Die Lage am Dienstag Liebe Leserin, lieber Leser,


früher, als Donald Trump noch nicht Präsident war, als sich noch kein Sonderermittler an seine Fersen geheftet hatte und er nicht jeden Tag von Indiskretionen aus dem Weißen Haus geplagt wurde - in jenen seligen Zeiten war Trump der Meinung, dass Urlaub etwas für Weicheier sei. "Nice work ethic", twitterte er, als sich Barack Obama im Sommer 2011 für zehn Tage nach Martha's Vineyard verabschiedete.

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Heft 32/2017
Wie Bundesregierung und Konzerne den Ruf der Auto-Nation Deutschland ruinieren

Seit er Präsident ist, macht Trump nichts lieber, als sich übers Wochenende nach Florida zu verdrücken. Und was den Sommerurlaub angeht, mag er plötzlich auch nicht mehr mit der Tradition seiner Vorgänger brechen. Seit vergangenem Freitag weilt Trump in einem Golfklub in New Jersey, 17 Tage soll die Sommerfrische dauern. "Wenn man seine Arbeit nicht genießt, ist man im falschen Job", sagte Trump vor ein paar Jahren zum Thema Ferien, da war er noch glücklicher New Yorker Immobilienunternehmer. Vielleicht hat Trump die Muße, in den nächsten Tagen über den Satz noch einmal nachzudenken.

Ich, einfach unverbesserlich

DPA

Im Moment wird viel Schlechtes über Elke Twesten gesagt, die von den Grünen zur CDU übergelaufen ist und damit die rot-grüne Regierung in Hannover um ihre Mehrheit brachte. Das Wort Verräterin macht die Runde, dabei gehört die Abgeordnete Twesten zu einem Typus, der seit ein paar Jahren immer häufiger die Parlamente bevölkert: der Ich-Politiker. Lange war dort der Wir-Politiker die dominierende Spezies. Der Wir-Politiker war immer etwas langweilig und stand unter dem Verdacht, ein Rückgrat aus Gummi zu haben. Aber die Angst vor der Führung machte ihn auch verlässlich.

Der Ich-Politiker kennt keine Parteilinien, nur sein Gewissen, das praktischerweise fast immer mit seinen Interessen zusammenfällt. Der Ich-Politiker gedeiht besonders gut im Klima einer großen Koalition, wo es auf eine einzelne Stimme ohnehin nicht ankommt. Aber es gibt ihn auch anderswo, wie der Fall Twesten zeigt. Sie bringt im Namen des Gewissens eine ganze Regierung ins Wanken. Am 15. Oktober wird in Niedersachsen ein neues Parlament gewählt.

Wander Woman

DPA

Heute bricht Martin Schulz zu einer Reise durch Ostdeutschland auf, während sich die Kanzlerin noch bis Ende der Woche erholt. Es gehört zu den Kuriositäten dieses Wahlkampfes, dass sogar Merkels Sommerurlaub (im Bild 2014 in Italien) zu steigenden Umfragewerten beiträgt. Ihr Outfit in Südtirol - Outdoorhose, kariertes Hemd - signalisiert das stille Einverständnis mit all den Deutschen, die sich im Sommer nicht dem mediterranen Modediktat unterwerfen wollen. Sollten nun alle, die auch bei wärmeren Temperaturen gern mit Socken in die Sandalen schlüpfen, Merkel wählen, wäre die absolute Mehrheit für die CDU sicher.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Verliererin des Tages...

Getty Images

... ist Theresa May. Die britische Premierministerin hat erst die vorgezogenen Parlamentswahlen verloren, die ihr eigentlich eine stabile Mehrheit im Unterhaus sichern sollten. Nun bröckelt im Volk die Unterstützung für ihren Kurs harter Brexit-Verhandlungen. Laut einer neuen Umfrage sind 61 Prozent der Briten nicht mit ihrer Politik einverstanden. Das muss noch nicht heißen, dass die Insel verkatert aufwacht und bereut, sich von Europa losgesagt zu haben. Aber die Briten scheinen zu verstehen, dass der Abschied von der EU komplizierter wird, als es die Populisten im Sommer 2016 versprochen haben.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, Ihr

René Pfister

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insgesamt 18 Beiträge
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ralf.oberle 08.08.2017
1. May u stay
Das Frau May und ihr EU Kurs langsam von den Briten Kritisch gesehen wird ist nur zu begrüßen. Ich hoffe, dass es noch rechtzeitig einen Stopp gibt und die Wähler sich gegen den Austritt entscheiden. Brexit is shit.
StefanZ.. 08.08.2017
2. Euch-Politiker
Wer braucht Wir-Politiker, die bewußt oder unbewußt und meist Rückgratlos die Interessen ihrer Partei vertreten, weil sie von ihr abhängen? Alles was die Bevölkerung braucht sind Euch-Politiker, die während ihrer Tätigkeit keinerlei Interessenverband angehören dürfen, sei es Partei, Gewerkschaft, Vogelzüchterverein, Firmen-Aufsichtsrat. Diese Menschen würden dann einzig wegen ihrem Wissen, Erfahrungen, Können und gerade auch ihrem Charakter direkt gewählt werden. Das ist die Deutschland Demokratie 2.0 auf die wir alle warten.
astromarkus 08.08.2017
3. Wie kann das sein?
Die Umfrageergebnisse zu der Kanzlerin verschieben sich zum Positiven hin, obwohl sie nicht da ist? Schon sehr bezeichnend! Vermutlich liegt es daran, dass sie im Urlaub potentiell weniger Schaden anrichtet als im Kanzleramt in Berlin. Und woher kommen eigentlich dauernd diese umfragewerte quasi in Echtzeit? Man müsste ja meinen direkt von einem Meinungsforscher mit der Sonntagsfrage belästigt zu werden, sobald man auch nur einen Fuß in die Fußgängerzone setzt. Gute Idee eigentlich: macht das doch mal auf der Prager Straße, am Wiener Platz oder direkt vorm Hauptbahnhof hier in Dresden und befragt diejenigen, die nicht nach migrationshintergrund aussehen - ihr würdet überrascht sein! Es stellt sich nur die Frage, wer diese Ergebnisse bringen sollte... Spiegel? ARD? Wohl kaum...
keine Zensur nötig 08.08.2017
4. Ein wunderschöner Morgen -
nur im Haupstadtbüro ist noch Licht. Es ist kein gutes Licht, da leider nicht bemerkt wird, dass offensichtlich unsere gesamte Politelite aus Ich-Personen besteht und lesen kann man bei dem schlechten Licht auch nicht. Schon garnicht ein Grundgesetz, welches hier medial angegriffen wird. Sitzen da jetzt verdeckte Reichsbürger in der Redaktion? Frau Dr. Merkel ist alles - nur eins nicht: eine Wir-Politikerin. Sie regiert selbstherrlich an Volk und Parlament vorbei und orientiert sich nur an Umfragen zum Erhalt der eigenen Macht. Weiss inzwischen jeder - nur eben nicht das Hauptstadtbüro. Traurig.
vantast64 08.08.2017
5. Es ist bezeichnend, daß Merkels Umfragewerte steigen,
wenn sie gar nichts tut. Die Wähler lieben das, sie mögen keine Kanzlerin, die sich Gedanken um die Zukunft und den Zustand des Planeten macht, sie hat keine Enkel. Merkel hat dies erkannt und legt ihre Hände in den Schoß (ihr Kanzler-V).
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