass er dem Konflikt geschuldet ist.

Sicher ist aber: Sie liegen besser als zum Beispiel Bush selbst. Er hatte vor Kriegsbeginn Belastungen zwischen 100 und 200 Milliarden Dollar prognostiziert.



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