Neue Strategie: Irakische Terroristen nehmen US-Hubschrauber ins Visier

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Acht US-Hubschrauber haben Extremisten im Irak allein im vergangenen Monat abgeschossen. Die tödlichen Treffer deuten auf eine gezielte Strategie hin - und legen nahe, dass die Terroristen über neue schlagkräftige Waffen verfügen.

Hamburg - Dass dieser kleine, verschwommene Punkt ein Hubschrauber ist, lässt sich zunächst nur erahnen. Erst allmählich zeichnen sich am grauen Himmel über Anbar die Formen des mächtigen CH-46 Sea Knight ab, sind die beiden mächtigen 15-Meter-Rotoren zu erkennen. Als der Helikopter fast über dem Kameramann ist, dreht er ab.

Brennendes Hubschrauberwrack am 7. Februar in der Provinz Anbar: Abschuss mit modernen Flugabwehrrakten
AP

Brennendes Hubschrauberwrack am 7. Februar in der Provinz Anbar: Abschuss mit modernen Flugabwehrrakten

Dann rast untermalt von arabischen Kampfliedern ein dunkler Schweif von rechts ins wacklige Bild, trifft den Hubschrauber von hinten; eine Explosion, derSea Knight steht in Flammen, zieht eine immer dunkler werdende Rauchwolke hinter sich her. Eine halbe Minute später kracht das mehr als sieben Tonnen schwere Fluggerät hinter ein paar Büschen zu Boden. Vor lodernden Flammen kommt ein arabisches Logo ins Bild: "Medienproduktion 'Göttliche Offenbarung'".

Das Video, mit dem sich die Extremistengruppe "Islamischer Staat im Irak" im Internet brüstet, soll den Abschuss eines US-Militärhubschraubers im umkämpften Westen des Irak dokumentieren, bei dem am 7. Februar alle sieben Soldaten an Bord getötet wurden. Es war der siebte Absturz eines amerikanischen Helikopters durch feindliches Feuer im vergangenen Monat. Nachdem gestern auch ein Black Hawk abgeschossen wurde, hat sich die Zahl sogar auf acht erhöht.

Acht Abschüsse in vier Wochen, 28 tote Soldaten und Zivilisten - die US-Armee ist alarmiert. Denn diese Zahlen stehen in keinem Verhältnis zu den Verlusten in den Jahren zuvor. Laut einer Zählung des Brookings Instituts haben die Amerikaner seit Beginn des Irakkrieges im März 2003 insgesamt 57 Hubschrauber verloren, zahlreiche Unfälle eingeschlossen.

Extremisten wollen Sicherheitsoffensive kontern

Und so bemühen sich die Militärs angesichts der inzwischen auffälligen Häufung gar nicht mehr erst, diese wie noch vor einigen Tagen als "Zufallstreffer" zu verkaufen. Man ist sich sicher und sagt es auch offen: Um die jüngste Sicherheitsoffensive in Bagdad zu kontern, nehmen die irakischen Extremisten ganz gezielt Militär- und Zivilhubschrauber ins Visier. Und der vergangene Monat beweist: Sie haben die Mittel dazu.

Die US-Armee hat das für authentisch gehaltene Video vom Abschuss des CH-46 Sea Knight analysiert - und ist beunruhigt. Denn laut Generalmajor James E. Simmons, Vize-Kommandeur der US-Streitkräfte im Irak, wurde der Hubschrauber von einer Boden-Luft-Rakete getroffen, die man nicht mehr im Besitz der Terroristen wähnte. Offenbar handelte es sich um eine moderne Rakete vom Typ SA-14 oder SA-16, eine von einem Mann zu bedienende, tragbare Flugabwehrwaffe mit mehreren Kilometern Reichweite.

Mit ihrer enormen Sprengkraft ist diese deutlich gefährlicher als das Vorgängermodell SA-7 aus der Vietnam-Ära. Dass irakische Extremisten über diese alte Abwehrwaffe verfügen, ist bekannt: Im Chaos nach dem Sturz Saddam Husseins dürften ihnen große Bestände der irakischen Armee in die Hände gefallen sein. Die Nachfolgetypen gelten jedoch als zielgenauer und weniger anfällig für die Abwehrsysteme der US-Hubschrauber. Die Raketen aus russischer Herstellung könnten erst vor kurzem in den Irak gelangt sein, vermutete Kommandeur Simmons in der "Washington Post".

"Wir werden sie überraschen"

Dazu passt, dass erst im Dezember ein Sprecher von Saddam Husseins offiziell aufgelöster Baath-Partei in Damaskus damit geprahlt hatte, sunnitische Kämpfer im Irak seien im Besitz neuer Flugabwehrwaffen. "Wir werden sie überraschen", tönte der Sprecher seinerzeit. In der saudi-arabischen Zeitung "al-Hayat" war wenig später zu lesen, die Extremisten hätten "eine neue Generation" von SA-7-Raketen erhalten.

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Und arabische Geheimdienstler ließen die Nachrichtenagentur AP wissen, irakische Extremisten hätten Flugabwehrraketen auf dem Schwarzmarkt erworben. Die Waffen seien unter Mithilfe rumänischer Händler über Syrien in den Irak gelangt. Es sei sehr gut möglich, dass es bei dem Deal auch um SA-14 und SA-16-Raketen gegangen sei.

Simmons wertet den Einsatz der modernen Waffen als Beleg der neuen Taktik der extremistischen Gruppen. Diesen sei bewusst, dass der Abschuss eines Hubschraubers jedes Mal ein spektakuläres, internationales Medienereignis sei. Die Botschaft der Terroristen laute: "Wir sind ein schlagkräftiger Feind. Ein weiteres Indiz für die neue Strategie sieht Simmons in der Organisation der Angriffe. Die jüngsten Schläge seien ungewöhnlich gut koordiniert, geplant und mit großer Geduld ausgeführt worden, so der Generalmajor. So studierten die Extremisten offenbar tagelang die Flugrouten der Helikopter, um dann zuzuschlagen.

Beispiel: die Attacke auf einen Armee-Hubschrauber am 20. Januar, bei der nordöstlich von Bagdad zwölf Soldaten ihr Leben ließen. Extremisten hatten den Black Hawk aus unterschiedlichen Richtungen beschossen, mit Waffen unterschiedlichster Art, Panzerfäusten, groß- und kleinkalibrigen Maschinengewehren, die nach Ansicht von Simmons zuvor an den verschiedenen Abschussorten deponiert worden waren.

Keine Alternative zu Lufttransporten

Einen Weg, den Angriffen zu entkommen, gibt es nicht. Schon Anfang Februar hatte die US-Armee angekündigt, Taktik und Technik der Hubschraubereinsätze der neuen Situation "anzupassen". Ständig bekommen die Piloten detaillierte Informationen über mögliche Gefahrenregionen, neue Routen durch weniger riskantes Gebiet und die Erlaubnis, Höhe und Geschwindigkeit immer wieder zu ändern, um möglichen Attacken zu entgehen. Ein AP-Reporter erlebte den Transportflug, den er vor wenigen Tagen im Irak begleitete, denn auch als Zickzack-Kurs, bei dem die Piloten in unregelmäßigen Abständen den Kurs wechselten, statt auf direktem Wegen von A nach B zu fliegen.

Die US-Hubschrauber fliegen jeden Tag Hunderte von Einsätzen, für die es zumeist keine Alternative gibt. Truppen müssen verlegt, Waffen und Versorgungsgüter transportiert werden. Die Armee hat in der Vergangenheit immer mehr Transporte in den Luftraum verlegt, um so der Gefahr der verheerenden Bombenanschläge auf Konvois am Boden zu entgehen. Im Jahr 2005 flog die US-Armee noch 240.000 Stunden, 2006 waren es schon 334.000. In diesem Jahr sollen es noch mehr sein.

Und bislang galt der Lufttransport als relativ sicher: Hundertmal im Monat werden die Hubschrauber nach Armeeangaben durchschnittlich beschossen. Die Trefferquote ist dabei statistisch gesehen noch gering: 17 Einschüsse wurden gezählt, nicht immer mit fatalen Folgen. In Vietnam hatten die USA Tausende Hubschrauber verloren.

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