Neuer Bundeswehreinsatz in Afghanistan "Unsere Feinde kommen wieder"

Schwer bewaffnet, kampferprobt, immer einsatzbereit: 200 norwegische Eiltesoldaten stellen die Quick Reaction Force im Norden Afghanistans. "Wir sind eine Kampfeinheit", sagt der Kommandant der Norweger, "genau deshalb sind wir hier" - jetzt sollen Bundeswehrsoldaten ihren Job übernehmen.

Aus Masar-i-Scharif berichtet


"Für diesen Kindergarten bin ich nicht nach Afghanistan gekommen", schimpft Robert, als er sich seine Kopfhörer über den Kopf stülpt, "wir sind doch keine Bodyguards." Leicht genervt schwingt sich der Hüne in den Jeep und bringt sein Sturmgewehr in Stellung.

Kurz nach sieben Uhr in Masar-i-Scharif. Die Sonne kriecht über den nordafghanischen Bergen hervor, und die sechs Geländewagen setzen sich in Bewegung. Kaum raus aus dem Nato-Lager Camp Marmal, wirbelt schon der allgegenwärtige Staub der Schlaglochpiste auf, er dringt in jede Ritze der Kleidung, knirscht zwischen den Zähnen.

Die Mission der norwegischen Soldaten: Unter Geheimhaltung ist der Supreme Allied Commander Europe (Saceur) Bantz J. Craddock in die nordafghanische Provinzmetropole gekommen. Mit seinem Helikopter soll der US-General vor dem Hauptquartier des Gouverneurs Mohammed Atta landen, mitten im Herzen der Stadt. Die Region gilt als einigermaßen ruhig, und doch ist die Sicherheit des Top-Militärs oberste Priorität. Deshalb hat die Nato ihre besten Männer geschickt: die Quick Reaction Force (QRF). Es ist die Kampftruppe, die ab Juli von der Bundeswehr gestellt werden soll.

Für die Planung des Einsatzes brauchen die Elitesoldaten des "Telemark Battalions" nicht lange. Rings um den Heliport stellen sie sich mit ihren Jeeps auf, darauf aufgepflanzt ein großkalibriges Maschinengewehr. Von den Dächern nehmen Scharfschützen jede verdächtige Person ins Visier. Die Absperrung soll die Privatarmee des Gouverneurs regeln. Nach einer Stunde ist alles vorbei. Der Hubschrauber hebt ab und bringt den General zurück ins Lager. "Das war dann das", sagt der Truppführer. "Jetzt können wir uns wieder den wichtigen Dingen widmen", zischt Robert leise.

"Wir verteilen keine Hilfsgüter. Sollen wir auch nicht"

Zurück im Lager bereiten die Soldaten vor, was für sie das wichtigste ist - immer bereit sein. Mit Pressluft blasen sie jedes Staubkorn aus den Waffen, reinigen die Autos, prüfen die Waffenvorräte. Innerhalb von 24 Stunden, das ist ihr Auftrag, müssen sie an jedem Ort im Regionalkommando Nord sein können. Wenn Nato-Soldaten angegriffen werden, etwa im 170 Kilometer entfernten deutschen PRT (Provincial Reconstruction Team) in Kunduz, sollen sie aushelfen. Einen solchen Notfall gab es seit dem Nato-Einmarsch in Afghanistan nicht. Bisher wenigstens nicht, sagen die Soldaten stets dazu. Gewissheit gibt es hier nicht.

Die norwegische Elitetruppe, welche die Bundeswehr im Juli ablösen soll, hat mit den "Entwicklungshelfer in Uniform", wie sie deutsche Politiker gerne sehen, wenig zu tun. "Wir verteilen keine Hilfsgüter", sagt ihr Pressemann, "und sollen das auch gar nicht". Mit ihren Bärten, den wettergegerbten Gesichtern und den kantigen Sonnenbrillen wirken die Krieger wie Spezialkräfte der US-Armee - nur dass ihnen die arrogante Attitüde fehlt. "Wir sind eine Kampfeinheit", sagt ihr Kommandant mit seiner ruhigen Stimme, "genau deshalb sind wir hier". Kampf, das ist für ihn kein Tabuwort.

39 Jahre ist Major Jan Helge Dale alt, mit seinem kräftigen Bart sieht er älter aus. Sein Vorgesetzter bekam wegen seiner Prognose, die Deutschen müssten sich jetzt aufs Töten und Sterben vorbereiten, kurzeitig Redestopp. Zu krass kamen die Zitate daher – also baten deutsche Militärs um Zurückhaltung. Dales Diktion ist weniger reißerisch - und trotzdem klar. "Wir haben im Norden Problemzonen, in denen auch unsere Nachfolger aufräumen müssen", sagt er. "Bei jeder dieser Missionen sind wir in Gefahr, schließlich sind wir Soldaten." Das gelte auch für die Ablösung aus Deutschland.

"Unsere Feinde kommen wieder"

Die Problemzonen, von denen Dale spricht, liegen vor allem im Westen der Nordregion. Dort, am Rande der Provinz Faryab, gibt es Paschtunen-Siedlungen, sogenannte pashtun-pockets, die Taliban-Kräften Unterschlupf gewähren. Dort kämpften die QRF-Soldaten vergangenen Herbst mit der afghanischen Armee ANA in der Mission "Harekate Yolo II" gegen Aufständische, vertrieben sie erst nach heftigen Gefechten. Mittlerweile haben die Norweger in der heißen Zone die Mini-Basis "Astrid" errichtet, um die Lage zu beobachten. "Die Region bleibt unser größtes Problem", sagt Dale. "Unsere Feinde kommen wieder."

Auf ähnliche Kampfmissionen müssen sich auch die deutschen Soldaten einstellen. "Die QFR wird auch diesen Sommer die afghanische Armee in Faryab wieder unterstützen müssen", prophezeit Dale, "bis die ANA in der Region nicht die Übermacht hat, braucht sie unsere Hilfe". Auch das Verteidigungsministerium kennt diese Fakten. Ein Erkundungsbericht nennt explizit den "Westrand" des Nordbereiches als Einsatzgebiet der deutschen QRF. Innerhalb der kommenden Monate sei mit einer "deutlichen Verschlechterung" der Sicherheitslage und mit "erhöhter Aktivität von irregulären Kräften" zu rechnen, so der Report.

Der Frühling hat gezeigt, dass die Prognose zutrifft. Dreimal konnten die Fallschirmjäger, die Verteidigungsminister Jung nach Kunduz schickte, in den letzten beiden Wochen Waffenlager mit 107-Milimeter-Raketen ausheben. 36 solcher Geschosse wurden in den letzten Monaten auf das deutsche Lager abgefeuert. In der Provinz Balkh erschossen Angreifer auf Motorrädern am Dienstag einen afghanischen Entwicklungshelfer – eine Taktik, die man sonst eher aus dem Süden Afghanistans kannte. Selbst ruhige Kommandeure wie der Norweger Dale betrachten diese Entwicklung mit Sorge.

"Wir haben viel Glück gehabt. Bisher"

Auch den Streit innerhalb der Nato um die Verteilung der Lasten und fehlende Unterstützung kennt Kommandant Dale aus eigener Erfahrung. Zwei Mal schon baten Amerikaner und Briten, die schnelle Eingreiftruppe möge doch auch im heftig umkämpften Süden aushelfen - und beide Male lehnte Oslo ab. Dieses Vetorecht möchte sich auch Berlin für die QRF vorbehalten. Nur in Extremsituationen, "wenn Freunde in Not sind", könne man gen Süden ziehen. Die Anfragen wird es trotzdem geben.

Bis die Deutschen in Masar-i-Scharif ankommen, werden Dale und seine Männer weiter für den Ernstfall trainieren. Nicht weit vom Lager üben sie in einem verlassenen Dorf den Straßenkampf von Haus zu Haus. Dort schießen sie mit ihren Mörsern, werfen Handgranaten. Den Männern der Einheit, das sagen sie alle, liegt das mehr als der Schutz von Generälen oder die Absicherung von Konvois.

Dass sie bei ihrer Mission noch keinen Mann verloren haben, sei fast Zufall. "Wir haben sehr viel Glück gehabt", sagt Kommandant Dale. Einen Moment später ergänzt er sich: "Bisher."

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.