Von Marc Pitzke, New York
Twitter war mal wieder am schnellsten. Am späten Sonntagabend liefen dort die ersten Kommentare zum Tode Kim Jong Ils - viele spöttisch: "Der geliebe Führer ist nun der geliebte verstorbene Führer." Selbst NBC-Chefkorrespondentin Andrea Mitchell konnte sich etwas Häme nicht verkneifen. "Kim war so klein", twitterte sie über ihre eigene Begegnung mit Nordkoreas Diktator, "dass er hochhackige Schuhe trug."
Eine bezeichnende Anekdote: Diese Begegnung fand vor mehr als elf Jahren statt, als Mitchell Bill Clintons damalige Außenministerin Madeleine Albright nach Pjöngjang begleitete.
Albright war das letzte US-Regierungsmitglied, das Kim traf. Spätestens als Nordkorea aus dem Atomwaffensperrvertrag austrat, herrschte offizielle Eiszeit - markiert von George W. Bush, der Nordkorea 2002 mit dem Irak und Iran zur "Achse des Bösen" erklärte.
Kein Wunder, dass die Strategen im Weißen Haus von der Nachricht nun genauso überrascht wurden wie die US-Medien, die sich bei ihren Eilmeldungen aufs nordkoreanische Staatsfernsehen berufen mussten - 52 Stunden nach dem Todeszeitpunkt, so hermetisch abgeriegelt ist das Land. Selbst die CIA hatte offenbar keinerlei Vorwarnung. Auch über Kims designierten Nachfolger, seinen Sohn Kim Jong Un, weiß sie herzlich wenig - seine CIA-Akte bestand lange nur aus einem Studentenfoto.
Jay Carney, der Sprecher des Weißen Hauses, versuchte am Nachmittag jedenfalls, keine neue Schlagzeilen zu machen. "Ich glaube nicht, dass wir zusätzliche Bedenken haben, über die hinaus, die wir seit langem mit Nordkoreas Ansatz in nuklearen Fragen haben", sagte er. "Wir werden sie weiterhin drängen, ihre internationalen Verpflichtungen zu erfüllen." Was künftige Gespräche angehe, würden die USA die nordkoreanische Regierung "aufgrund ihrer Handlungen beurteilen" - vor allem was die Atomwaffenabrüstung angehe.
Obama sichert Japan Hilfe zu
Schon über Nacht hatte das Weiße Haus eine denkbar zurückhaltende Erklärung herausgegeben, die Kims Tod zunächst nur indirekt als unbestätigten "Bericht" verklausulierte, Pjöngjang aber zwischen den Zeilen sofort vor militärischen Mätzchen warnte: "Wir bleiben der Stabilität auf der koreanischen Halbinsel und der Freiheit und der Sicherheit unserer Alliierten verpflichtet." Namentlich Südkorea - weshalb Präsident Barack Obama bereits um Mitternacht mit dem südkoreanischen Präsidenten Lee Myung Bak telefonierte, mit dem er gut befreundet ist.
Auch den japanischen Regierungschef Yoshihiko Noda rief er an, um die Entschlossenheit der USA zu betonen, "unsere engen Verbündeten, einschließlich Japans, zu verteidigen". US-Außenministerin Hillary Clinton und Verteidigungsminister Leon Panetta klemmten sich ebenfalls sofort ans Telefon. Auch China und Russland wurden konsultiert.
Clinton forderte einen "stabilen und friedlichen Übergang" in Nordkorea. Die neue nordkoreanische Führung sei dazu aufgerufen, den Pfad des Friedens einzuschlagen und die Menschenrechte zu achten. Washington wünsche "verbesserte Beziehungen" zum nordkoreanischen Volk, über dessen Wohlergehen Clinton sich tief besorgt zeigte.
Machtvakuum, Regierungskrise, Militärputsch: Bei einem politischen Kollaps wäre Nordkorea der erste "Failed State" mit Atomwaffen. Alle Horroszenarien der CIA dazu beginnen mit ein und demselben Auslöser - Kims Tod.
Hat Kim Jong Un Rückhalt beim Militär, in der eigenen Familie?
"Wir befinden uns nun mitten in diesem Szenario", sagte Victor Cha, ein früherer Asienbeauftragter im Sicherheitsrat des Weißen Hauses und heute Professor an der Georgetown University, dem "Wall Street Journal". "Das ist wie ein Goldfischglas: Jeder starrt in das Glas, um zu sehen, was los ist, aber keiner steckt bisher seine Hand hinein."
Kims plötzlicher Tod "bringt bedeutende Gefahren mit sich", sagte auch Michael Singh, der Geschäftsführer des Washington Institutes, im Kabelsender MSNBC. Kims Sohn habe kaum Zeit gehabt, sich zu positionieren. "Hat er die Unterstützung des Militärs? Hat er überhaupt die Unterstützung seiner eigenen Familie?"
"Wir treten in eine besonders gefährliche Phase", sekundierte Jim Walsh, ein Professor für internationale Sicherheit am Massachusets Institute of Technology (MIT), der sich in den letzten Monaten im Rahmen inoffzieller US-Kontakte mit nordkoreanischen Delegationen getroffen hat. "Kim Jong Un ist ein blasses Abbild seines Vaters", ergänzte Bruce Klingner, Asienexperte der Heritage Foundation. "Er könnte es in Zukunft für notwendig erachten, eine Krise zu provozieren, um sich vor anderen Führungspersönlichkeiten zu profilieren oder von dem Versagen des Regimes abzulenken."
Kims Tod beschert Obama somit das nächste gigantisch-globalpolitische Problem - kaum dass die vorherigen (Irak, al-Qaida, Arabischer Frühling) halbwegs ausgestanden sind. Anders als bei denen aber operieren die USA bei Nordkorea notgedrungen nicht mit nur einer, sondern mit vielen unbekannten Größen.
Größte Sorge ist die Ungewissheit über Nordkoreas Atomwaffen. Die internationalen Versuche, diese einzudämmen, hatten gerade erst wieder ansatzweise begonnen. Experten erwarten jetzt erst mal eine bange Pause.
"Das Nachfolgeregime muss sich noch konsolidieren, bevor es so weit ist, mit den USA, Südkorea und anderen zu reden", schrieb Richard Bush vom Center for Northeast Asian Policy Studies auf der Website Daily Beast. "Es gab Bewegung auf ein solches Engagement hin, aber jetzt kann zunächst wenig passieren."
Dabei schien auch die US-Regierung zuletzt wieder die Fühler nach Pjöngjang ausgestreckt zu haben. Erst kürzlich hatte Obama eine neue Staatssekretärin ins Außenministerium berufen - Wendy Sherman, die Albrights historischen Besuch im Oktober 2000 eingefädelt hatte.
Obamas Nordkorea-Kurs wird von US-Konservativen jedoch heftig kritisiert. Der republikanische Präsidentschaftsbewerber Mitt Romney nannte Kims Tod eine Gelegenheit, "Nordkorea von seinem heimtückischen Kurs abzubringen". Sprich: Isolation und Regimewechsel statt Verhandlungen.
Ungeachtet dessen wollten sich US-Vertreter am Donnerstag in Peking mit nordkoreanischen Diplomaten treffen, um über Lebensmittelhilfe für das hungernde Land zu beraten. Diese schon länger geplanten Kontakte sollten eigentlich wiederum die Tür öffnen für neue Kernwaffenverhandlungen - vielleicht sogar eine Wiederbelebung der im April 2009 geplatzten Sechs-Parteien-Gespräche bewirken (USA, China, Japan, Russland, Südkorea, Nordkorea).
Kims Hassliebe zu Hollywood
Für Obama wäre dies ein Coup. Nicht zuletzt auch im Vorfeld das nächsten Atomsicherheitsgipfels, zu dem er im März 2012 nach Seoul reisen will. Jetzt scheint sich diese Tür aber erst mal wieder zu schließen.
Südkorea bleibt Angelpunkt aller Szenarios. Seit Jahrzehnten planen Washington und Seoul für den Ernstfall, vom Militärkonflikt bis zur humanitären Katastrophe - bei einem Machtkampf könnten Millionen Nordkoreaner an die Grenze strömen. Washington hat derzeit fast 30.000 Soldaten in Südkorea stationiert.
Der verstorbene Kim, den eine gegenseitige Hassliebe mit Hollywood verband, bleibt jedenfalls weiter im US-Abendprogramm präsent. Die populäre Comedy-Serie "30 Rock" hatte ihn schon vorher zum zentralen Punkt ihrer kommenden Staffel gemacht: Da entführte Kim die Frau des Serienhelden Jack Donaghy. Erste Promo-Spots liefen bereits.
Wie dieser fiktive Handlungsstrang nach Kims Tod nun weitergesponnen wird, bleibt offen.
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