Neues Deutschland-Bild Die Sympathie-Weltmeister

Jubelndes DFB-Team (nach dem England-Spiel): "Jugend, Frische, Dynamik"
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Jubelndes DFB-Team (nach dem England-Spiel): "Jugend, Frische, Dynamik"

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Israel - Selbst Netanjahu ist Deutschland-Fan


Irgendwann, als Ajala Hasson, Moderatorin des Ersten Israelischen Fernsehens, zum wiederholten Male von der deutschen Nationalelf schwärmte, sagte ihre Tochter: "Mama, wie kannst du für die Deutschen sein, Oma hat doch mit den Partisanen gegen die Nazis gekämpft!" Aber für Ajala Hasson sind das zwei verschiedene Dinge: der Holocaust, den man nicht vergessen darf, und die deutsche Nationalelf, über die man sich freuen darf. "Die Deutschen sind die Einzigen, die bei dieser WM Fußball gespielt haben", sagt Hasson.

Noch mehr als die deutsche Nationalmannschaft mag die israelische Journalistin allerdings Angela Merkel. "Eine tolle Frau!", sagt sie. Merkel hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Einstellung der Israelis zu Deutschland in den vergangenen Jahren immer freundlicher geworden ist. Sie durfte als erste deutsche Regierungschefin vor dem israelischen Parlament sprechen und bedankte sich mit einem Bekenntnis zur Solidarität. ("Israels Sicherheit ist für Deutschland nicht verhandelbar.")

Die Bundesrepublik gilt, gleich hinter den Vereinigten Staaten, als wichtigster Verbündeter. Die Flüge von Tel Aviv nach Berlin sind oft ausgebucht, und die Deutschkurse an den Goethe-Instituten in Tel Aviv und Jerusalem haben Konjunktur. Im Alltag sind deutsche Produkte wie Müller-Joghurt oder Knorr-Suppen nicht nur selbstverständlich, manche Firma wirbt sogar dezidiert mit dem Hinweis "Made in Germany", so wie neulich das Unternehmen Zeiss auf einer ganzseitigen Zeitungsanzeige für ihre Brillengläser.

Auch wenn Israelis das Wort nicht in den Mund nehmen: Normalisiert hat sich über die vergangenen Jahre viel in den deutsch-israelischen Beziehungen. Aber sich als Fan der deutschen Nationalelf zu outen, galt bislang als Tabu. "Wenn ich sage, dass ich ein Deutschland-Fan bin, verziehen einige das Gesicht", erzählt der Sänger Dudu Aharon. "Natürlich stört mich das, aber was soll ich tun? Soll ich lügen und sagen, dass ich Brasilien-Fan bin?"

Jeder Dritte wünschte Deutschland den WM-Titel

Doch trauten sich während der WM immer mehr Israelis, ihre Liebe zur deutschen Nationalelf zu erklären. Und die Deutschen gewannen immer mehr Anhänger. Das Meinungsforschungsinstitut "Dachaf" befragte vor der Halbfinal-Niederlage gegen Spanien rund 500 Israelis, wer Weltmeister werden sollte. Jeder dritte Israeli sprach sich für die Deutschen aus. Und die größte Tageszeitung "Jediot Acharonot" titelte: "Das andere Deutschland".

Die Fußball-WM hat das Verhältnis zwischen den beiden Völkern verbessert, zwischen den Regierungen beider Länder kriselt es dagegen seit einiger Zeit. Da war die ziemlich dreiste Forderung Jerusalems, Merkel möge über die Siedlungen im Westjordanland nicht öffentlich sprechen. Oder die Liquidierung des Hamas-Führers Mahmud al-Mabhuh durch den Mossad in Dubai, bei auch ein deutscher Pass zum Einsatz kam; oder zuletzt das israelische Verbot, der deutsche Entwicklungsminister dürfe nicht den Gaza-Streifen besuchen.

Doch bei den deutschen Fußballern wird sogar der Premierminister und Hardliner Benjamin Netanjahu weich. "Das 4:0 gegen Argentinien war ein tolles Spiel", sagte Netanjahu am Montag während des Fluges von Tel Aviv nach Washington. Und seine Frau Sarah berichtet, Sohn Avner würde die Deutschen anfeuern. Ob das auf ihn abgefärbt habe?, fragen die mitreisenden Journalisten den Premier. Der lächelt, will was sagen, legt aber dann den Finger auf den Mund. Soweit ist die Zeit dann doch noch nicht, als dass sich ein israelischer Regierungschef öffentlich zur deutschen Mannschaft bekennen kann.

Christoph Schult, Jerusalem

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avp 08.07.2010
1. Ersatzbegriffe für Verlierer
Sympathieweltmeister, Weltmeister der Herzen, Gewinner der Konstrukteurswertung, ... alles Bullshitt! Verloren ist verloren, da täuschen solche Verlegenheitstitel auch nicht drüber hinweg.
culcas 08.07.2010
2. Sympathie-Weltmeister?
Schön, dass Deutschland im Ausland als sympathisch gilt. Ich lebe in Berlin und habe das Glück, mich hier als Gastarbeiter wohl zu fühlen. Mein größter Wunsch wäre es jedoch, kurz vor und während einer WM, Deutschland zu verlassen und erst nach dem Ausscheiden der Mannschaft zurückzukehren. Nicht aus Neid weil Deutschland oft weit kommt. Es ist diese intolerante, überhebliche und z.T. beleidigende Art und Weise der "Fans" hirzulande (besser: Eventfans mit der Lizenz zum Saufen und alles nieder machen was nicht deutsch ist), welche es unmöglich macht, Fußball aus rein sportlicher Sicht zu verfolgen, also mit OBJEKTIVITÄT und RESPEKT dem Gegner gegenüber. Kurz vor der WM waren Demos gegen den "bösen-Ballack-Treter" Boateng geplant...sehr Weltoffen und freundlich... die Bolulevard-Presse (keiner will es gekauft haben, frage mich aber wo die 4 Mio. Exemplare täglich landen...) hetzt gegen "Italo-Opas", "Treter-Serben" und "Schläger-Spanier"...nicht nur die ausländische Presse kritisieren... Es ist so weit gekommen, dass in Deutschland lebende Landsleute in den einheimischen Internet-Foren (Sport-/Tageszeitungen) aus o.g. Gründen davor abraten für Deutschland die Daumen zu drücken. Deshalb ist die Frage berechtfertigt (welche bereits ein Forumsteilnehmer stellte) in wie weit eine Fußball-Mannschaft die Wahrheit widerspiegeln kann.
haltetdendieb 08.07.2010
3. Sympathie-Weltmeister...Das hört sich an wie Schalke 04
"Die Sympathie-Weltmeister" Das hört sich an wie Schalke 04 und Bayer Leverkusen auf einen Schlag! Dann wird es die nächsten 100 Jahre nichts mit dem Titel, denn wir wollen uns die Sympathie doch mit niemanden verscherzen!
Fritz Katzfuß 08.07.2010
4. Der schönste Fußball
der Welt. Jawoll. Wir verloren, als wir unbedingt gewinnen wollten.
Subcommandante_M, 08.07.2010
5. Sympathieweltmeister
Zitat von sysopSie sind raus aus dem Titel-Rennen, doch Schweinsteiger, Özil, Khedira und Co. haben trotzdem begeistert - auch im Ausland. Löws junge Truppe steht international für ein lockeres, bunteres Deutschland. SPIEGEL-ONLINE-Korrespondenten auf drei Kontinenten schildern, wie uns die Welt nun sieht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,705194,00.html
... und die Woge der Sympathie ist doch auch sehr viel wert, wahrscheinlich sogar mehr für jeden von uns als wenn wir - IMHO unverdient - gegen Spanien gewonnen hätten. Mir bedeutet es auf jeden Fall etwas im Ausland als sympathisch wahrgenommen zu werden und nicht ausschließlich als teutonischer Exportweltmeister.
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