15. Jahrestag von 9/11 Let's go shopping

Fünfzehn Jahre nach den Anschlägen in New York ist der Terrorismus Alltag und das Gedenken Routine. Nichts symbolisiert das besser als der jüngste Bau am neuen World Trade Center - ein riesiges Luxus-Einkaufszentrum.

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Von , New York


Wie reagiert man auf unfassbaren Horror? Rudy Giuliani, seinerzeit Bürgermeister von New York City, hatte dafür ein Motto: "Go shopping."

Giuliani sagte das am Tag nach den Terroranschlägen des 11. September 2001. Die Stadt, die Nation, die ganze Welt stand unter Schock, und der Republikaner wollte vorgeben, wie man den Terroristen am besten trotze.

"Macht euch einen normalen Tag", sprach Giuliani, derweil der Trümmerberg der Twin Towers noch brannte und keiner wusste, wie viele darin wirklich umgekommen waren. "Nutzt die Gelegenheit, um einkaufen zu gehen."

15 Jahre später hat Giuliani seine Haare und seine Würde verloren, dieser Tage geistert er als schrilles Sprachrohr des Präsidentschaftskandidaten Donald Trump durchs US-Fernsehen. Sein Orakel aber ist wahr geworden: Statt zu trauern gehen die Amerikaner am 9/11-Jahrestag lieber... shoppen.

Viel ist passiert seit jenen Stunden, die die Welt veränderten. Eine neue Generation ist groß geworden, die Millennials. Die Amerikaner wählten einen schwarzen Präsidenten. Michael Jackson und Whitney Houston sind tot, und auch Osama Bin Laden.

Und am Ort, den sie Ground Zero nannten, ragen wieder Wolkenkratzer empor - ein kalter Kranz aus Spiegelglas, der eine von Touristen mit Selfiesticks belagerte Gedenkstätte überschattet und das 9/11-Museum daneben.

Doch das neueste Puzzleteil dieses "wiederauferstandenen" World Trade Centers ist genau das, was Giuliani wollte - ein Luxus-Einkaufszentrum.

Westfield World Trade Center: Im August eröffnet, ist es das Vorzeigeobjekt der australischen Westfield-Gruppe, die weltweit 35 Shopping Malls managt. 34.000 Quadratmeter, die größte Mall in Manhattan, wie schon ihre an 9/11 zerstörte, unterirdische Vorgängerin, die ebenfalls Westfield gehört hatte.

Der Kreis hat sich geschlossen.

Die neu geborene WTC-Mall hat einen passenden Ort gefunden im Geviert der Trauer. Das Einkaufszentrum befindet sich im Bauch des WTC Transportation Hubs, eines glorifizierten U-Bahn-Knotenpunkts, über dem der spanische Stararchitekt Santiago Calatrava ein bombastisches Gehäuse errichtet hat - ein hell strahlendes Kathedralengewölbe, das manche an das Gerippe eines riesigen Urvogels erinnert. Mehr als 50 Meter hoch und fast vier Milliarden Dollar teuer, zeigt der ansonsten funktionslose Bau, wie Gedenken zu Kommerz mutiert ist.

Besser lässt sich die Zeitenwende der letzten 15 Jahre kaum symbolisieren. Terror und Tod sind längst zum Alltag geworden. Man zieht am Flughafen die Schuhe aus oder nicht, man lässt sich abhören und ausspionieren. Die Angst wurde zur zweiten Natur, sie hat die Freiheit aufgefressen, die man nach 9/11 doch gegen die Terroristen zu verteidigen vorgab.

Einzig Shopping scheint diese Freiheit noch zu bieten. Atemlos fiel die Berichterstattung über das neueste iPhone-Modell aus. In der WTC-Mall hat Apple seinen neuesten Super-Store eröffnet, zweistöckig und weißglänzend und ohne Namen, den braucht keiner mehr.

Hinzu gesellen sich, in Rufweite der mit so viel Einfühlsamkeit entworfenen 9/11-Gedenkbecken: Aldo, Banana Republic, Boss, John Varvatos, Kate Spade, Kiehl's, Lacoste, Longines, Montblanc, Samsonite, Swatch, Tissot, Victoria's Secret - bald gefolgt von Dior, H&M, Starbucks und Konsorten.

Nicht die Terroristen haben gesiegt. Das Geld hat gesiegt. Der Kapitalismus, den sie im Herzen treffen wollten, ist nun viel stärker, als er vor fünfzehn Jahren, bevor der Grundriss seiner wohl wertvollsten Immobilie komplett neu skizziert werden musste.

Konsumtempel Westfield World Trade Center mall
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Konsumtempel Westfield World Trade Center mall

Dessen Kernstück, der Superturm One World Trade Center, verankert diese Metamorphose. Einst vom Träumer Daniel Libeskind als Metapher einer weltoffenen Gesellschaft konzipiert und entsprechend pompös Freedom Tower genannt, wurde er schließlich zum konventionellen Klotz, der allenfalls durch seine Höhe besticht: 1776 Fuß, analog zum Geburtsjahr der USA.

Geblieben ist auch hier nur ein Preisschild: Defizitär und nur zu zwei Dritteln vermietet, ist One WTC ein Anker am Bein seiner Besitzerin, der New Yorker Hafenbehörde. Die will das Monstrum jetzt auf einmal wieder loswerden, fünf Milliarden Dollar könnte der Preis sein, der größte Immobiliendeal in der Geschichte New Yorks. Russland und China, so hört man, seien interessiert.

Nur an die Saudis will man nicht verkaufen, dank ihrer 9/11-Connections. Ein bisschen Pietät bleibt also noch. Das dachten sich auch die Geschäfte im WTC-Einkaufszentrum: Die meisten machen am Jahrestag aus Rücksicht auf die Gedenkveranstaltung vor ihrer Tür morgens erst 90 Minuten später auf.



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