West-Papua: Die letzte Schlacht der Steinzeitkrieger

Aus West-Papua berichtet Thilo Thielke

In West-Papua kämpfen Rebellen mit Blasrohren und Pfeil und Bogen gegen eine hochgerüstete Armee. Doch Indonesien denkt nicht daran, die rückständige Region in die Unabhängigkeit zu entlassen - sie ist reich an Bodenschätzen. Der blutige Bürgerkrieg eskaliert.

AFP

Fast geräuschlos gleitet das kleine Boot ins Meer. Die Männer wissen, dass sie vorsichtig sein müssen, denn überall hier in der Gegend, rund hundert Kilometer von der Provinzhauptstadt Jayapura entfernt, wimmelt es von Spitzeln der verhassten indonesischen Regierung. Erst als die Lichter des Küstenstädtchens kaum noch zu erkennen sind, werfen sie den Außenbordmotor an. Knatternd verschwinden sie zwischen den Inseln, die Papuas zerklüfteter Nordküste vorgelagert sind.

Seit Jahren schon kämpfen die Männer für ein unabhängiges Papua. Organisasi Papua Merdeka (OPM), Organisation Freies Papua, nennt sich die Rebellenarmee, der sie angehören. Ihr Ziel ist ein eigenständiger Staat der Papua, jenem melanesischen Urvolk, das auf der Insel Neuguinea lebt.

Einst war dieses Südseeparadies vor Australien von Briten und Holländern kolonialisiert worden. Doch während der ehemals britisch besetzte Ostteil 1975 als Papua-Neuguinea in die Unabhängigkeit entlassen wurde, besetzten indonesische Truppen den niederländischen Westteil 1963 und verleibten ihn als West-Papua Indonesien ein.

Indonesien hat West-Papua nach Kräften geplündert

Nun tobt ein blutiger Krieg zwischen der Urbevölkerung und den als Besatzern empfundenen Indonesiern. Es ist ein Kampf mit ungleichen Mitteln. Auf der einen Seite stehen 30.000 Soldaten aus der hochgerüsteten indonesischen Armee und auf der anderen Rebellen, die hauptsächlich mit Pfeil und Bogen und Blasrohren kämpfen und sich vom Rest der Welt verlassen fühlen. Über 100.000 Tote soll dieses Gemetzel bislang gefordert haben. Immer wieder werden Papua von Soldaten totgefoltert. Allein das Hissen der verbotenen Morgensternflagge, dem Symbol des Freien Papua, reicht oft aus, erschossen zu werden oder jahrelang in den berüchtigten Knästen zu verschwinden.

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West-Papua: Bürgerkrieg mit Blasrohren
Eine gute Stunde sind die Männer in ihrem Boot nun schon unterwegs, dann finden sie einen Sandstrand zwischen der dichten Uferböschung und legen an. Nicht weit entfernt von hier hat OPM-Führer Rehna, 69, seine Kommandeure in einem Versteck zusammengetrommelt. Es wird Kriegsrat gehalten, und die Männer aus dem Boot bringen wichtige Nachrichten aus Jayapura. Es geht um neue Angriffsziele, Fragen der Waffenbeschaffung, Organisation des militärischen Trainings für den Nachwuchs - Dinge, die im Alltag einer Guerilla so von Bedeutung sind.

"Natürlich sind wir schwach, natürlich haben wir wenig Waffen", sagt Rehna, "aber wie will eine Besatzungsmacht wie Indonesien einen Krieg gegen ein ganzes Volk gewinnen?" Dann zeigt er auf seinen dunklen Teint: "Die Indonesier sehen noch nicht einmal aus wie wir, wir haben mit ihnen nichts gemein, sie sind unsere Feinde."

Rehna befindet sich seit mehr als vierzig Jahren im Untergrund, ständig wechselt er sein Quartier, begleitet wird er dabei stets von seiner Familie, Frau, Kindern, Enkelkindern mittlerweile, die kaum etwas anderes als den Krieg kennen. Er ist ein Veteran der ersten Stunde, einer derjenigen, die 1969 zu den Waffen griffen - unmittelbar, nachdem die Indonesier die Abstimmung über die Unabhängigkeit Papuas manipulierten und die rohstoffreiche Region damit endgültig zu einem Teil Indonesiens machten.

Seitdem haben sämtliche Regierungen in Jakarta West-Papua nach Kräften geplündert und all das Gold, das Nickel, das Erdöl und das Holz ausgebeutet. In Papua aber blieb von all dem Reichtum nicht viel zurück.

Größte Goldmine der Welt

Noch heute ist die Region unterentwickelt. Jeder vierte Bewohner West-Papuas kann weder lesen noch schreiben, die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 65 Jahren und somit sieben Jahren niedriger als in der Hauptstadt Jakarta, außerdem hat Papua die höchste HIV-Infektionsrate des Archipels. "Komplette Ignoranz und Apathie" wirft der holländische Anthropologe Jaap Timmer den Regierungsvertretern vor - was die Papua vereine, sei "die Frustration über den begrenzten Zugang zu Entwicklung, scheinbar systematische Marginalisierung und fortlaufende Unterdrückung".

Kaum irgendwo wird der Kontrast zwischen dem Urvolk aus der Steinzeit und den indonesischen Besatzern so sichtbar wie in der Stadt Timika. Hier befindet sich die größte Goldmine der Welt, die Grasberg-Mine - ein gigantisches Loch, aus dem Kupfer und Gold gewonnen wird.

700.000 Tonnen Gestein werden hier jeden Tag von dem US-indonesischen Joint Venture "PT Freeport Indonesia" aus der Erde geschlagen. Allein 2011 wurden hier knapp 400.000 Tonnen Kupfer im Wert von 3,2 Milliarden Dollar und 36 Tonnen Gold im Wert von zwei Milliarden Dollar gefördert.

Doch große Teile Timikas sind eine No-go-Area; Ausländer, die nicht für Freeport tätig sind, insbesondere Journalisten, sind unerwünscht. Ständig patrouillieren Militär und Polizei auf den Straßen - allein 3000 Polizisten und Soldaten sichern das riesige Freeport-Areal.

Mit zwanzig Sturmgewehren gegen eine moderne Kriegsmaschine

"Die Indonesier rauben uns unsere Würde, sie zerstören unsere Kultur, sie morden unsere Frauen und Kinder", sagt Marcello. Der 38-jährige Kommandeur einer hundertköpfigen OPM-Brigade gehört zu den meistgesuchten Männern Papuas. Vor zehn Jahre verschleppte er mit seinem Kommando unweit von Timika zwei belgische Filmemacher und hielt sie zwei Monate lang als Geiseln. Seitdem wird er von der halben indonesischen Armee gejagt.

Doch für viele Papuas ist Marcello ein Held. Eine dreiviertel Autostunde von Timika entfernt, bewegt sich der Guerillaführer wie selbstverständlich durch das kleine Bauerndorf. Hier bewohnt er eine Hütte, wenn er nicht gerade in den nahe gelegenen Bergen kämpft, und pflanzt Süßkartoffeln. Nur das lange Messer, das er stets bei sich führt, deutet auf den Krieger im Kleinbauern hin.

Die Indonesier bezeichnen einen wie ihn als Terroristen. Seine Guerillakämpfer ermorden Bauarbeiter, die Straßen in den Urwald schlagen. Sie entführen Ausländer und zerstören die Pumpen der Goldmine. "Wir kämpfen ums nackte Überleben", sagt hingegen Marcello, "wenn wir uns nicht wehren, dann bleibt von den Papuas in ein paar Jahren nicht mehr viel übrig." Die Goldmine betrachten er und seine Mitkämpfer in der kleinen Hütte als Teufelswerk. "Die Rückstände der Mine vergiften unsere Seen und Flüsse, und mit den Einnahmen wird der Krieg gegen die Papua geführt", sagen sie.

Aber was will Marcello gegen eine moderne Kriegsmaschine anrichten? Gleicht sein Kampf gegen eine Armee, die allein in Ost-Timor für den Tod von nahezu 200.000 Menschen verantwortlich gewesen sein soll, nicht einem Selbstmordkommando?

Marcello zuckt mit den Schultern. "Wir haben doch gar keine Wahl", meint er, dann schultern er und seine Männer Pfeile und Bögen und Macheten und verschwinden wieder im Wald.

"Die Indonesier wollen uns vernichten"

Kommandant Rehna hat mittlerweile seine siebentägige Militärschulung beendet. Zwölf Kommandeure aus allen Landesteilen hatten sich in sein Versteck gewagt. Tagsüber verbargen sie sich in einer kleinen Holzhütte des Fischerdorfs, nachts besprachen sie im Schein einer Petroleumlampe die Strategie. Nun sichtet er auf einem Laptop gemeinsam mit einem Kontaktmann aus Jayapura Videomaterial, das dieser mitgebracht hat.

Es sind Bilder, die indonesische Soldaten mit einer Handykamera aufgenommen haben. Sie zeigen, wie der Papua Tunaliwor Kiwo gefoltert wird. Immer wieder halten ihm die Soldaten ein Messer an die Kehle und verbrennen seine Genitalien mit einem glühenden Stock. "Verrat uns, wo die Rebellen sind", rufen die Soldaten, "wo sind sie?" Doch der alte Mann schweigt beharrlich.

Rehna hat Tränen in den Augen. Es ist Sonntag. Gerade noch hatten er und seine Männer einen Gottesdienst gefeiert und christliche Lieder gesungen. Selbst in der Religion, die ihnen einst die Holländer gebracht hatten, unterscheiden sich die Papuas von der großen Mehrheit der muslimischen Indonesier.

Auch Rehna sagt, dass er immer weiterkämpfen wird. Doch manchmal überkommen ihn Zweifel. Die Uno schert sich nicht viel um das Selbstbestimmungsrecht von Völkern, die keine Lobby haben. Und militärisch kommen weder die Rebellen noch die Regierungssoldaten voran. In Wirklichkeit scheint die indonesische Besiedlungspolitk Papuas das größte Problem zu sein - massiv versucht die Regierung in Jakarta seit Jahrzehnten, Indonesier aus Java und Sumatra hier anzusiedeln.

Stellten die Papuas vor vierzig Jahren noch fast hundert Prozent der Bevölkerung West-Papuas, bilden sie mittlerweile nur noch die Hälfte der rund drei Millionen Einwohner. Und bald schon werden sie im eigenen Land in der Minderheit sein. "Die Holländer haben uns nur unterdrückt", sagt Rehna, "die Indonesier wollen uns vernichten."

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insgesamt 38 Beiträge
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1.
symolan 06.08.2012
Zitat von sysopIn West-Papua kämpfen Rebellen mit Blasrohren und Pfeil und Bogen gegen eine hochgerüstete Armee. Doch Indonesien denkt nicht daran, die rückständige Region in die Unabhängigkeit zu entlassen - sie ist reich an Bodenschätzen. Der blutige Bürgerkrieg eskaliert. Neuguinea: Rebellenarmee kämpft für ein unabhängiges Papua - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,847713,00.html)
Realpolitik wie sie leibt und lebt. Schade um ein weiteres Urvolk.
2. Essenz
irgendwer_bln 06.08.2012
Zitat von sysopDie Uno schert sich nicht viel um das Selbstbestimmungsrecht von Völkern, die keine Lobby haben. Und militärisch kommen weder die Rebellen noch die Regierungssoldaten voran.
Diese beiden Sätze sind so aussagekräftig wie grausam. [translation in process...] Sie können nichts für uns tun, also brauchen wir sie nicht zu beachten. Gewalt bringt die Regierungstruppen nicht weiter, Gewalt nützt auch den Rebellen nichts. [translation complete...]
3. Kolonialmacht Indonesien
sirkus 06.08.2012
Schon bald werden die indigenen Papua eine ethnische Minderheit im eigenen Land sein. Die USA setzen in Indonesien fort was in Nordamerika erfolgreich war. Die Transmigration genannte Politik Indonesiens wird nicht nur in Papua angewandt, sondern in vielen Landesteilen Indonesiens. Auch die ursprünglich hinduistische Bevölkerung der Insel Bali besteht heute zu fast 50% aus vorwiegend muslimischen Migranten. Militär und Polizei sind "offiziell" in Drogenhandel und Schutzgelderpressung involviert. Der Islam wird mit Unterstützung durch Polizei, Militär und ausländische Kräfte zunehmend radikalisiert. Gleichzeitig ist Indonesien per Staatsdoktrin Pancasila ein Gottesstaat der Naturreligionen oder gar Atheismus nicht zuläßt. Denn "alle Indonesier sind geeint im Glauben an den einen allmächtigen Gott". Diese Fakten sind in Indonesien allgemein bekannt und unumstritten. Westliche Medien berichten jedoch fast nur positiv über Indonesien. Dieser Spiegel Artikel ist eine der seltenen Ausnahmen. Allerdings sind die Papua schon längst keine "Steinzeitkrieger" mehr und die letzte Schlacht wird heute sicher noch nicht ausgefochten. Sehr problematisch ist die Tatsache, dass die "Steinzeitkrieger" offiziell natürlich Mitglieder einer terroristischen Vereinigung sind.
4. Guter Artikel,
spiekr 06.08.2012
dem jedoch am Ende die Aufforderungen fehlen: 1. UN Verurteilung der Annektion von West-Papua 2. Resolution für Unabhängigkeit und wenn von den Papuas gewünscht Anschluß an Papua Neuguinea. Ich möchte gerne sehen, wer dagegen stimmt ausser Indonesien. Ich empfehle das Buch "Ruf des Dschungels" von Sabine Kuegler, welches vor allem einen Einblick in die Gefühlswelt der Papuas beinhaltet sowie ihr (nachfühlbares) Heimweh.
5. Erst wenn der letzte Baum gerodet.....
pikup 06.08.2012
so beginnt eine Weissagung der Cree Indianer. Wenn man verfolgt was auf dier Welt alles dem schnöden Mammon unterworfen wird, kann diesem Planeten nichts besseres passieren als das Aussterben des Homo Sapiens oder dessen Nachfolger.
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