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Neues Deutschland-Bild: Die Sympathie-Weltmeister

Von , , Horand Knaup, Anne Onken, , , und

Frankreich - Bewunderung für "Autobahn-Fußball"

Jubelndes DFB-Team (nach dem England-Spiel): "Jugend, Frische, Dynamik" Zur Großansicht
AFP

Jubelndes DFB-Team (nach dem England-Spiel): "Jugend, Frische, Dynamik"

Es ist noch gar nicht so lange her: Mitte Juni, das französisch-deutsche Verhältnis dümpelte mal wieder auf eine Krise zu, überschrieb der "Figaro" eine Kritik an der beinharten Ablehnung der Kanzlerin gegen eine europäische "Wirtschaftsregierung" nur mit "Angela Merkel über alles". Seit dem verbalen Tiefschlag des Blattes, das gemeinhin als Sprachrohr des Präsidenten Nicolas Sarkozy gilt und unter Medienvertretern den Spitznamen "Elysée-Prawda" trägt, sind wechselvolle Wochen ins Land gegangen.

Sarkozy ist nicht nur durch Affären und Skandale geschwächt, obendrein mussten die "Bleus" nach einer üblen Dauerserie peinlicher Niederlagen, nach internen Querelen und einem Trainingsstreik aus dem WM-Land Südafrika die Heimreise antreten. Die Schmach quälte Frankreichs Staatschef so sehr, dass er Fußballstar Thierry Henry in den Elysée einbestellte und das Parlament Trainer Raymond Domenech zur Anhörung vorlud.

Und kaum hat die Nation dem Trikoloren-Team mit Abscheu den Rücken gekehrt, gilt ausgerechnet den Nachbarn eine schulterklopfende Sympathie. Das Team von Joachim Löw - in Frankreich als "la Mannschaft" apostrophiert - wird fast zum sportiven Vorbild gekürt: "Wie schön ist diese Crew", freut sich "Le Monde" nach dem Sieg über Argentinien und dekliniert den Elogen-Segen der Fans über die "deutschen Eroberer" herunter: "Wunder der Jugend, Frische, Dynamik, Enthusiasmus, Spontaneität, Wagemut, Intelligenz".

Die oft verschmähte Bundesrepublik hat sich auch in die Herzen der französischen Fußballanhänger gedribbelt, selbst jenseits des Rheins, wo die martialischen Teutonen-Kicker ziemlich umstritten waren. "Ohne das Gewicht der Geschichte zu bemühen oder Reste von Germanophobie", kommentiert das Blatt, "der Traumatismus, der durch die Attacke von Harald Schumacher gegen Patrick Battiston beim berühmten Halbfinale in Sevilla 1982 provozierte, hatte bislang alle Versuche einer Verführung dauerhaft ruiniert."

Vorbei, das war einmal. Zwar wird, unter Bedienung der üblichen Klischees, das Spiel der Deutschen als "Autobahn-Fußball" beschrieben oder als "ein Bolide im fünften Gang auf einer Schnellstraße ohne Geschwindigkeitsbeschränkung". Aber daneben wird nicht nur die "Spielphilosophie" der Deutschen analysiert, sondern die verjüngte Equipe nachgerade als visionäres Zukunftsmuster gepriesen.

Politisch verblüffend in einem Land, das eine von Vorurteilen geprägte bittere Abgrenzungsdebatte über nationale Identität gerade hinter sich hat: Selbst der Migrantenanteil des deutschen Teams kommt noch positiv zur Geltung, ja, als überzeugender Beweis einer gelungenen Integrationspolitik - Modell Multikulti.

Stefan Simons, Paris

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 83 Beiträge
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1. Ersatzbegriffe für Verlierer
avp 08.07.2010
Sympathieweltmeister, Weltmeister der Herzen, Gewinner der Konstrukteurswertung, ... alles Bullshitt! Verloren ist verloren, da täuschen solche Verlegenheitstitel auch nicht drüber hinweg.
2. Sympathie-Weltmeister?
culcas 08.07.2010
Schön, dass Deutschland im Ausland als sympathisch gilt. Ich lebe in Berlin und habe das Glück, mich hier als Gastarbeiter wohl zu fühlen. Mein größter Wunsch wäre es jedoch, kurz vor und während einer WM, Deutschland zu verlassen und erst nach dem Ausscheiden der Mannschaft zurückzukehren. Nicht aus Neid weil Deutschland oft weit kommt. Es ist diese intolerante, überhebliche und z.T. beleidigende Art und Weise der "Fans" hirzulande (besser: Eventfans mit der Lizenz zum Saufen und alles nieder machen was nicht deutsch ist), welche es unmöglich macht, Fußball aus rein sportlicher Sicht zu verfolgen, also mit OBJEKTIVITÄT und RESPEKT dem Gegner gegenüber. Kurz vor der WM waren Demos gegen den "bösen-Ballack-Treter" Boateng geplant...sehr Weltoffen und freundlich... die Bolulevard-Presse (keiner will es gekauft haben, frage mich aber wo die 4 Mio. Exemplare täglich landen...) hetzt gegen "Italo-Opas", "Treter-Serben" und "Schläger-Spanier"...nicht nur die ausländische Presse kritisieren... Es ist so weit gekommen, dass in Deutschland lebende Landsleute in den einheimischen Internet-Foren (Sport-/Tageszeitungen) aus o.g. Gründen davor abraten für Deutschland die Daumen zu drücken. Deshalb ist die Frage berechtfertigt (welche bereits ein Forumsteilnehmer stellte) in wie weit eine Fußball-Mannschaft die Wahrheit widerspiegeln kann.
3. Sympathie-Weltmeister...Das hört sich an wie Schalke 04
haltetdendieb 08.07.2010
"Die Sympathie-Weltmeister" Das hört sich an wie Schalke 04 und Bayer Leverkusen auf einen Schlag! Dann wird es die nächsten 100 Jahre nichts mit dem Titel, denn wir wollen uns die Sympathie doch mit niemanden verscherzen!
4. Der schönste Fußball
Fritz Katzfuß 08.07.2010
der Welt. Jawoll. Wir verloren, als wir unbedingt gewinnen wollten.
5. Sympathieweltmeister
Subcommandante_M, 08.07.2010
Zitat von sysopSie sind raus aus dem Titel-Rennen, doch Schweinsteiger, Özil, Khedira und Co. haben trotzdem begeistert - auch im Ausland. Löws junge Truppe steht international für ein lockeres, bunteres Deutschland. SPIEGEL-ONLINE-Korrespondenten auf drei Kontinenten schildern, wie uns die Welt nun sieht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,705194,00.html
... und die Woge der Sympathie ist doch auch sehr viel wert, wahrscheinlich sogar mehr für jeden von uns als wenn wir - IMHO unverdient - gegen Spanien gewonnen hätten. Mir bedeutet es auf jeden Fall etwas im Ausland als sympathisch wahrgenommen zu werden und nicht ausschließlich als teutonischer Exportweltmeister.
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