Neue US-Vorwahlrunde Obama buhlt um Tellerwäscher, Huckabee um Jesusfans

Nächste Doppelrunde bei den US-Vorwahlen: Das bittere Duell zwischen den Demokraten Obama und Clinton treibt heute in Nevada auf eine Vorentscheidung zu. In South Carolina hoffen die Republikaner, dass sich aus dem Feld der Bewerber endlich ein Star herauskristallisiert.

Aus Las Vegas und Charleston berichten und


Las Vegas/Charleston - Kühle Nacht senkt sich über den "Strip", die Casinomeile von Las Vegas. Im Caesars Palace, dem altrömisch inspirierten Resortkoloss, machen es sich Männer in Hawaiihemden vor den Slot-Maschinen gemütlich. Leichtbeschürzte Hostessen servieren Martinis. Zwei Bodybuilder in Legionärsuniformen posieren gelangweilt.

Barack Obama: "Nur eine kurze Rede"
REUTERS

Barack Obama: "Nur eine kurze Rede"

Eine Treppe höher, im "Palace Ballroom", geht es etwas gediegener zu. Hier sitzen 800 meist schwarze Gäste in Smoking und Abendkleid beim Gala-Bankett. Anlass ist der Geburtstag ihres Vorkämpfers Martin Luther King, der hier am Montag landesweit gefeiert wird. Das Motto des Abends lautet: "Den Traum leben." Ein Pastor beschwört "Charakter statt Hautfarbe".

Irgendwann zwischen Vorspeise (Kressesalat) und Hauptgericht (Steak und Lachs) springt der Hauptredner ans Pult - Barack Obama. Das Gastgeberkomitee hatte alle Kandidaten eingeladen, auch die Republikaner, doch nur Obama und der demokratische Zweitligist Dennis Kucinich sagten zu. Hillary Clinton ließ sich mit "tiefstem Bedauern" entschuldigen.

Der ganze Saal springt auf die Beine. Sie kreischen, johlen, pfeifen. "Ich weiß, dass ihr alle mitten beim Essen seid", beschwichtigt Obama die Menge. "Deshalb will ich nur eine kurze Rede halten." Schließlich sei dies ja auch keine Wahlkampfveranstaltung.

Das stille Rückgrat der Casinos

Doch dann hält er natürlich trotzdem eine lange Rede - eine Wahlkampfrede. Spricht von der "heftigen Dringlichkeit des Jetzt" (sein Lieblingszitat Kings) und davon, wie sehr ihn "die Bürgerrechtsbewegung inspiriert hat". Es ist die gleiche, wohlkalkulierte Rede, die er auch anderswo hält, doch hier findet Obama plötzlich zu einer Art Spiritual-Rhythmus, der seinen Standard-Zeilen Nachhall gibt. "Wir können es uns nicht leisten, länger zu warten", ruft er. "Gemeinsam schreiten wir vorwärts!"

Die Szene gestern Abend goss passenden Pathos über die jüngste Etappe der US-Vorwahlen, die heute in ihre nächste Runde gehen. Denn es ist eine wichtige und zugleich doppelte Runde: In Nevada treibt das bittere Duell zwischen den Demokraten Obama und Clinton auf eine Vorentscheidung zu, und im südlichen Bibelstaat South Carolina hoffen die Republikaner ebenfalls heute, dass auch ihr Kandidatenfeld endlich mal einen Star produziert, der die Basis motivieren kann.

Bei den Demokraten steht es 1:1 - Obama gewann in Iowa, Clinton in New Hampshire. Das hat Nevada in die willkommene Rolle des "tie-breakers" gestürzt. "Man sieht uns als Zünglein an der Waage", freut sich Peggy Maze Johnson, die Demokraten-Geschäftsführerin im Bezirk Clark, der Las Vegas umfasst. "Der Weg zum Weißen Haus", rief auch Clinton gestern bei ihrer letzten Veranstaltung in einer High School heiser, "führt direkt durch Nevada."

Den Jackpot erhoffen sie sich vor allem von der Spielermetropole Las Vegas. Hier sicherte sich Obama die Unterstützung der Culinary Union, der mächtigen Gastronomie-Gewerkschaft. Die bildet das stille Rückgrat der Casinos: Kellner, Köche, Zimmermädchen, Tellerwäscher.

Giuliani sitzt South Carolina aus

Da das Votum in Nevada tagsüber bei offenen Caucussen (Wählerversammlungen) erfolgt, fanden die Demokraten eine Sonderregelung für die Schichtarbeiter am "Strip". Für die werden heute in den neun größten Casinos Extra-Wahllokale eingerichtet, damit sie auch während der Arbeit abstimmen können - oft nur Schritte von den Roulettetischen entfernt.

Monatelang war diese Option unumstritten. Dann sprach sich die Culinary Union für Obama aus - prompt protestierte Clinton gegen die Casino-Option: Sie sei "unfair" und bevorteile Obama-Anhänger. Der Zank, der bis vor Gericht ging, offenbarte auch, wie hart umkämpft die Latino-Wähler sind. 35 Prozent der 2,5 Millionen Einwohner Nevadas sind Latinos, ein Großteil arbeitet in den Casinos.

Auch die Republikaner gehen heute in Nevada wählen. Doch die sind derart auf South Carolina fixiert, dass sie den Schauplatz im Westen fast ignoriert haben. Nur Ron Paul und Mitt Romney haben hier Wahlkampf gemacht. Romney erwartet einen leichten Sieg in Nevada, mit dem er eine befürchtete Niederlage in South Carolina abzufedern hofft. Denn dort ist die Lage der Republikaner weit unübersichtlicher.

In letzten Umfragen lag John McCain in South Carolina vor Mike Huckabee vor Romney vor Fred Thompson, derweil Rudy Giuliani auch diese Vorwahl aussitzt. Doch mit den Umfragen war das beim letzten Mal ja so eine Sache.

Elaborierte Stimulus-Pläne

Besonderes Augenmerk liegt dabei auf McCain. Nach dem Comeback von New Hampshire und der Niederlage von Michigan braucht er einen zweiten Sieg, um sich im Rennen zu halten. Auch hat er in South Carolina alte Rechnungen zu begleichen. Vor acht Jahren erlitt er hier dank einer Schmutzkampagne seines Rivalen George W. Bush eine schmerzhafte Vorwahl-Niederlage, die seine Kandidatur beerdigte. Seit 2000 arbeitete McCain deshalb an seiner Rehabilitierung: Hofierte Lokalpolitiker, betonte seinen christlichen Glauben und seine Moral und sprach viel von seinem Vietnamdienst.

Gleichzeitig richtete er ein "Truth Squad" ein, um Attacken sofort zu parieren. Denn South Carolina ist berüchtigt für seine hinterhältigen Wahlkampftaktiken. Auch diesmal agieren hier wieder dubiose Schattengruppen im Hintergrund, um Rivalen zu diffamieren.

So zeichnete eine Organisation, die Huckabee unterstützt, für rund eine Million automatischer Anrufe verantwortlich, in denen McCain vorgeworfen wurde, "dafür gestimmt zu haben, ungeborene Babys für medizinische Forschung zu nutzen". Schon im Dezember kursierten auch gefälschte Weihnachtskarten, die im Namen Romneys Polygamie priesen. Und eine Website verhöhnte Thompson zwischenzeitlich als "abtreibungsfreundlichen Schürzenjäger".

In den letzten Tagen konzentrierte sich der Wahlkampf aber auch in South Carolina auf die drohende Rezession. Alle Kandidaten warben mit elaborierten Stimulus-Plänen, wenngleich in unterschiedlichem Ton. McCain blieb bei seinem kühlen Realismus, indem er einräumte, es stünden "harte Zeiten voraus". Romney dagegen spielte weiter den Optimisten.

"Mein ganzes Leben konservativ"

"Ich bin nicht bereit, in irgendeiner Industrie eine Niederlage hinzunehmen", wiederholte Romney bei seinen Auftritten hier - ein Mantra, das ihn in Michigan zum Sieg getragen hatte. Beobachter spekulieren aber, dass Romney, trotz der rund 3,5 Millionen Dollar, die er hier in die Wahlkampfwerbung gesteckt hat, South Carolina längst an McCain aufgegeben hat - nicht zuletzt, weil er sich als Mormone wenig Chancen in dem Evangelikaner-Staat ausrechnet. Eine Niederlage McCains wäre eine "enorme Überraschung", sagte er selbst (was auch taktisches Understatement sein könnte).

Auch Mike Huckabee spekuliert mit dem Glauben: Der frühere Baptistenprediger aus Arkansas wurde nicht müde zu erzählen, wie er als Zehnjähriger in Jesus seinen Erlöser fand. Gleichzeitig empfahl er sich mit populistischen Sprüchen beim säkularen Publikum. Offen bleibt, ob dieser Spagat genug Evangelikale betört, die bis zu 50 Prozent der Vorwähler hier stellen könnten: In Umfragen schwanken sie zwischen Huckabee, Thompson und McCain.

Munter griff Huckabee auch das alte Reizthema der konföderierten Flagge auf, die in South Carolina gerne gehisst wird, anderswo aber als rassistisches Symbol gilt. Huckabee bestärkte erwartungsgemäß die Einheimischen, mit einer garantierten Beifallszeile: "Ihr mögt es nicht, dass euch Auswärtige vorschreiben, was ihr mit eurer Flagge machen könnt."

Doch auch Thompson hofft dank seiner Südstaaten-Wurzeln heute auf seinen ersten Durchbruch. Der vorübergehend pensionierte Film- und TV-Schauspieler kehrte dazu in den letzten Tagen seinen tiefsten Lokalakzent hervor, um sich als Konservativster der Konservativen zu profilieren. "Ich bin mein ganzes Leben konservativ gewesen", knödelte er in einem TV-Wahlspot in South Carolina.

Sollte Thompson in South Carolina gewinnen, wäre das Chaos bei den Republikanern komplett. Schon wird laut die Möglichkeit des ersten Wahlparteitags seit 60 Jahren ohne einen vorbestimmten Kandidaten diskutiert. Herbert Schoenbohm, der Republikaner-Chef der Virgin Islands, fände das gar nicht mal so schlecht: "Ich bin die Krönungsfeiern leid."



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