Die Lage am Freitag Liebe Leserin, lieber Leser,


heute ist ein Tag, an dem Europa recht mickrig und ältlich wirken könnte. In Vietnam beginnt der Gipfel der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft, China nimmt teil, die USA, Russland, Japan, Australien und andere. Es ist die Region mit der größten Dynamik, der größten Kraft. Sie gilt schon lange als die Region der Zukunft, und das war kein Irrtum.

China ist die dominierende Macht am Pazifik, und Europa ist bei diesem Gipfel gar nicht mehr vertreten. Bislang hat der Präsident der USA Europa immer ein bisschen mitgedacht, als Anführer des Westens. Aber Trump ist bei seinem Staatsbesuch in China nicht mehr als Anführer des Westens aufgetreten, sondern als Bewunderer eines autoritären Herrschers, als Juniorpartner von Xi Jinping. Er hat die westlichen Werte nicht mehr öffentlich vertreten. Als Typus passt er ohnehin besser zu Autokraten als zu europäischen Staatslenkern wie Merkel oder Macron. Still ruht der Atlantik.

Old Europe

AFP

Europa dagegen beschäftigt sich mal wieder mit seiner Vergangenheit. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besucht Paris und weiht dann zusammen mit seinem Kollegen Emmanuel Macron das deutsch-französische Museum zum 1. Weltkrieg im elsässischen Hartmannswillerkopf ein. In den Schlachten von damals sind fast 30.000 Soldaten gefallen.

In der "Süddeutschen Zeitung" von heute habe ich gelesen, der ehemalige australische Premierminister Kevin Rudd habe gesagt, Europa sei "ein endloses Seminar über sich selbst". Falsch ist das nicht, und während in Vietnam heute mit Sicherheit viel über Gegenwart und Zukunft geredet wird, redet Europa über seine Vergangenheit.

Damit scheint auf einer symbolischen Ebene alles gesagt. Aber Europa hat eine riesige Kraft daraus gewonnen, dass es seine Vergangenheit nicht beschweigt, sondern verarbeitet. Der stabile Frieden nach kriegerischen Jahrhunderten ist die Grundlage europäischer Zukunft. Deutsche und Franzosen haben auch heute durchaus Grund, ein bisschen stolz auf sich zu sein.

Dein Freund und Pöbler

DPA

Wenn Sie in Berlin jemandem begegnen, der sich so richtig daneben benimmt, dann rufen Sie bloß nicht die Polizei. Es wird nur schlimmer. Sie haben dann mit noch mehr Leuten zu tun, die sich so richtig daneben benehmen.

Berliner Polizisten sind in Verruf geraten, obwohl sich wahrscheinlich nur eine Minderheit übel aufführt. Aber es gibt da tatsächlich ein Problem. Mein Kollege Maik Baumgärtner schildert das im neuen SPIEGEL, den Sie heute ab 18 Uhr digital lesen können. Schlechtes Benehmen, eine fehlerhafte Sprache, schlampige Kleidung. Baumgärtner hat vor allem bei Ausbildern recherchiert, und die hatten eine Menge Klagen.

Soo süüüß?

Allen Eltern, Großeltern und Urgroßeltern, die viel in sozialen Netzwerken rumtoben, möchte ich einen Text von Lena Greiner bei SPIEGEL DAILY ans Herz legen. Es geht um den weit verbreiteten Ehrgeiz, den lieben Kleinen zu einem großen Auftritt im Internet zu verhelfen, vor allem über Fotos oder Filme. Soo süüüß, die Kindchen, aber eines Tages, wenn sie groß sind, finden sie es vielleicht nicht mehr lustig, dass man sie bei Facebook in der Badewanne sehen kann oder sonstwo, sonstwie.

Verlierer des Tages

Getty Images

Auf einer Party hat mich der Schauspieler X übel beleidigt. Ich habe mir daraufhin geschworen, nie mehr ein Theaterstück anzuschauen, in dem er mitspielt. Bis dahin hatte ich ihn unter anderem zweimal als Richard II. gesehen und lag ihm zu Füßen. Irgendwann hatte ich eine solche Sehnsucht nach diesem Stück, dass ich ein drittes Mal hineingegangen bin. Ich hatte mir vorher geschworen, dass ich X meinen Applaus verweigern werde. Aber ich konnte nicht. Ich habe X genauso gefeiert wie an den ersten beiden Abenden.

Warum ich das erzähle? Weil die Kunst größer ist als der Mensch, der sie schafft. Ich finde abscheulich, was Kevin Spacey getan hat. Aber ich finde falsch, dass der Regisseur Ridley Scott die Szenen mit Kevin Spacey aus seinem neuen Film "Alles Geld der Welt" herausschneiden will. Die Kunst des Kevin Spacey sollte bleiben dürfen. Scott ist daher mein Verlierer des Tages.

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Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Freitag und einen guten Start ins Wochenende.

Ihr Dirk Kurbjuweit

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
dogeatdog 10.11.2017
1. Gewinner des Tages
Finde es richtig, dass Riddley hier seine Regisseurskunst ausübt und sehr konsequent handelt
StefanZ.. 10.11.2017
2. Europa alt und weise statt nur alt?
Mit dem Kult ums Rückwärtsblicken auf Grausamkeiten haben Sie vollkommen recht. Damit ist niemandem gedient es kocht nur negative Emotionen auf. Fehlern ehrlich und ernsthaft analysieren, eingestehen, verzeihen und daraus lernen ist dagegen die Grundlage unseres Lebens. Also so, wie das bei der offenen Einwanderung, den Snowden-Enthüllungen, der Dieselaffäre etc. in Deutschland nicht passiert ist. Und hier im Fernen Osten am Pazifik ist auch nicht alles Gold was glänzt. Ich würde mir auch mal wieder ein paar Tage ohne brummende Atemluftreinigung in Büro und Zuhause wünschen. Die kurzsichtige Gier nach mehr Quantität statt Qualität bei allem richtet langsam aber stetig unseren Planeten zugrunde.
eugeal 10.11.2017
3. Kunst und Künstler
Mir ist klar, dass Spaceys Verhalten ungeheuerlich ist. Trotzdem stimme ich dem Beitrag zu, dass man Person und Kunst trennen sollte. Es gibt genug andere Negativbeispiele aus Kunst und Kultur, die jetzt auch nicht unbedingt als Vorbild für die Jugend herhalten. So wie beispielsweise den Scientologen Tom Cruise, der trotzdem noch weiter erfolgreich Filme produziert. Spacey wird hoffentlich trotzdem seine gerechte Strafe erfahren. Vielleicht mit einer unbedeutenden Rolle in der nächsten Star Wars Trilogie.
hape2412 10.11.2017
4. Extrem schwer zu entscheiden.....
klar, Kevin Spacey ist und bleibt ein großartiger Schauspieler. Aber kann man seine Kunst von seiner Person trennen und sagen: "Gut, er hat diese scheußlichen Dinge getan, aber das hat doch nichts mit seinen Fähigkeiten als Schauspieler zu tun." Kann man nicht! Was Ridley Scott jetzt plant, nämlich die Szenen mit Spacey zu schneiden und mit einem anderen Schauspieler nachzudrehen, ist bestenfalls scheinheilig. Konsequent und ein deutliches Zeichen wäre es gewesen, den kompletten Film zu verwerfen. Zum einen wird man jetzt bei Betrachtung des Filmes fragen:"Wie hätte Spacey das gemacht?" (vielleicht wäre auf dunklen Kanälen diese Version an die Öffentlichkeit gekommen) und zum anderen sieht die jetzige Handlungsweise ein wenig nach "Retten wir , was noch zu retten ist." aus. Fest steht auch, dass man Person und künstlerische Fähigkeiten eben nicht so einfach voneinander trennen kann, weil man sonst allen möglichen Untaten eine Quasi-Legitimation verschafft. Fest stehen sollte auch, dass jemand wie Kevin Spacey für alle Zukunft beruflich erledigt ist (denkt man diesen Gedanken weiter, kommt man wohl zu dem Schluss, das Donald Trump nie hätte Präsident der USA hätte werden dürfen). Schließlich sollte man, will man denn ein Zeichen gegen sexuelle Belästigung setzen, dieses auch so tun, dass es nicht - wie in diesem Fall - wachsweich aussieht.
wjandel 10.11.2017
5. Apec-gipfel
Der APEC-Gipfel begann bereits am 06.11. unter grossen Sicherheitsmassnahmen. Der Gipfel endet am 11.11.. Die Praesidenten Trump und Putin sind heute morgen in Vietnan, Danang als Ausrichter, gelandet. Europa war nie dabei, weil Europa kein asiatisch-pacific-Anlieger ist. Es liegt aber der Eu frei, mit den asiatischen Staaten direkte wirtschaftsabkommen zu vereinbaren. Es geht um Wachstum und damit um das Reduzieren von Handelsbeschraenkungen.
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