Aus Manchester berichtet Carsten Volkery
Der neue Labour-Parteivorsitzende hatte eine klare Botschaft. "Heute hat eine neue Generation die Führung übernommen", erklärte Ed Miliband auf dem Parteitag in Manchester. Er habe die Botschaft der Wähler verstanden, Labour werde sich ändern.
Dabei blickte er todernst, fast wirkte er ein bisschen schockiert. Nur um Haaresbreite hatte der 40-Jährige sich bei der parteiinternen Wahl gegen den Favoriten, seinen viereinhalb Jahre älteren Bruder David, durchgesetzt. 50,65 gegen 49,35 Prozent lautete das Ergebnis in der vierten Auszählungsrunde, als die zweiten und dritten Präferenzen der Anhänger der anderen Kandidaten auf die beiden Führenden verteilt waren.
Ed verkniff sich jegliches Triumphgeheul, und David gab den guten Verlierer. Er stand als Erster auf und applaudierte, dann umarmten sich die beiden.
Die Familie, hatten die Milibands immer wieder versichert, solle unter dem politischen Duell nicht leiden. Nun wird sich zeigen, wie David sich unter der Führung seines kleinen Bruders zurechtfindet. Er sagte mit einem Lächeln, dies sei Eds Tag. Doch er konnte die Tränen kaum unterdrücken. Parteifreunde hatten in den vergangenen Wochen bereits verraten, David sei "zutiefst verbittert". Schließlich galt er seit Jahren als Kronprinz, der Gordon Brown nachfolgen würde. Er hatte sogar den Posten des EU-Außenministers ausgeschlagen, um sich seinen Traum vom Parteivorsitz zu erfüllen.
Doch in dem viereinhalb Monate dauernden parteiinternen Wahlkampf hatte Ed den Schwung auf seiner Seite: Er wirkte frischer und radikaler und verkörperte damit besser die Sehnsucht der Partei nach einem Neuanfang. "Das Herz hat über den Kopf gesiegt", konstatierte "Guardian"-Kolumnist Michael White.
Auf Jahre vergiftetes Parteiklima
Es gibt Parallelen zu 1994, als Tony Blair Parteichef wurde - zur tiefen Enttäuschung von Gordon Brown. Damals fand keine Wahl statt, sondern eine gemeinsame Entscheidung der beiden Rivalen, aber auch hier setzte sich der jüngere, dynamischere Kandidat gegen den erfahrenen, etwas steifen Favoriten durch. Browns Groll vergiftete das Parteiklima auf Jahre.
Dessen eingedenk versprach Ed Miliband in seiner ersten kurzen Rede als Parteichef, Labour vereinen zu wollen. Das dürfte nicht leicht werden. Denn sein Sieg steht obendrein für einen Kurswechsel. Ed hatte sich im Wahlkampf als Kandidat des Wandels positioniert. Er versprach ein Ende des autoritären Führungsstils der Blair-Brown-Ära und eine deutlich linkere Politik. Er plädierte dafür, die Reichen wieder stärker zur Kasse zu bitten und weniger drastisch zu sparen.
Vertreter der alten Garde hatten darum vor ihm gewarnt. Er werde die Partei wieder in die linke Wohlfühlzone lotsen, nicht aber zurück in die Downing Street. Der frühere Minister Peter Mandelson prophezeite, Ed werde die Partei in eine "Sackgasse" führen, Ex-Premier Tony Blair soll gar von einem "Desaster" gesprochen haben.
Das Ergebnis war so knapp, dass die Hälfte der Partei nun enttäuscht ist. Die Mehrheit der Labour-Abgeordneten hat für David gestimmt, ebenso wie die Mehrheit der Parteimitglieder. Beide Gruppen stellen je ein Drittel der Wahlversammlung. Ed hat seinen Sieg der überwältigenden Unterstützung der Gewerkschaftsmitglieder zu verdanken, die ein weiteres Drittel der Stimmen liefern. Sie sahen in ihm den Mann, der den Blair-Erben David stoppen konnte. Zugute kam Ed außerdem, dass er seit 2007 mit der Ausarbeitung des Wahlprogramms beauftragt war. Das war mit ständigem Reisen und Diskussionen an der Basis verbunden.
Wie radikal ist "Red Ed" wirklich?
Die Tories können zufrieden sein: Für sie wird es nun einfacher, Labour als linke Kolonne im Sog der Gewerkschaften zu porträtieren. Ed war ihr Wunschkandidat. Auch die konservativen Zeitungen des Medienzaren Rupert Murdoch haben sich bereits auf "Red Ed" eingeschossen.
Doch ist unklar, wie radikal der jüngere Miliband wirklich ist. Er hat im Wahlkampf den Populisten gespielt. Er hat auch gesagt, es sei ihm nicht peinlich, Sozialist genannt zu werden. Aber es spricht einiges dafür, dass die Rhetorik der Profilierung im Bruderduell geschuldet war. Als Minister für Energie und Klimawandel unter Gordon Brown war er jedenfalls ebenso pragmatisch aufgetreten wie der Rest des Kabinetts.
Als größeres Problem könnte sich seine Unerfahrenheit entpuppen. Kritiker halten ihn für ein Leichtgewicht, letztlich ungeeignet für das Amt des Premierministers. Tatsächlich wirkt er manchmal wie ein Schwätzer, der nicht so recht weiß, was er will. Viele haben ihn daher bislang nicht ernst genommen. Seine Anhänger hingegen loben seinen natürlichen Umgang mit Menschen. Er habe die seltene Gabe, Leute zu inspirieren, sagt der frühere Parteichef Neil Kinnock. Zunächst sind seine Fähigkeiten als Moderator gefragt, wenn er sein Schattenkabinett aufstellt.
Helfen dürfte dem neuen Oppositionsführer das politische Klima. Er übernimmt die Partei zu einem günstigen Zeitpunkt. Der Stern der liberalkonservativen Regierung sinkt, der unpopuläre Sparkurs zeigt erste Wirkung. In Umfragen ist Labour mit den Tories gleichgezogen - zum ersten Mal seit Jahren. Die Partei hat seit der Wahl 35.000 neue Mitglieder gewonnen. Viele Liberaldemokraten, verärgert über die Koalition mit den verhassten Tories, wenden sich wieder Labour zu.
Am Dienstag kommt die erste Feuerprobe für den neuen Boss. In der traditionellen Rede des Parteivorsitzenden muss er dem Parteitag seine Vision darlegen. Es wird Standing Ovations geben. Aber die können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Ed Miliband sich den Respekt seiner Partei erst noch wird erarbeiten müssen.
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