Die Lage am Mittwoch Liebe Leserin, lieber Leser,


erinnern Sie sich an den Mittwoch vor einem Jahr, den 9. November 2016? Als Sie aufgewacht sind und auf Ihr Handy geschaut haben, so wie jetzt? Erinnern Sie sich an Ihr Gefühl, als Sie lesen mussten, Donald Trump habe die Wahl in den Vereinigten Staaten von Amerika gewonnen? Ihre Ungläubigkeit. Ihren Schock. Ihre Hoffnung, noch zu schlafen und einen schlechten Traum zu erleben. Ihre böse Ahnung, dass dies das Ende der Welt, wie Sie sie kennen, sein könnte. Ich erinnere mich gut, ich habe danach tagelang in einer dunklen Wolke gelebt.

Nun ist ein Jahr vergangen, und ich hoffe, Sie sind wohlauf, durften Glück und Erfolg erleben, mindestens ein weiteres Jahr Ihres gewohnten, Ihres normalen Lebens. Die Chance hatten wir ja. Es ist kein Krieg ausgebrochen, keine Finanzkrise. Trump hat den Alltag von uns Deutschen nicht verändert. Alle Aufregung umsonst?

Das ist das Paradox des Daseins im November 2017. Es ist alles, wie es war, und es ist alles anders. Ist einem der Zustand der liberalen Demokratie egal, konnte man ein wunderbares Jahr haben. Ansonsten war es furchtbar.

Ein Wort ist 2017 verschwunden. Es heißt Schwarmintelligenz. Es ist die Grundlage der liberalen Demokratie. Das Wort Schwarmintelligenz drückt das Vertrauen aus, dass die Mehrheit vernünftig ist, dass sie zum Beispiel halbwegs tragbare Wahlergebnisse abliefert. Im Großen und Ganzen konnte man sich im Westen seit 1945 auf die Schwarmintelligenz verlassen. Mit der Wahl von Trump ist dieses Vertrauen gebrochen.

Donald Trump hat keinen Krieg vom Zaun gebrochen, er hat keine Finanzkrise ausgelöst, er hat die amerikanische Demokratie nicht abgeschafft, er hat sich nicht als Faschist entlarvt, aber er hat sich als verlogen, rachsüchtig, kleinkariert, egozentrisch, kindisch, plan- und orientierungslos erwiesen. Es ist immer noch nicht klar, ob er etwas für die USA erreichen will oder nur für sich und Ivanka und den Rest vom Clan. Und was war mit den Russen?

Trump wollte fast immer das Falsche, war nur zu unfähig, es durchzusetzen. Und traf auf den Widerstand einer Justiz, eines politischen Systems und einer Zivilgesellschaft, die ihm in Teilen furchtlos entgegentraten. Das ist ein kleiner Trost.

Der amerikanischen Wirtschaft geht es gut, aber das hat wenig mit Trump zu tun, und in einer Demokratie geht es, anders als in einer Diktatur, nicht nur um Ergebnisse, es geht auch um den Prozess. Wie geht man miteinander um? Auf welchem Niveau wird diskutiert? Die Worte sind das Fundament einer Demokratie, und nie hat ein Präsident im Westen dümmere, unsäglichere Worte in die Welt gesendet als Trump.

Der Schwarm hat eine katastrophale Entscheidung getroffen, aber noch spielt sich die Katastrophe vor allem im Bereich der Stimmung liberaler Demokraten ab, nicht so sehr bei den Fakten des Lebens. Aber das ist schlimm genug. Und andere Katastrophen könnten immer noch kommen. Wir müssen hoffen. Noch drei Jahre mindestens.

Fukuyama umgekehrt

DPA

Heute, am Jahrestag seiner Wahl, besucht Trump China. Das amerikanische Magazin "Time" hat zu diesem Anlass auf dem Titel verkündet, dass die Chinesen gewonnen hätten. Der autoritäre Staatskapitalismus habe seine Stabilität unter Beweis gestellt. Die liberalen Demokratien müssten dagegen um ihr Leben kämpfen. Das hat man sich einmal anders gedacht, da schien es nur eine Frage der Zeit zu sein, dass China eine Revolution erlebt und sich in eine liberale Demokratie verwandelt. Perdu.

Das berühmte "Ende der Geschichte" könnte auch so aussehen (also umgekehrt zu Francis Fukuyamas Prognose): Die letzte liberale Demokratie der Welt verwandelt sich in einen autoritären Staat. Allerdings werden die, anders als Demokratien, garantiert Kriege gegeneinander führen, weshalb es dann doch kein Ende der Geschichte sein würde.

Afghanistan plus

REUTERS

Da dies ein Tag der schlechten Laune zu sein scheint, noch ein Blick auf die Nato-Tagung, die heute beginnt: Unter anderem soll die Truppe in Afghanistan aufgestockt werden, von 13.000 auf 16.000 Mann. Was soll das denn bringen? Einen Anschlag weniger? Was für ein fürchterliches Hin und Her: von der Aufstockung zum angekündigten Abzug zur neuerlichen Aufstockung. Wenn man in Afghanistan überhaupt etwas erreichen kann, dann nur mit großem Engagement. Da die Nato dazu nicht bereit ist, sollte sie ihre Niederlage eingestehen und aus Afghanistan verschwinden.

Gewinner des Tages

Endlich die gute Nachricht: Der Sachverständigenrat, berichtet das "Handelsblatt", wird heute für dieses Jahr ein Wachstum von 2,0 Prozent verkünden, im nächsten Jahr von 2,2 Prozent. Demnach wären wir alle Gewinner des Tages. Allerdings sehen die Sachverständigen auch "deutliche Anzeichen für eine Überauslastung", für eine Überhitzung also, mit den Folgen, dass... nein, ich höre jetzt auf. Es soll gar nicht so schlimm werden heute: kein Regen in Hamburg, immerhin 9 Grad.

Doerry trifft Gysi

DPA

Jetzt habe ich doch noch eine uneingeschränkt gute, eine schöne Nachricht: Am 14. November wird sich mein Kollege Martin Doerry im Hamburger Literaturhaus mit Gregor Gysi unterhalten, über dessen Leben als Familienvater, Anwalt, Politiker und Autor. Wir verlosen 5x2 Karten an die Leser der Lage. Bei Interesse schreiben Sie uns einfach eine E-Mail an: info@spiegelgruppe-veranstaltungen.de. Weitere Informationen zur Veranstaltung und wenige Restkarten gibt es hier.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Die SPIEGEL-Plus-Empfehlungen für heute

Ich wünsche Ihnen einen hoffnungsvollen Tag,

Ihr Dirk Kurbjuweit

Mehr zum Thema
Newsletter
DIE LAGE: Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen


insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kuac 08.11.2017
1. Seltsam
Wieso ist der Ober-Twitterer der Welt bezüglich der Paradise Papers so auffällig ruhig?
Mjk 08.11.2017
2. Erfrischend
Ihr Schreibstil, Herr Kurbjuweit, ist für mich immer eine Freude. Ein wenig Witz, etwas Zynismus und auf den Punkt. Mir hat ihr Artikel heute gute Laune beschert, mitten in der Woche am heutigen Mittwoch… Danke sehr!
MütterchenMüh 08.11.2017
3. kommt fü Trump zur rechten Zeit
Trump hat da weniger das Problem als seine "Partei" die Republikaner. Das die Republikaner ihn nicht wollten ist unstrittig, die letzten Statements vom Bush-Clan waren hinsichtlich der Wahlen eindeutig. Diese Wahlerbebnisse werden dafür sorgen , dass die Republikaner jetzt in beiden Häusern zusammenstehen, oder es gehen noch mehr Wahlen und damit einflussreiche Ämter "den Bach runter". Für Trump kommen diese Ergebnisse zu rechten Zeit , er wird sie still und heimlich begrüßen.
Dr.Krümelmonster 08.11.2017
4. Das Kind beim Namen nennen
"Wenn man in Afghanistan überhaupt etwas erreichen kann, dann nur mit großem Engagement. Da die Nato dazu nicht bereit ist, sollte sie ihre Niederlage eingestehen und aus Afghanistan verschwinden." Etwas weniger Schönfärberei, bitte. "Engagement" ist Krieg. Punkt. Die These man könne mit einem solchen in Afghanistan irgendetwas erreichen, stellt sich seit 2001 und wenn man will, schon früher, als nicht haltbar heraus. Man hat und wird in diesem Land überhaupt nichts erreichen außer eigener toter Soldaten, deren Vätern und Müttern man erklären darf, dass ihre Kinder für nichts gestorben sind.
gatopardo 08.11.2017
5. Toller Artikel,
der haargenau jene Gefühle beschreibt, die uns in Zeiten unberechenbarer Ereignisse befallen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.