Die Lage am Donnerstag Liebe Leserin, lieber Leser,


jeden Morgen ging es in dieser Woche in der Lage um Katalonien. Nun gibt es zum ersten Mal einen Hoffnungsschimmer, dass die Eskalation gestoppt werden könnte. Eigentlich nur ein Schimmerchen. Ministerpräsident Rajoy hat eine Verfassungsänderung in Aussicht gestellt, das aber mit einem Ultimatum an die Katalanen verbunden. Bis Montagfrüh 10 Uhr soll Kataloniens Regierungschef Puigdemont klarstellen, ob er nun die Unabhängigkeit erklärt hat oder nicht. Dabei ist in Konflikten Unklarheit oft die Rettung, Ultimaten sind es sicher nicht.

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Heft 41/2017
Wie ARD und ZDF Politik betreiben

Ich habe mich all diese Tage gefragt, woher die Unversöhnlichkeit kommt, die Härte, mit der dieser Streit ausgetragen wird, die Verweigerung von Dialog und Vermittlung. Der spanische Bürgerkrieg liegt gerade einmal 80 Jahre zurück, erst vor gut 40 Jahren endete die Franco-Diktatur. Einer der Gründe für den Bürgerkrieg war das Unabhängigkeitsstreben von Basken und Katalanen. Keine Provinz leistete so lange Widerstand gegen die Franquisten wie Katalonien. Ein Trauma, das offenbar bis heute wirkt, auf beiden Seiten.

Gerechtigkeit und Hunger

AFP

Gestern saß ich auf der Frankfurter Buchmesse auf einem Podium mit Thorsten Schäfer-Gümbel und Richard David Precht. Es ging um "Migration und Globale Gerechtigkeit". Precht meinte, schon die Frage nach mehr oder weniger Gerechtigkeit sei falsch gestellt, weil es keinen Zahlen gebe, mit denen sich Gerechtigkeit messen lasse. Das sehe ich etwas anders.

Heute werden die Welthungerhilfe und das Washingtoner Institut "International Food Policy Research Institute" (IFPRI) eine Zahl veröffentlichen, die schon etwas darüber sagt, dass es auf der Welt nicht gerecht zugehen kann: den Welthunger-Index 2017. Jedes Jahr im Oktober wird dieser Bericht vorgelegt, und in den vergangenen Jahren war die gute Nachricht, dass immer weniger Menschen hungern. Es ist trotzdem eine schlechte Zahl: Im vergangenen Jahr waren es immer noch mehr als eine dreiviertel Milliarde Menschen. Jedes vierte Kind kann sich nicht normal entwickeln, weil es nicht genug zu essen hat. Und das soll nichts mit Ungerechtigkeit zu tun haben?

Sigmar Gabriel im Wahlkampf

AFP

Heute ist Großkampftag im niedersächsischen Wahlkampf: Kanzlerin Angela Merkel tritt in Seevetal und Vechta auf, Christian Lindner in Hannover, Cem Özdemir und Simone Peter sind auch da, Thomas Oppermann und Manuela Schwesig in Göttingen, Annegret Kramp-Karrenbauer in Holzminden, Johanna Wanka (sie ist, falls Sie es vergessen haben, seit mehr als vier Jahren Forschungsministerin in Merkels Kabinett) in Rotenburg, Lüneburg und Osterholz-Scharmbeck und Sigmar Gabriel in Cremlingen-Weddel.

Moment, Sigmar Gabriel? Was macht eigentlich Sigmar Gabriel? Seit der Niederlage der Sozialdemokraten ist er fast völlig abgetaucht. Die "Bild"-Zeitung mutmaßte schon, er werde nach einer kurzen Zeit als Hinterbänkler in die Wirtschaft gehen. Gabriel verlässt die Politik? Ich würde ihn vermissen. Eine unvollendete Karriere.

Österreichs Rechtspopulisten auf dem Weg zur Macht

REUTERS

Heute Abend ist im österreichischen Fernsehen "Elefantenrunde", so heißt bei unseren Nachbarn das TV-Duell, das aber eben kein Duell ist, weil die Spitzenkandidaten von insgesamt sechs Parteien miteinander streiten. Die rechtspopulistische FPÖ hat Aussichten, bei der Wahl am Sonntag stärkste Kraft zu werden, mit einiger Wahrscheinlichkeit wird sie an der Regierung beteiligt sein. Es wäre nicht das erste Mal. Doch als Wolfgang Schüssel die Rechtspopulisten 1999 in die Regierung holte, gab es einen europäischen Aufschrei, die anderen EU-Länder diskutierten Sanktionen und reduzierten ihre Kontakte nach Wien. Dieses Mal wird sich dagegen niemand mehr aufregen. Die Zeiten haben sich geändert: Rechtspopulisten an der Macht sind leider europäische Normalität.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Gewinner des Tages...

DPA

... ist Wolfgang Schäuble. Er ist auf Abschiedstour, heute in Washington, zum letzten Mal vertritt er Deutschland bei der Jahrestagung von IWF und Weltbank, beim Treffen der G20-Finanzminister. Und man muss ihm lassen: Er hat den Abschied von der Macht geschafft, der vielen so schwerfällt. Selbst wenn das vielleicht nicht so ganz freiwillig war, hat Schäuble doch im richtigen Moment losgelassen. Mit 75 greift er sich noch einmal eine neue Aufgabe, weniger mächtig, aber als Präsident dieses Bundestages könnte er wichtiger sein als alle seine Vorgänger. Er hat die Chance, der Parteipolitik entrückt, über Parteigrenzen hinweg angesehen, verehrt, populär zu werden. Die Vollendung einer Karriere.

Ich wünsche Ihnen einen vollkommenen Tag.

Herzlich,

Ihre Christiane Hoffmann

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insgesamt 9 Beiträge
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StefanZ.. 12.10.2017
1. Vorsicht mit den Trends in Hungerstatistiken
Ich kenne die Daten vom World Food Programme mit der Legitimität des UN Systems. Dort hatte man sich auch jahrelang auf die Schulter geklopft, weil der generelle Trend (auf unerträglich hohem Niveau) nur in Richtung Verbesserung ging. Letztes Jahr dann mußte man eine sprunghafte Korrektur nach oben verkünden. Es ist nicht gerecht, sondern nur unmenschlich, wenn Eltern Kinder in diese schon weit überbevölkerte Welt setzen, die in ihrem Umfeld von Anfang an keine realistische Chance auf gesunde Ernährung, Schulbildung etc. haben. Kein völlig unschuldiger Neubürger dieser Erde hat solche Voraussetzungen verdient. Wer kann rational dagegen argumentieren?
lalito 12.10.2017
2. Populär
Guten Morgen Frau Hoffmann, vielleicht ist der gute Herr Gabriel, unvollendete Karriere - wie süffisant - ja auch auf Abschiedstour, machte ja Sinn. Populär scheint er nach Ihrer Definition im Gegensatz zu Herrn Schäuble nicht so sehr zu sein bzw. jemals werden zu können, dabei hat er sich doch immer bemüht rechtschaffen populistisch daherzureden, gerne auch mit Sorgenfalte extrem. Also, den Mann, der die Sozialdemokratie dahin verschiffte, wo sie jetzt ist, also ich für meinen Teil würde ihn eher nicht vermissen - "abgetaucht - ist grad gut wie es ist. Das läuft übrigens jetzt,mit einer als "links" deklarierten so sehr populären Frau Nahles ja bei der SPD zukünftig ganz anners, da gibt's gleich eins auf die Zwölf, ganz unpopulistisch, fürwahr . . . Übrigens, sage hiermit voraus, dass es weiterhin illegal bleiben wird, den Rauch einer Pflanze einzuatmen - Jamaika hin, Cem her. Einen schönen Tag allseits!
gatopardo 12.10.2017
3. Katalonien war nicht die letzte Bastion
im Bürgerkrieg, sondern Madrid und Alicante, die bis zum Ende im Jahre 1939 durchhielten mit dem Slogan:"No pasarán" (Sie kommen nicht durch)
roughneckgermany 12.10.2017
4. StefanZ.
Ich würde Vorsicht walten lassen und nicht von einer überbevölkerten Welt sprechen. Es gibt mehr als genug Mais für alle Menschen. Wenn gerade wir Deutschen unser Verlangen nach Fleisch deutlich reduzieren, ist noch mehr Getreide verfügbar. Man könnte ja den Spieß rumdrehen und den Export aus anderen Ländern nach Deutschland stoppen. Dann ist Schluss mit seltenen Erden, Glimmer, Wolfram, Braunkohle aus Kolumbien, Getreide aus den USA, etc.
StefanZ.. 12.10.2017
5. Das Hungerproblem schönreden
Ich hatte es fast befürchtet. Wer das 2017 Welthungerindex Dokument studiert wird gar nicht darüber informiert, dass sich die Zahlen gegenüber dem 2016 Index verschlechtert haben. Ganz geschickt sieht man nur Vergleichsdaten von vor 9 Jahren etc. Dazu passt dann auch die unvollständige Liste der Handlungsempfehlungen, die in der gleichen Form schon seit Jahrzehnten gepredigt werden.
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