Neues Deutschland-Bild Die Sympathie-Weltmeister

Jubelndes DFB-Team (nach dem England-Spiel): "Jugend, Frische, Dynamik"
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Jubelndes DFB-Team (nach dem England-Spiel): "Jugend, Frische, Dynamik"

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Italien - "Wenn wir nur so spielen könnten"


Während südafrikanische Kommentatoren Bastian Schweinsteiger mit Hitler vergleichen und sich darüber aufregen, wie er auf dem Spielfeld Befehle bellt, als würde er nicht Fußball spielen, sondern Osama Bin Laden jagen, fällt Italien nicht herein auf alte Klischees. "Panzer" nennt die deutschen Spieler kaum noch jemand. In Italien ist klar, das DFB-Team hat verdient gegen die "spanischen Matadore" verloren - aber trotzdem zählen sie Deutschland zu den Gewinnern der WM. Sozusagen als Trostpreis verlieh der "Corriere dello Sport" den Fashion-Award der WM an Trainer Jogi Löw - für seinen V-Pullover aus blauem Kaschmir, "dieser Stil wird Mode machen".

Grund für die Niederlage der Deutschen, so sagten es viele am Mittwoch auf den Public-Viewing-Plätzen in Rom und meinten es ernst: Es fehlte im Stadion von Durban, das deutsche Maskottchen, daran werde es wohl gelegen haben.

Merkel wirkt "buffa", ein bisschen komisch

Nach dem Sieg gegen Argentinien war die Kanzlerin hier so präsent wie selten, Italien lag ihr zu Füßen. Mangels eigener Fußballfortuna druckten die Zeitungen auf ihren Titelseiten wieder und wieder die Fotos von Merkels Jubelschreien nach dem Viertelfinale - und freuten sich mit ihr und mit der deutschen "Multikulti-Mannschaft".

Zu sehen war eine kleine, dickliche Frau im roten Jackett, die von ihrem Stuhl im Stadion aufspringt, ihre Arme in die Luft reißt und brüllt wie ein Fan. Gewiss, "La Angelona", die körpermächtige Angela, entspricht so gar nicht dem gängigen Schönheitsideal einer Frau in Italien, sie hat mehr an, trägt Brille, ist ungeschminkt und uneitel - sie wirkt "buffa", ein bisschen komisch, aber überzeugender als der glatt geliftete Silvio Berlusconi.

"Ungelenk, aber mutig: Angelas Sieg", titelte daher die Tageszeitung "Corriere della Sera" und räumte auf mit dem Vorurteil, die als "eisenhart" verschriene Kanzlerin würde den Deutschen Unglück bringen, sie ersticke an den Problemen daheim nach dem Wahldebakel um den Bundespräsidenten. In Italien wurde Deutschlands starkes Spiel als Merkels persönlicher Triumph gesehen, weil die Kanzlerin ihre Mannschaft vor Ort anfeuerte und in den Sieg führte. "Unsere Angela, der 12. Mann im Spielfeld", freute sich der "Corriere". So viel ausgelebte Fußballleidenschaft beeindruckte die Italiener, sie ließen sich verführen von einem Spielsystem, das sie nicht kopieren konnten, und einer Freude, die sie selbst verloren hatten.

Überhaupt herrscht in Italien seit ihrem ruhmlosen Ausschied in der Vorrunde kein verzagtes Beleidigtsein: Nicht nur die Zeitungen sind voll - auch die Public-Viewing-Plätze, wo man nach deutschem Vorbild "Fan-Feste" wie zur WM 2006 feiert mit Großbildschirmen, Plastikrasen, Sonnensegeln und Bierständen. Und nicht nur deutsche Touristen kommen etwa in die Villa Borghese in Rom, sondern auch italienische Fans. Es ist, als verdrehten sich hier die Klischees: Die Deutschen waren den Italienern sympathisch - und Italiener gönnten ihnen den Erfolg.

"Dass die Deutschen jung sind und multiethnisch", wusste man, aber neu und überraschend sei, wie "unterhaltsam" sie dabei rüberkämen, erkannte neidlos "La Stampa" an und lobte, dass die deutsche Mannschaft nach dem Viertelfinalsieg "lacht und Spaghetti isst". "Man sollte nie den Fehler machen, eine Nationalmannschaft mit einer Nation gleichzusetzen, aber es gibt Momente, da geht es nicht anders. Wenn wir doch nur so spielen könnten wie die Deutschen" - kommentierte der "Corriere" und bezog sich damit nicht nur auf Fußball.

Fiona Ehlers, Rom

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avp 08.07.2010
1. Ersatzbegriffe für Verlierer
Sympathieweltmeister, Weltmeister der Herzen, Gewinner der Konstrukteurswertung, ... alles Bullshitt! Verloren ist verloren, da täuschen solche Verlegenheitstitel auch nicht drüber hinweg.
culcas 08.07.2010
2. Sympathie-Weltmeister?
Schön, dass Deutschland im Ausland als sympathisch gilt. Ich lebe in Berlin und habe das Glück, mich hier als Gastarbeiter wohl zu fühlen. Mein größter Wunsch wäre es jedoch, kurz vor und während einer WM, Deutschland zu verlassen und erst nach dem Ausscheiden der Mannschaft zurückzukehren. Nicht aus Neid weil Deutschland oft weit kommt. Es ist diese intolerante, überhebliche und z.T. beleidigende Art und Weise der "Fans" hirzulande (besser: Eventfans mit der Lizenz zum Saufen und alles nieder machen was nicht deutsch ist), welche es unmöglich macht, Fußball aus rein sportlicher Sicht zu verfolgen, also mit OBJEKTIVITÄT und RESPEKT dem Gegner gegenüber. Kurz vor der WM waren Demos gegen den "bösen-Ballack-Treter" Boateng geplant...sehr Weltoffen und freundlich... die Bolulevard-Presse (keiner will es gekauft haben, frage mich aber wo die 4 Mio. Exemplare täglich landen...) hetzt gegen "Italo-Opas", "Treter-Serben" und "Schläger-Spanier"...nicht nur die ausländische Presse kritisieren... Es ist so weit gekommen, dass in Deutschland lebende Landsleute in den einheimischen Internet-Foren (Sport-/Tageszeitungen) aus o.g. Gründen davor abraten für Deutschland die Daumen zu drücken. Deshalb ist die Frage berechtfertigt (welche bereits ein Forumsteilnehmer stellte) in wie weit eine Fußball-Mannschaft die Wahrheit widerspiegeln kann.
haltetdendieb 08.07.2010
3. Sympathie-Weltmeister...Das hört sich an wie Schalke 04
"Die Sympathie-Weltmeister" Das hört sich an wie Schalke 04 und Bayer Leverkusen auf einen Schlag! Dann wird es die nächsten 100 Jahre nichts mit dem Titel, denn wir wollen uns die Sympathie doch mit niemanden verscherzen!
Fritz Katzfuß 08.07.2010
4. Der schönste Fußball
der Welt. Jawoll. Wir verloren, als wir unbedingt gewinnen wollten.
Subcommandante_M, 08.07.2010
5. Sympathieweltmeister
Zitat von sysopSie sind raus aus dem Titel-Rennen, doch Schweinsteiger, Özil, Khedira und Co. haben trotzdem begeistert - auch im Ausland. Löws junge Truppe steht international für ein lockeres, bunteres Deutschland. SPIEGEL-ONLINE-Korrespondenten auf drei Kontinenten schildern, wie uns die Welt nun sieht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,705194,00.html
... und die Woge der Sympathie ist doch auch sehr viel wert, wahrscheinlich sogar mehr für jeden von uns als wenn wir - IMHO unverdient - gegen Spanien gewonnen hätten. Mir bedeutet es auf jeden Fall etwas im Ausland als sympathisch wahrgenommen zu werden und nicht ausschließlich als teutonischer Exportweltmeister.
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