Die Lage am Mittwoch Liebe Leserin, lieber Leser,


es war ein Eklat, den Israels Premier Benjamin Netanyahu ganz offensichtlich gewollt hatte: Weil Außenminister Sigmar Gabriel bei seinem Besuch darauf bestand, sich auch mit Nichtregierungsorganisationen zu treffen, die Netanyahu missbilligt, sagte der Ministerpräsident das geplante Gespräch mit Gabriel ab. Das zeigt vor allem eines: Der Umgang mit Israel stößt mit der Regierung Netanyahu an seine Grenzen.

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Heft 17/2017
Donald Trump und Kim Jong Un riskieren den Atomkrieg

Sicher, Israel kann für Deutschland nie ein Land sein wie jedes andere. Besondere Rücksicht ist geboten, bis heute, auch besonderes diplomatisches Feingefühl. Aber die historische Schuld kann nicht dazu führen, dass Deutschland es akzeptiert, wenn die israelische Regierung sich immer weiter von jenen Werten entfernt, die wir bisher für gemeinsame gehalten haben.

Koalitionsanbahnung

Gestern Rot-Rot-Grün, heute Schwarz-Gelb. In Berlin jagt ein farbenfrohes Treffen das nächste, ständig werden mögliche künftige Machtkonstellationen ausgelotet und angebahnt. Nachdem das gestrige rot-rot-grüne Stelldichein in der SPD und speziell bei Kanzlerkandidat Martin Schulz für einigen Unmut sorgte, ist heute die Gegenseite dran. Kanzleramtsminister Peter Altmaier hat Vertreter der Liberalen zu einem Tête-à-Tête geladen (Stichwort: Kartoffelküche, benannt nach der schwarz-gelben Sättigungsbeilage).

In Wahrheit dürfte es Altmaier um Jamaika gehen: Er war bekanntlich seinerzeit ein Protagonist der legendären Pizza-Connection, die erste zarte Bande zwischen Union und Grünen knüpfte. Wie kein anderer steht Angela Merkels Kanzleramtschef für Schwarz-Grün. Man kann also davon ausgehen, dass der kulinarisch versierte Minister die Kartoffeln am Ende mit Petersilie servieren möchte.

Getty Images

Merkel und das F-Wort

Kanzlerin Angela Merkel will sich nicht als Feministin bezeichnen. Das ist das Ergebnis des W20-Treffens, das gestern in Berlin stattfand. "Sehen Sie sich als Feministin", wurde die Kanzlerin gefragt, die gerade ein flammendes Plädoyer für die Sache der Frauen gehalten hatte. Merkel schwieg betreten. Neben ihr feixte IWF-Chefin Christine Lagarde: Sag es, Angie! Lagarde amüsierte sich prächtig. Merkel wand sich. Das F-Wort! Wie viele Männerstimmen würde es sie bei der Bundestagswahl kosten? Das Physikerinnenhirn arbeitete erkennbar. Dann hatte Merkel die Lösung: Nein, sie könne sich nicht mit einem "Titel schmücken, den ich gar nicht habe", sagte sie. Feministin? Zuviel der Ehre. Heute steht der nächste Frauentermin auf Merkels Agenda: Sie begrüßt Teilnehmerinnen des Girl's Day im Kanzleramt.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

AFP

Gewinner des Tages

In der späten Sowjetunion gab es einen Bestseller mit dem Titel "Die Schlange". Autor Wladimir Sorokin beschrieb darin das Soziotop der sozialistischen Misswirtschaft: Die endlosen Menschenschlangen, die sich überall dort bildeten, wo es ein knappes Gut zu erwerben gab. Heute ist diese Form menschlichen Beisammenseins so gut wie ausgestorben, eine Ausnahme bildet seit Neuestem meine Heimatstadt Hamburg. Dort vermittelt die Elbphilharmonie den konsummüden Hanseaten das spätsozialistische Lebensgefühl. Helden des Tages sind daher meine Eltern, die gerade in einer eintägigen Aktion Karten für ein Konzert im November erstanden haben.

Bereits im Morgengrauen ab 5 Uhr formierte sich in der Hamburger Innenstadt eine Schlange vor der Konzertkasse, die um 9 Uhr öffnen sollte. Am Ende erstreckte sie sich über mehrere Hundert Meter, bewacht von einem Sicherheitsdienst, der eingriff, als es auf den vorderen Metern zu Tumulten kam. Im mittleren Bereich hielt man sich durch gemeinsame Gymnastik warm, eine anliegende Bäckerei machte Rekordumsätze. Gegen 13 Uhr hielten meine Eltern ihre Konzertkarten in den Händen, eine für mich war auch dabei.

Einen Tag voller Glücksmomente wünscht Ihnen,

Ihre Christiane Hoffmann

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes war von einer "Sonderbehandlung" Israels durch Deutschland die Rede. Es war falsch, diesen Begriff zu verwenden, da er historisch belastet ist. Wir bedauern das Versehen und haben die Passage berichtigt.

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insgesamt 28 Beiträge
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stefan.p1 26.04.2017
1. deutsche Fehleinschätzung!
Zitat: wenn die israelische Regierung sich immer weiter von jenen Werten entfernt, die wir bisher für gemeinsame gehalten haben! Deutschland und Israel hatten nach dem Holocaust noch nie gemeinsame Werte-und erst recht nicht was den Umgang Israels mit seinen Nachbarn angeht.
Frank Kreuzer 26.04.2017
2. Die deutsche Staatsdoktrine
"Israels Regierung entfernt sich immer weiter von gemeinsamen Werten." Es gab immer nur einen gemeinsamen Wert und das war die DM. Alles andere ist Augenwischerei der Medien in einer elaborierten Schuldkultur.
kopp 26.04.2017
3. 'Sicher, Israel kann für Deutschland nie ein Land sein wie jedes andere'
Also müssen die Deutschen duckmäusern bis in alle Ewigkeit ? Nein Danke ! Soll die offizielle Politik ihre auferlegte Büßerhaltung bis zum irreparablen Bandscheibenvorfall einnehmen - nur schizophrene Menschen können diese Haltung auf Dauer durchhalten.
Jarek M 26.04.2017
4.
wunderbar praktizieren in den relativ sicheren mittel-/nordeuropäischen Gefilden. Ich empfehle den Blick auf die Karte der Region, dann evtl. auf die gängigen Verläufe der konventionellen Kriegshandlungen und vielleicht noch auf "Staaten, die Israel nicht anerkennen". Vielleicht begreift man dann bei SPON, was fast alle Israelis wissen - sie brauchen nur *einen* Krieg zu verlieren, dann gibt es den jüdischen Staat höchstwahrsch. nicht mehr.
thequickeningishappening 26.04.2017
5. # Koalitionen
Mal angenommen, Gruen fliegt raus, die SPD mit ihrem neuen Heilsbringer Schulz und der diplomatischen Arbeit von Siggi steigt tatsächlich auf 35%, die FDP kommt auf 7%, Die Linke 8%, AfD 10% und CDSU 34%, dann waere auch eine Sozialliberale Minderheitsregierung moeglich denn bei der Gemengenlage waeren immer Mehrheiten auffindbar!
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