Neuer Autonomie-Status: Grönland nabelt sich von Dänemark ab

Die größte Insel der Welt ist einen Schritt näher an der Eigenständigkeit. Durch einen neuen Vertrag wird Grönland weitgehend von Dänemark unabhängig. Die Bewohner hoffen auf Rohstoffeinnahmen - denn sie müssen erst einmal einen Staatsbankrott abwenden.

Nuuk - Der eigentlich eher introvertierte Prinzgemahl hatte zur Feier des Tages höchst selbst zur Feder gegriffen. "Ode an Grönland" und "Die Eiskappe" hießen die beiden selbstverfassten Gedichte, die Henrik von Dänemark am Samstag bei einer Feierstunde in der Universität von Nuuk verlas - zur Freude seiner Gastgeber sogar auf grönländisch.

Unmittelbar bevor Grönland einen weiteren Schritt in Richtung Unabhängigkeit vollzog, zeigte der 75-jährige Monarch, der gern König genannt werden möchte, sein Können als Poet. Die Insel sei ein "Kristall, der im Einklang der Möwen und der schelmischen Bären vor Freude lacht" und wo "die Klarheit der Sterne opalene Gletscher beseelt".

Am Sonntagmittag folgte dann der offizielle Teil vor tausenden Schaulustigen. An der Zeremonie am Nationalfeiertag der Arktisinsel nahmen neben der neuen grönländischen Regierung auch die dänische Königin Margrethe und ihr schöngeistiger Gatte sowie Dänemarks Ministerpräsident Lars Lökke Rasmussen teil. Die Feier fand im historischen Hafen der Hauptstadt Nuuk statt, wo vor fast 300 Jahren das erste dänische Kolonialschiff landete.

Zu feiern gab es einiges: Das dünnbesiedelte Eiland wird in Zukunft immerhin weitgehend auf eigenen Beinen stehen, nur Außen- und Verteidigungspolitik werden noch in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen geregelt. Zum Beispiel sollen die Grönländer allein über ihre natürlichen Rohstoffe und Bodenschätze wie Öl, Gas, Gold und Diamanten bestimmen können.

Grönländisch wird offizielle Sprache

In einem mit der Regierung in Kopenhagen mühsam ausgehandelten Autonomiegesetz ist außerdem das Recht auf Selbstbestimmung und die völkerrechtliche Anerkennung der Ureinwohner Grönlands festgeschrieben. Mit Inkrafttreten der neuen Autonomiestufe wird Grönländisch zudem offizielle Sprache der Insel.

Grönlands Freiheit hat allerdings einen Preis: In dem Maß wie in Zukunft Rohstoffeinnahmen fließen, muss die Insel auf Geld aus Kopenhagen verzichten. Und Subventionen aus dänischen Steuertöpfen gab es bisher reichlich: Ungefähr 430 Millionen Euro erhielt Grönland bisher jedes Jahr.

In Grönland leben 57.000 Menschen, davon 50.000 Inuit und 7000 Dänen. Zwar ist die Insel seit dem Sommer 1953 keine Kolonie Dänemarks mehr und seit 1979 kümmert sich eine Selbstverwaltung um viele Angelegenheiten - und doch fühlen sich viele Grönländer in keiner Weise als Dänen. Diese Mentalitätsunterschiede waren auch zentrales Element in Peter Hoegs Erfolgsroman "Fräulein Smillas Gespür für Schnee". Im vergangenen November hatten mehr als 75 Prozent der Grönländer in einer Volksabstimmung für mehr Eigenständigkeit gestimmt. Völlige Unabhängigkeit könnte Grönland zum 300. Jahrestag der Kolonisation durch Dänemark im Jahr 2021 erlangen.

Viele - vor allem ältere - Grönländer setzen große Hoffnungen auf die komplette Eigenständigkeit. Meinungsumfragen im vergangenen Jahr hatten einen Riss durch die grönländische Gesellschaft gezeigt: Vor allem die ältere Inselbevölkerung befürwortet ein hohes Maß an Eigenständigkeit. Bei den Jüngeren liegt die Zustimmung zur Selbstverwaltung signifikant niedriger.

Doch die neue Regierung will den Prozess besonders schnell vorantreiben. Bei den Parlamentswahlen Anfang Juni hatte es einen Machtwechsel gegeben: Grönlands linksorientierte Oppositionspartei Inuit Ataqatigiit (IA) hatte die seit 30 Jahren regierenden Sozialdemokraten (Siumut) mit einem erdrutschartigen Sieg entthront. Die IA ist für eine schnellstmögliche Autonomie Grönlands.

Doch die leeren grönländischen Staatskassen dürften das einigermaßen schwer machen. Die grönländische Zeitung "Sermitsiaq" berichtet, dem Land drohe im schlimmsten Fall bereits im kommenden Jahr der Staatsbankrott. Schuld daran seien die hohen Unterstützungszahlungen für 17 staatseigene Unternehmen.

chs/AFP

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