Überraschende Neujahrsansprache: Südkorea rätselt über Kims Kurswechsel

Einen "radikalen Wechsel" hat Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un angekündigt. Auch gegenüber Südkorea stimmte er versöhnlichere Töne an. Dort jedoch bleibt die Regierung skeptisch: Warum rüstet der Norden weiter auf, wenn er angeblich Frieden will?

AFP/ North Korean TV

Seoul - Was will er uns sagen? Das fragen sich nach der Ansprache des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un vor allem die Nachbarn in Südkorea. Einiges in der Rede klang überraschend versöhnlich, etwa die Formulierung, dass beide Seiten sich für die Überwindung der Landesteilung starkmachen müssten. War das eine Geste gegenüber Südkoreas künftiger Präsidentin Park Geun Hye, die ihrerseits stärker auf das isolierte Nachbarland zugehen will?

Es sei schon eine bedeutende Wende, kommentierte die Zeitung "The Korea Times", weg von der Rhetorik der Drohungen. Doch fraglich bleibt, wie viel Wandel man erwarten kann vom bislang eher unscheinbaren Kim, der vor einem Jahr die Macht übernahm - und erst einmal auf Kontinuität setzte. So schloss das Regime aus, von der Doktrin militärischer Stärke abzurücken, die auch Amtsvorgänger und Vater Kim Jong Il verfolgt hatte.

Seitdem ist Sohn Kim Jong Un im Schnelldurchgang auf die wichtigsten Posten berufen worden. Er ist wie sein Vater und Großvater Kim Il Sung Parteichef und oberster Befehlshaber der Volksarmee. Daneben ist er erster Vorsitzender der mächtigen Verteidigungskommission. Erst vor wenigen Wochen führte das Land einen Raketentest durch. Die USA, Südkorea und andere Staaten sehen in dem Start am 12. Dezember einen verdeckten Test für die Entwicklung von Interkontinentalraketen, die mit Atomsprengköpfen bestückt werden können. Nordkorea hingegen spricht von einem Satellitenstart zu friedlichen Zwecken.

Jetzt, nach der Konsolidierung seiner Macht, könnte der junge Kim theoretisch einen Neuanfang in den Beziehungen mit Südkorea und die Umsetzung verschobener wirtschaftlicher Reformen wagen.

Was steckt hinter dem "radikalen Wechsel"?

Aber es bleibt Spekulation, ob die erste Neujahrsansprache eines Machthabers seit 19 Jahren dafür das Startsignal ist. Kim hat darin überraschend angekündigt, die Politik seines seit Jahrzehnten abgeschotteten Landes solle einen "radikalen Wechsel" erleben. Im neuen Jahr sei die Verbesserung des Lebens der Bevölkerung das oberste Ziel. 2013 werde ein Jahr "großer Schöpfungen und Veränderungen sein".

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Neujahr in Nordkorea: Versöhnliche Worte, friedliches Feuerwerk
In Südkorea wurden Passagen wie diese besonders aufmerksam verfolgt: "Es ist wichtig, die Konfrontation zwischen dem Norden und dem Süden zu beenden." So könne "die Teilung des Landes beendet und seine Wiedervereinigung erreicht werden". Die Vergangenheit zeige, dass Konfrontation zwischen Landsleuten zu "nichts als Krieg" führe.

Südkoreas Vereinigungsministerium reagierte zurückhaltend auf Kims Rede. Diese sei weitgehend auf der Linie der bisherigen Politik, die Vorrangstellung des Militärs zu verteidigen. Beide koreanische Staaten befinden sich seit dem Ende des Korea-Kriegs (1950-53) völkerrechtlich noch immer im Kriegszustand.

Die "Korea Times" zitiert einen Experten des Sejong Instituts, einer führenden Denkfabrik in Südkorea, mit den Worten, die Ansprache sei interessant. Um die Beziehungen zum Rest der Welt zu verbessern, müsse Kim eben zuerst die Situation auf der koreanischen Halbinsel stabilisieren.

Aus dem abgeschotteten Nordkorea dringen nur wenige Informationen nach draußen. Für eine vorsichtige politische Kurskorrektur spricht, dass Kim bereits ein Programm mit der Bezeichnung "Reformen vom 28. Juni" vorangebracht haben soll. So sollte dem Management von Unternehmen größere Selbständigkeit eingeräumt werden. Es wird angenommen, dass die Reformen in einigen Regionen auf Versuchsbasis durchgeführt wurden - mehr aber auch nicht.

Wie gefestigt ist die Macht von Kim Jong Un?

Über die vorherrschenden politischen Vorstellungen des Regimes weiß aber weder das eigene Volk noch der Rest der Welt so richtig Bescheid. Regierungsbeamte in Seoul sagen, der Machtübergang sei unerwartet störungsfrei gewesen. Doch ob Kim die volle Kontrolle in dem komplizierten Machtgefüge von Staat, Partei und Militär in Nordkorea ausübt, bleibt ungewiss. In den vergangenen Monaten hatten nach Berichten südkoreanischer Medien eine Reihe von Säuberungen in den militärischen und politischen Reihen stattgefunden. Das Vorgehen berge ein nicht zu gering schätzendes Risiko für den jungen Kim.

Zu Kims wichtigsten Beratern gelten nach wie vor sein Onkel Chang Song Thaek, der als graue Eminenz des Regimes gesehen wird. In 100 von über 140 öffentlichen Auftritten sei Kim von Chang begleitet worden, zählen südkoreanische Zeitungen auf. Auch dessen Frau Kim Kyong Hui soll für den Bestand der Kim-Dynastie sorgen.

Im Stil unterscheidet sich Kim dagegen sehr von seinem Vater. Er ließ sich von seiner Frau Ri Sol Ju auf Inspektionsreisen begleiten, hielt Händchen mit Soldaten, Kindern und älteren Bürgern. Kims Vater und Großvater ließen sich so gut wie nie mit ihren Partnerinnen in der Öffentlichkeit sehen.

Auch mit seiner vom Fernsehen übertragene Ansprache setzte sich Kim Jong Un von seinem Vater ab. Der hatte sich nie direkt ans Volk gewandt. Zwar verwies Kim auch auf die Bedeutung militärischer Stärke für das Land. Aber während sein Vater sich ausschließlich auf den Ausbau der Streitkräfte konzentrierte, während Millionen Nordkoreaner mangelernährt waren, gestand Kim indirekt die schlechten Lebensumstände der Bevölkerung ein.

otr/dpa/AFP

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insgesamt 108 Beiträge
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1. Was dahinter steckt?
dunham 01.01.2013
Dahinter steckt sein wirklicher Wille. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er als westlich gebildeter junger Mensch diese Diktatur der Unmenschlichkeit lange aufrecht erhält. Aber er musste seine Umgebung zunächst von seiner Stärke überzeugen, um nicht abgesetzt zu werden. DH
2.
kyu 01.01.2013
Zitat von sysopDPAEinen "radikalen Wechsel" hat Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un angekündigt. Auch gegenüber Südkorea stimmte er versöhnlichere Töne an. Dort jedoch bleibt die Regierung skeptisch: Warum rüstet der Norden weiter auf, wenn er angeblich Frieden will? http://www.spiegel.de/politik/ausland/neujahrsansprache-suedkorea-raetselt-ueber-kims-kurswechsel-a-875295.html
Im optimistischsten Falle sagt er das, um die Militärs zufriedenzustellen. Vielleicht meint Kim es ja wirklich ernst mit seiner Perestroika; aber die Generäle der weltweit viert(?)größten Armee Knall auf Fall zu verprellen, kann er sich natürlich nicht erlauben.
3. Warum ruesten die USA
pit1 01.01.2013
Zitat von sysopDPAEinen "radikalen Wechsel" hat Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un angekündigt. Auch gegenüber Südkorea stimmte er versöhnlichere Töne an. Dort jedoch bleibt die Regierung skeptisch: Warum rüstet der Norden weiter auf, wenn er angeblich Frieden will? http://www.spiegel.de/politik/ausland/neujahrsansprache-suedkorea-raetselt-ueber-kims-kurswechsel-a-875295.html
staendig auf wenn sie doch angeblich Frieden wollen? Fragen ueber Fragen im Neuen Jahr.
4. Offenbar...
expendable 01.01.2013
...hat der geliebte Führer auf der Neujahrsparty was wirklich gehaltvolles getrunken. Leider ist er morgen früh wieder nüchtern.
5. So mal wieder Quatsch geschrieben...
diepresselügt 01.01.2013
Zitat von sysopDPAEinen "radikalen Wechsel" hat Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un angekündigt. Auch gegenüber Südkorea stimmte er versöhnlichere Töne an. Dort jedoch bleibt die Regierung skeptisch: Warum rüstet der Norden weiter auf, wenn er angeblich Frieden will? http://www.spiegel.de/politik/ausland/neujahrsansprache-suedkorea-raetselt-ueber-kims-kurswechsel-a-875295.html
Nordkoreas Heeresausrüstung kommt zur 95 % aus den 60 und 70 Jahren, die Armee ist völlig veraltet in allen Teilen. Von aufrüsten kann überhaupt keine Rede sein womit auch bitte schön ??? Die Forschen seit 30 Jahren an der Atombombe, weil es das einzigste ist, was sie am Leben erhält. Artikelautor: bitte setzen 6....
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Fläche: 122.762 km²

Bevölkerung: 24,346 Mio.

Hauptstadt: Pjöngjang

Staatsoberhaupt:
Kim Il Sung (obwohl bereits 1994 verstorben);
Protokollarisches Staatsoberhaupt: Kim Yong Nam;
"Oberster Führer": Kim Jong Un

Regierungschef: Pak Pong Ju

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon


Nord- und Südkorea
Nordkorea und Kim Jong Il
REUTERS
Am 9. September 1948 rief der kommunistische Politiker Kim Il Sung im Norden die Demokratische Volksrepublik Korea aus. Sie entwickelte sich, zunächst in enger Anlehnung an die Sowjetunion, zu einer kommunistischen Volksrepublik. 1998 wurde dessen Sohn Kim Jong Il Regierungschef. Der ehemalige US-Präsident George W. Bush bezeichnete Nordkorea zusammen mit Iran und dem Irak als "Achse des Bösen" , die aufrüstet, um den Frieden der Welt zu bedrohen.
Die Teilung Koreas
Seit 1910 war Korea eine japanische Kolonie. Nach der Niederlage Japans 1945 rückten sowjetische Truppen im Norden und US-amerikanische Truppen im Süden des Landes vor und trafen sich am 38. Breitengrad. Die Vereinbarungen der Alliierten über die Bildung einer provisorischen Regierung und die Abhaltung freier Wahlen in ganz Korea konnten nicht verwirklicht werden, da sich die UdSSR widersetzte. Im September 1948 wurde in Nordkorea die Volksdemokratische Republik Korea ausgerufen; Südkorea (Republik Korea) gab sich im Juli 1948 eine Verfassung.
Korea-Krieg
AP
Am 25. Juni 1950 begann die militärische Auseinandersetzung zwischen der Demokratischen Volksrepublik Korea (Nordkorea) mit Unterstützung der Volksrepublik China und der Republik Korea (Südkorea), die von Uno-Truppen unter Führung der USA unterstützt wurde. Der Krieg endete mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens von Panmunjom am 27. Juli 1953, das die Teilung am 38. Breitengrad zementierte.
Südkorea
Am 15. August 1948 wurde die Republik Korea gegründet. Staatspräsident ist Lee Myung Bak , der im Dezember 2007 die Präsidentschaftswahlen gewann und seit Februar 2008 im Amt ist. In den vergangenen Jahrzehnten erlebte Südkorea dank seiner exportorientierten Wirtschaftspolitik und der großzügigen Unterstützung Japans und der USA einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung.
Militärische Stärke
Militär in Nord- und Südkorea
Nordkorea Südkorea
Truppenstärke insgesamt 1.106.000 687.000
darunter Heer 950.000 560.000
Marine 46.000 68.000
Luftwaffe 110.000 64.000
Reservisten 4.700.000 4.500.000
Kampfpanzer 3.500 2.750
Artilleriegeschütze 17.900 10.774
Boden-Boden-Raketen 64 12
einsatzbereite Kampfflugzeuge 620 490
darunter Jagdflugzeuge 388 467
Bomber 80 -
Kriegsschiffe 8 47
darunter Zerstörer - 10
Fregatten 3 9
Korvetten 5 28
taktische U-Boote 63 13
kleinere Küstenwachboote 329 76
(Quelle: International Institute for Strategic Studies (IISS, London)