Neuseeland Wo Spitzenpolitiker keine Bodyguards haben

Neuseeland galt als friedliches Land: Vor Kurzem lehnte es Premierministerin Jacinda Ardern noch ab, die Mitglieder ihrer Regierung unter Personenschutz zu stellen. Der jüngste Anschlag könnte das ändern.

Jacinda Ardern
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Für Jacinda Ardern sind viele Dinge normal, die für andere Spitzenpolitiker undenkbar wären: Die neuseeländische Premierministerin erledigt zum Beispiel ihren Wocheneinkauf selbst. Alle sprechen sie mit Vornamen an. Sie hat ein Kind bekommen und Elternzeit genommen, während sie im Amt war, als zweite Regierungschefin der Welt.

Nur eine Situation habe sie einmal merkwürdig gefunden, so erzählte die 38-Jährige es kürzlich dem US-amerikanischen Comedian Stephen Colbert in der "Late Show": Da habe sie gerade Still-BHs kaufen wollen - und sei dabei von interessierten Bürgern angesprochen worden. Die Anekdote sagt viel über das neuseeländische Selbstverständnis aus - das Land ist stolz auf das friedliche Zusammenleben seiner multiethnischen Bevölkerung. Bisher.

Denn diese besondere Art der Volksnähe könnte ein jähes Ende finden. Ein schwerer Terroranschlag erschütterte am Freitag die Stadt Christchurch auf der Südinsel des Landes. Ein Angreifer tötete mindestens 49 Menschen, weitere 48 werden im Krankenhaus mit Schussverletzungen behandelt - unter ihnen kleine Kinder.

Schon vor Kurzem war eine Debatte darüber entbrannt, ob Politiker besseren Schutz brauchen: Der Minister für Klimawandel, James Shaw, war am Donnerstag bei einem Angriff in der Hauptstadt Wellington verletzt worden. Bisher steht einzig die Premierministerin selbst unter Personenschutz. Für andere Mitglieder der Regierung und Abgeordnete ist dies unüblich.

James Shaw, der auch Vorsitzender der Grünen-Partei ist, war allein zu Fuß auf dem Weg zur Arbeit, als ein Angreifer ihn packte und zuschlug. So berichtete er es später der Polizei. Mit einem blauen Auge und Schnittverletzungen im Gesicht nahm der 45-Jährige anschließend noch an einer Parlamentssitzung teil, bevor er sich im Krankenhaus untersuchen ließ.

Seine Partei teilte per Twitter mit, dass es Shaw inzwischen wieder besser gehe. Die Tat sei von einem Einzeltäter verübt worden. "Wir schätzen es, wie offen unsere Politiker sind und wollen nicht, dass sich das ändert", heißt es in dem Tweet.

Auch Premierministerin Ardern sprach sich dafür aus, den offenen Umgang beizubehalten. "Wir haben hier in Neuseeland die Situation, dass Politiker zugänglich sind und das ist etwas, worauf wir stolz sein sollten", sagte Ardern zu dem Vorfall.

Auch die zweite Vorsitzende der Grünen-Partei, Marama Davidson, sah die entspannte Haltung ihrer Landsleute in Gefahr. "Ich würde es hassen, wenn wir uns davon verabschieden müssten", sagte Davidson auf einer Pressekonferenz. Der Angriff habe nicht nur Shaw getroffen, sondern ganz Neuseeland.

Der Bürgermeister von Wellington, Justin Lester, verurteilte die Tat scharf. Er schrieb auf Twitter von einem "beschämenden" Ereignis. "Wir haben Glück, dass wir uneingeschränkten Zugang zu unseren Abgeordneten haben. Dies ist ein trauriger Tag für die Demokratie", so Lester weiter. In Wellington fahren Politiker bisher häufig mit dem Rad zur Arbeit oder nutzen den öffentlichen Nahverkehr statt eines eigenen Autos.

Kurz nach dem Angriff nahm die Polizei einen 47-jährigen Tatverdächtigen fest. Er soll bereits am Freitag dem Bezirksgericht in Wellington vorgeführt werden. Gewalt gegen Abgeordnete ist in Neuseeland selten. Der vorige Angriff liegt ganze drei Jahre zurück. Damals wurde der Minister Steven Joyce von einer Demonstrantin im Gesicht getroffen - als die ein Sexspielzeug nach ihm warf. Welchen Einfluss der jüngste Terroranschlag auf die Situation hat, ist noch unklar.



insgesamt 19 Beiträge
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ingen79 16.03.2019
1. Nach dem Fall des
Eisener Vorhangs 1990 dacht ich jetzt wird die Welt friedlicher. Leider ist dies nicht der Fall und jetzt hat es auch Neuseeland getroffen! Das macht einen ratlos.
bernteone 16.03.2019
2. warum sollte sich was ändern
in der Beziehung der Bevölkerung zu Ohren Politikern . Da scheint die Chemie noch zu stimmen . Nur weil ein durchgeknallter Rechtsradikaler Amok läuft werden die Neuseeländer sich ihren Lebenstil nicht nehmen lassen .von Europa undenkbar, hier sind die meisten Politiker so weit weg , in einer eigenen Welt und genau so regieren sie auch .
j.s.mager 16.03.2019
3.
Ich war eben auf Besuch in meiner zweiten Heimat. Als ich am Morgen des 19.2. in Auckland auf meinen Weiterflug nach Wellington wartete, lief ganz zwanglos der Außenminister Winston Peters vorbei, der ebenfalls auf dem Weg nach Wellington war - ohne Bodyguards oder Entourage. Wäre Schade, wenn das verloren gehen würde.
nikaja 16.03.2019
4. Studienobjekt
Wenn, wie gesagt es in NZ so friedlich zugeht und alles so paradiesisch erscheint, warum gibt es dann eine rechte Szene in NZ? Was wollen diese Leute? Haben sie ein Herrschaftsproblem, sind das Abgehängte, die sich von der Gesellschaft uebervorteilt sehen? Da stellt sich wieder Mal die Frage, woher rechte Gesinnung kommt? Die bisherige Berichterstattung erscheint mir zu oberflächlich, als das es nur darauf hinausläuft ein vermeintliches Paradies sei zerstört worden. Diese Gesinnungstaeter sind doch nicht erst seit gestern auf der Welt und in NZ zu Hause.
Ontologix II 16.03.2019
5. Ich kann mich noch erinnern ...
... als Willy Brandt in den frühen 70er Jahren durch die Münchner Fußgängerzone spazierte und von einem Mann angepöbelt wurde. Brandt hatte einen einzigen Leibwächter bei sich. Die internationale Gewalt und die Flugzeugentführungen begannen mit Kuba und dem Münchner Olympiaattentat 1972.
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