Die Lage am Montag Liebe Leserin, lieber Leser,


in Frankreich geht Emmanuel Macron als Sieger in die zweite Runde der Präsidentenwahl am 7. Mai gegen die Rechtspopulistin Marine Le Pen. Die Franzosen haben einen Mann an die erste Stelle gewählt, der aus dem Establishment kommt und doch den Bruch mit dem Establishment verkörpert (das erinnert ein bisschen an Martin Schulz!). Einen Mann, der für Aufbruch und Neuanfang steht, aber nicht für Radikalismus und Eliten-Hass. Seine Wähler wollen eine Erneuerung aus der Mitte.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 17/2017
Donald Trump und Kim Jong Un riskieren den Atomkrieg

Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq hat in seinem Roman "Unterwerfung" den Niedergang der traditionellen französischen Parteien vorhergesehen. Das gestrige Wahlergebnis hat ihn bestätigt. Was er nicht vorhersah, ist die Kraft der Demokratie, sich zu erneuern. Die Lehre von Frankreich lautet: Wenn die Wähler ein neues Gesicht wollen, das eine andere Politik verspricht, aber zugleich weder rechts- noch linksradikal ist, dann bringt die Demokratie diese Person hervor. Zuletzt gab es so viele Zweifel, ob die Demokratie eigentlich noch funktioniert. Für mich war die gestrige Wahl deshalb vor allem ein Sieg für die Demokratie.

Trotzdem: Ein bisschen unheimlich ist mir die Siegesgewissheit schon, die jetzt in Frankreich und hierzulande bei den Macron-Anhängern und Kommentatoren herrscht. Da gibt es doch noch einige Fragen: Wird Macron die bürgerlichen und sozialistischen Wähler wirklich mobilisieren können? Werden die Anhänger des Ultralinken Jean-Luc Mélenchon nicht eher zu Le Pen überlaufen? Könnte es nicht doch knapp werden? Jedenfalls hat die Zuversicht schon etwas von einem Déjà-vu: Wie sicher waren wir, dass Hillary Clinton die US-Wahl gewinnt und der Brexit niemals kommt?

DPA

Seehofers endloser Abschied

In München wird heute ein weiterer Akt des Dramas "Seehofers langer Abschied von der Macht" gegeben. Um 14 Uhr will der CSU-Chef die Aufstellung seiner Partei für die Bundestagswahl bekanntgeben. Es wird erwartet, dass Bayerns Innenminister Joachim Herrmann Spitzenkandidat wird, Horst Seehofer selbst aber als Parteichef und 2018 als Ministerpräsident noch einmal antritt. (Oder täuschen wir uns alle und Seehofer treibt es noch doller als Sigmar Gabriel, führt alle an der Nase herum und präsentiert heute seinen Nachfolger?)

Wieder einmal darf das interessierte Publikum einem Spitzenpolitiker dabei zuschauen, wie ein würdiger Abschied von der Macht misslingt. Schon vor mehr als zwei Jahren hatte Seehofer seinen Rückzug angekündigt. Doch der Plan, als umschmeichelter Übervater seine Nachfolge zu moderieren, schlug fehl, weil ihm mit Markus Söder zu rasch ein zu potenter und ungeduldiger Kandidat im Nacken saß. Der Abschied von der Macht, so lernen wir, gelingt nur als Überraschungscoup.

DPA

Zwei Frauen zähmen Trump

Diese Woche wird in Berlin First Daughter Ivanka Trump erwartet. Auf Einladung von Kanzlerin Angela Merkel wird die Präsidententochter am W20-Treffen teilnehmen, dem Frauengipfel der G20, der heute Abend beginnt. Ivanka Trumps erste offizielle Auslandsreise als Präsidentenberaterin führt sie also zu Merkel. Wenn das keine Botschaft ist: Ein Gipfel jener beiden Frauen, die Donald Trump zur Vernunft bringen sollen - wenn das überhaupt möglich ist. Zwei Frauen, auf die sich die Hoffnungen der freien Welt richten, weil sie angeblich die Macht haben, den Mann zu beeinflussen, der auf Frauen so herabblickt.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Verlierer des Tages...

... sind die Terroristen. Sie wollten vor der französischen Wahl Angst und Unruhe schüren. Es ist ihnen nicht gelungen. Der Anschlag vom vergangenen Donnerstag auf den Champs-Élysées hatte offenbar keinen Einfluss auf die Wahlen. Die Franzosen haben sich weder beeindrucken noch beeinflussen lassen.

Ich finde, das ist Grund für einen optimistischen Start in die Woche, den wünsche ich Ihnen. Herzlich,

Ihre Christiane Hoffmann

Mehr zum Thema
Newsletter
DIE LAGE: Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen


insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
silesius 24.04.2017
1. Der Horst
braucht unbedingt eine Atempause, denn D hat mit F schwere Aufgaben, die keinen Horst vertragen - und auch keinen Arnim&Christian.
noalk 24.04.2017
2. Houellebecq ist kein Hellseher
Er mag den Niedergang traditioneller Parteien beschrieben haben. Eine Vorhersehung würde ich das nicht nennen. Und ob Macron der Erneuerer wird, steht auch erst mal in den Sternen - siehe Obama. Die Demokratie in ihrer heutigen Form ist eine Magd der Wirtschaft, die mit ihrer Macht immer mehr das Weltgeschehen - und damit das nationale - bestimmt. Auch verfügt sie nicht über mehr Kraft als andere Staatsformen. Im Gegenteil: Sie scheint mir anfälliger zu sein als manch andere.
IMOTEP 24.04.2017
3. Vornehmst
Macron ist der Paradiesvogel unter den Französischen Politikern, sollte er Präsident werden wird seine vornehmste Aufgabe sein Mittelstand und Eliten wieder in Einklang zu bringen, viel Glück dazu wird er brauchen, gelingt ihm das nicht steht Le Pen vor der Tür und sie wird Präsidentin, garantiert. Was Schulz angeht, der ist durch Zufall und Chuzpe zu seinen Ämtern gekommen, gewählt wurde er nicht, von niemanden, daher der Vergleich Macron/Schulz etwas gewagt liebe Fr. Hoffmann. Zu unserm Dauerbrenner D. T. und die Frauen, der lässt sich gerne von ihnen beraten und folgt ihnen auch, wenn er das ohnehin schon so beschlossen hatte. Auch Ihnen liebe Fr. Hoffmann einen guten Start in die Woche.
Ticki 24.04.2017
4. Die Luft ist raus
Ende mit der Demokratie, sie ist der Verlierer der Wahl, Gewinnerin ist eindeutig le Pen. Wer das anders beurteilt, hat wohl die falsche Brille aufgesetzt. Leute, eure Fakenews sind widerlich!
kleinsteminderheit 24.04.2017
5. Eine verschobene Katastrophe?
Bei aller Freude über den Ausgang der Vorwahl in Frankreich bleiben da über 40%, die rechts- oder linksradikal gewählt haben. Ein Menetekel für den zweiten Durchgang und für die folgenden Wahlen. Auch wenn es vielleicht für eine reformwillige bürgerliche Regierung reicht, so wird diese sich mit der Motivation jener 40% auseinandersetzen müssen, die das Vertrauen in die Eliten verloren haben. Gelingt es nicht, glaubwürdige Antworten auf die Probleme zu finden, welche diese Menschen bewegen, wäre die Katastrophe nur verschoben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.