Neuordnung nach Gaddafis Sturz Libysche Milizen kämpfen um die Macht

Libyens Rebellen haben Gaddafi gestürzt, jetzt sollen sie in die neue Armee des Landes integriert werden. Dafür fordern die Milizionäre Geld und einen ihrer Männer an der Spitze der Streitkräfte. Der Übergangsrat blockiert die Forderungen - umso erbitterter wird der Machtkampf ausgetragen.

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Militärkommandeur mit Soldaten in Bengasi: Milizen haben die Macht
REUTERS

Militärkommandeur mit Soldaten in Bengasi: Milizen haben die Macht


Berlin - Knapp fünf Monate nach dem Sturz von Machthaber Muammar al-Gaddafi in Libyen gestaltet sich der Wiederaufbau der nationalen Armee immer schwieriger. Nach Informationen des arabischen Nachrichtensenders al-Dschasira weigern sich mehrere Milizengruppen, die am Aufstand gegen den Diktator maßgeblich beteiligt waren, den neu ernannten Generalstabschef Jussef al-Mangusch anzuerkennen.

Mangusch war am Dienstag vom derzeit regierenden Nationalen Übergangsrat zum Chef der libyschen Armee ernannt worden. Er soll den Neuaufbau der Streitkräfte leiten und dabei die verschiedenen Milizen integrieren. Zwei einflussreiche Rebellengruppen, die "Koalition der libyschen Revolutionäre" und der Militärrat der Cyrenaika, verweigern dem Generalmajor jedoch die Gefolgschaft. Beide Verbände sind einflussreich, da sie Kämpfer aus Orten wie Bengasi, Brega und Misurata vertreten. Diese Städte erhoben sich als erste gegen Gaddafi, hier fanden die heftigsten Gefechte zwischen Rebellen und Regierungstruppen statt.

Die Milizionäre fordern nun, dass ein Vertreter aus ihren Reihen an die Spitze der neuen libyschen Armee rückt. Sechs Kandidaten für diesen Posten haben sie dem Nationalen Übergangsrat nach eigenen Angaben vorgeschlagen, sind dort aber nicht auf Zustimmung gestoßen. "Wir sind der Ansicht, dass das Verfahren zur Ernennung von Mangusch illegal ist. Der Interimsrat hat keine gründliche Evaluation der Bewerber vorgenommen", kritisierte ein Sprecher des Militärrats der Cyrenaika die Ablehnung ihrer Kandidaten.

Die Macht liegt in den Händen der Milizen

Jussef al-Mangusch, der Favorit der Übergangsregierung, diente unter Gaddafi lange Jahre in der libyschen Armee, bevor er 1999 freiwillig aus dem Militärdienst ausschied - nach eigener Aussage aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit dem Diktator. Nach Ausbruch des Aufstands im Februar vergangenen Jahres schloss sich Mangusch den Rebellen an. Zwei Monate später wurde er von Gaddafis Truppen beim Kampf um die Hafenstadt Brega festgenommen und im Staatsfernsehen vorgeführt. Erst nach dem Sturz des Despoten und der Eroberung Tripolis' im August befreiten ihn die Rebellen wieder. In der amtierenden Interimsregierung bekleidet Mangusch das Amt des stellvertretenden Verteidigungsministers.

Der Streit um den Generalstabschef zeigt die Probleme der libyschen Führung beim Aufbau einer neuen Armee. Die staatlichen Streitkräfte existieren seit Gaddafis Sturz nur noch auf dem Papier. Noch immer liegen die Sicherheit und die militärische Macht im Land in den Händen der ehemaligen Rebellengruppen. Diese sind bis an die Zähne bewaffnet, verfügen über Tausende Schnellfeuerwaffen, Artilleriegeschütze und sogar Panzer. Und sie sind zunehmend frustriert, weil die Übergangsregierung ihrer Meinung nach den Wiederaufbau des Landes nicht schnell und entschlossen genug vorantreibt.

Vor allem fordern sie ihren Anteil an den Reichtümern des Landes. Etwa hundert Milliarden US-Dollar, die aus Gaddafis Auslandsvermögen stammen, sind derzeit noch durch die Vereinten Nationen eingefroren. Die Milizionäre fordern, dass das Geld unter ihnen aufgeteilt wird. Die Pläne der Regierung sehen lediglich vor, dass jeder Milizionär, der ins Innen- oder Verteidigungsministerium wechselt, umgerechnet knapp 370 Euro Monatslohn erhalten soll. Außerdem werden jungen Revolutionären Studienstipendien in Aussicht gestellt, wenn sie ihre Waffen niederlegen. Doch jenen, die ihrer Ansicht nach am meisten für den Sturz der Diktatur getan haben, gehen diese Zusagen längst nicht weit genug.

Am helllichten Tag beschießen sich Milizen in Tripolis

Zwischen den Rebellengruppen, die sich im vergangenen Jahr zu einer Anti-Gaddafi-Allianz zusammengeschlossen hatten, treten die Konflikte nun offen zu Tage. Und diese werden inzwischen immer blutiger ausgetragen. Mittlerweile sind aus Waffenbrüdern erbitterte Gegner geworden. Bei Kämpfen zwischen rivalisierenden Milizen wurden am Dienstag in Tripolis vier Menschen getötet. Zwischen Kämpfern aus der Hauptstadt und ehemaligen Rebellen aus Misurata hatte sich ein Streit entzündet, der schließlich am helllichten Tag im Zentrum der Millionenstadt mit Maschinengewehren und Luftabwehrgeschützen ausgetragen wurde.

Milizen aus Tripolis fordern seit Monaten einen Abzug der auswärtigen Kämpfer, von denen sie sich gegängelt und bedroht fühlen. Nach einem Beschluss der Regierung hätten diese schon bis zum 20. Dezember aus der Hauptstadt abziehen sollen. Das Ultimatum wurde weitgehend ignoriert: Die Kämpfer aus Misurata und dem Osten Libyens fürchten, an Macht und Einfluss zu verlieren, sollten sie sich aus Tripolis zurückziehen.

Mustafa Abd al-Dschalil, der Vorsitzende des Nationalen Übergangsrats, warnt angesichts der Gewalt bereits vor einem Bürgerkrieg in Libyen. Gehe man strikt gegen die Übergriffe vor, führe das zu einer militärischen Konfrontation, sagte er. Eine zweite Möglichkeit wäre, dass Libyen sich in mehrere Lager spalte, "und das heißt Bürgerkrieg", erklärte er nach den Zusammenstößen am Dienstag. Mit jedem Tag, der bis zur Eingliederung der Milizen in die Armee verstreicht, wird dieses Szenario wahrscheinlicher.

Mit Material von AFP und Reuters



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insgesamt 120 Beiträge
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Seite 1
Atheist_Crusader 05.01.2012
1.
Wetten werden noch anfgenommen: in wie vielen Monaten wünschen sich die Libyer den alten Muhammar zurück?
volksschüler 05.01.2012
2. Is nich wahr
Mustafa Abd al-Dschalil, der Vorsitzende des Nationalen Übergangsrats, warnt angesichts der Gewalt bereits vor einem Bürgerkrieg in Libyen. sagt derjenige der für den Bürgerkrieg mitverantwortlich war.
volksschüler 05.01.2012
3. Hmm
Zitat von Atheist_CrusaderWetten werden noch anfgenommen: in wie vielen Monaten wünschen sich die Libyer den alten Muhammar zurück?
Ich denke das sie schon längst bedauern was abgelaufen ist. Aber jetzt können sie es nicht mehr rückgängig machen.
AKI CHIBA 05.01.2012
4. Was ist schon Libyen?
Zitat von sysopLibyens Rebellen haben Gaddafi gestürzt, jetzt sollen sie in die neue Armee des Landes integriert werden. Dafür fordern die Milizionäre Geld und einen ihrer Männer an der Spitze der Streitkräfte. Der Übergangsrat blockiert die Forderungen - umso erbitterter wird der Machtkampf*ausgetragen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,807356,00.html
Bei uns macht Wulff die Musik! Und Bild haut auf die Pauke. Im Garten blühen immer noch Stiefmütterchen. Heute ist ein frisches dem Boden entsprungen. Der arabische Frühling aber ist im Sand verdorrt und es riecht dort nicht nach Jasmin sondern stinkt nach noch mehr Blut. Einer ihrer Männer muss an die Spitze. Wie es den Männern an der Spitze ergeht, sollten die Maghrebiner von uns lernen. Unser BP hat ja durch die Blume verlautbart, dass die Scharia bei uns in Deutschland angekommen ist. Also gebt uns einen Kalifen. Und für den Maghreb: Lasst Philiosophen auf den Thron.
martin-gott@gmx.de 05.01.2012
5. Vorausschau
Zitat von sysopLibyens Rebellen haben Gaddafi gestürzt, jetzt sollen sie in die neue Armee des Landes integriert werden. Dafür fordern die Milizionäre Geld und einen ihrer Männer an der Spitze der Streitkräfte. Der Übergangsrat blockiert die Forderungen - umso erbitterter wird der Machtkampf*ausgetragen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,807356,00.html
Libyens Zukunft wird wahrscheinlich aus Bürgerkrieg und anschließender Machtübernahme von Fundamentalisten bestehen.
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