Neuer Job für Blair Salam alaikum, Tony

Der britische Premierminister tritt ab – und gleich wieder auf: als Sondergesandter für den Nahen Osten. Am Mittwoch wird seine Ernennung offiziell bekannt gegeben. Die Araber begrüßen ihn mit gemischten Gefühlen.

Von , Dubai


Ein Sportstudio in Kairo, am Nachmittag des 24. September 2002: Auf den stumm geschalteten Fernsehern laufen al-Dschasira und BBC, da halten die Besucher plötzlich ihre Laufbänder und Cross-Trainer an. Jemand geht nach vorn und dreht die Lautstärke hoch. Das britische Unterhaus debattiert über den Irak, und Tony Blair hat eine dramatische Botschaft: Saddam Hussein sei innerhalb von 45 Minuten in der Lage, einen Chemie- oder Biowaffenangriff auszuführen.

Blair: Früher strahlte er Enthusiasmus und Jugendlichkeit aus
REUTERS

Blair: Früher strahlte er Enthusiasmus und Jugendlichkeit aus

Die meisten hier, das ist schwer zu überhören zwischen Sauna und Saftbar, haben Zweifel an den sich zuspitzenden Beschuldigungen gegen den Irak. Andererseits: Hier spricht der britische Premierminister in der Kathedrale der parlamentarischen Demokratie. Da würde er vielleicht über einen Abhörskandal oder eine Parteispendenaffäre schwindeln, aber nicht über eine Frage von Krieg und Frieden. Gespannt schauen die Leute zu. "Ich bekomme langsam Zweifel an meinen Zweifeln", sagt einer.

Britische Politiker tragen schwer an den Hypotheken des Empires in der Arabischen Welt. Dass Lord Kitchener 1898 im Sudan den Mahdi-Aufstand niederschlug, dass die Briten 1919 den Irak besetzten und in der Suezkrise 1956 Kairo bombardierten – Fußnoten in Europas Geschichtslehrplänen, aber Eckdaten im kollektiven Gedächtnis der Araber. Was den Deutschen im Nahen Osten zum Vorteil gereicht – dass sie dort keine koloniale Vergangenheit haben –, macht umgekehrt die Briten so verdächtig.

Aber wenn es je einen Premierminister gab, der in der arabischen Welt gute Karten hatte, dann war es der frühe Tony Blair. Er strahlte Enthusiasmus und Jugendlichkeit aus, ein abstrakter, aber nicht unwesentlicher Vorzug in einer Weltgegend, deren Bevölkerung zur Hälfte jünger ist als 20 Jahre, vielfach aber von alten Männern regiert wurde – und wird. Saddam Hussein war 2002 65 Jahre alt, Jassir Arafat 73, Hosni Mubarak 74 und der ägyptische Jugendminister 65.

Der Schock des 11. September hatte auch Kairo, Damaskus und Bagdad erfasst, der Feldzug des Westens gegen die Taliban erschien auch hier als ein notwendiges Übel, und der hohe Ton des Laienpredigers Tony Blair traf die verunsicherten Eliten der arabischen Welt durchaus. Er trat, weit entschiedener als andere Führer des Westens, für eine Zweistaaten-Lösung im Nahen Osten ein; diesen Konflikt zu entschärfen, sagte er, sei entscheidend im Krieg gegen den Terror. Keiner sprach so überzeugend von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten wie Blair, und noch hatten diese Worte keinen zynischen Beiklang. Noch hatte der Krieg im Irak nicht begonnen.

Der Bock als Gärtner?

Fünf Jahre später tritt Blair nun als Premierminister ab und geht als Sondergesandter des Nahost-Quartetts (Uno, USA, Russland und die EU) nach Jerusalem. Am Mittwoch wird dies nach Angaben eines hohen amerikanischen Regierungsverterters offiziell bekannt gegeben. Ein Bock, den sie zum Gärtner gemacht haben? Ein Staatsmann, der nach der Katastrophe im Irak an seinen Platz in den Geschichtsbüchern denkt? Oder ein geborener Vermittler, der dort ansetzen will, wo Bill Clinton 2000 gescheitert ist?



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.