Die Lage am Mittwoch Liebe Leserin, lieber Leser,


wer derzeit in den Nahen Osten blickt, findet alle Zutaten für die Entfachung eines Flächenbrandes:

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Heft 15/2018
Wie die Zucker-Lobby uns belügt und verführt

Einen syrischen Diktator, der im Kampf um die Macht ganz offenbar nicht davor zurückschreckt, das eigene Volk mit chemischen Waffen umzubringen; einen Kremlchef, der sich aus Machtkalkül an die Seite Assads gestellt hat; einen amerikanischen Präsidenten, der nach und nach fast alle Stimmen der Vernunft aus seiner Regierung geworfen hat und obendrein noch abgelenkt ist, weil eine Pornodarstellerin durch Talkshows tingelt und detailreich von einer angeblichen Affäre mit Trump berichtet; und einen französischen Staatschef, der der Welt versprochen hat, sofort zuzuschlagen, sollte Assad noch einmal Chemiewaffen einsetzen. Finstere Entschlossenheit gibt es im Übermaß. Nur scheint keiner so recht zu wissen, wohin sie am Ende führen soll.

Griechische Verhältnisse

imago

Die Deutschen bilden sich ja gerne etwas auf ihre gründliche Verwaltung ein. Es war der große Gag der Griechenlandkrise, dass es die Regierung in Athen nicht einmal schafft, ein halbwegs funktionierendes Katasteramt einzurichten. Nun hat gestern das Bundesverfassungsgericht die Festsetzung der deutschen Grundsteuer für verfassungswidrig erklärt - mit der erstaunlichen Begründung, dass die Einheitswerte für die Bemessung der Steuer aus dem Jahr 1964 stammen, im Osten sogar aus dem Jahr 1935.

Eigentlich sollten diese alle sechs Jahre angepasst werden, um die Entwicklung auf dem Immobilienmarkt abzubilden. Aber das Bundesfinanzministerium fand das offenbar zu aufwendig. Wer also das nächste mal mit den Finger nach Athen zeigt, sollte bedenken, dass auch Berlin zu südländischer Lässigkeit fähig ist, wenn der Papierkram zu lästig wird.

Kevin wer?

Getty Images

Es ist schon wieder eine gefühlte Ewigkeit her, dass ein junger Mann namens Kevin Kühnert kurz davor schien, nicht nur die Große Koalition in die Luft zu jagen, sondern die gesamte Führung der SPD gleich mit. Wie sich dann aber herausstellte, war die mediale Begeisterung für den Juso-Chef doch einen Tick größer als die der SPD-Basis, die mit einer soliden Mehrheit für das Bündnis mit der Union stimmte. Heute nun stellt Kühnert die Forderungen der Jusos für den SPD-Parteitag Ende April vor, aber der Hauch der Revolution, den Kühnert für einige Wochen umwehte, hat sich verzogen. Man mag das bedauern, aber ich finde, es spricht für die SPD, dass ihr im Zweifel solide Regierungsarbeit immer noch lieber ist als das Abenteuer des Umsturzes.

Der Verlierer des Tages...

REUTERS

... heißt Matthias Müller. Der VW-Chef wird voraussichtlich schon diesen Freitag auf einer Aufsichtsratssitzung des Konzerns abgelöst, Nachfolger soll Markenvorstand Herbert Diess werden. Übertriebenes Mitleid mit Müller ist allerdings fehl am Platze. Er ist 64 Jahre alt, sein Vertrag wäre in gut zwei Jahren ohnehin ausgelaufen. Außerdem hat Volkswagen im vergangenen Jahr trotz des Dieselskandals einen Rekordgewinn von über elf Milliarden Euro erzielt. Das schafft Luft für eine hübsche Abfindung. Der scheidende Müller jedenfalls wird wohl deutlich fürsorglicher behandelt als die vielen deutschen VW-Kunden, denen man erst manipulierte Autos unterjubelte und die nun vergeblich darauf warten, dass der Konzern die Umrüstung bezahlt.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
touri 11.04.2018
1.
"Man mag das bedauern, aber ich finde, es spricht für die SPD, dass ihr im Zweifel solide Regierungsarbeit immer noch lieber ist als das Abenteuer des Umsturzes." Tja und genau deswegen wird sie froh sein können bei der nächsten Wahl noch auf 15% zu kommen. Das "weiter so", dass hier als "solide Regierungsarbeit" bezeichnet wird, hat der SPD bereits die hälfte ihrer Wähler gekostet. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.
Kurt2.1 11.04.2018
2. .
Offensichtlich ist Herr Kühnert immer noch vom Duft der großen weiten Welt berauscht. Andererseits kann es sich die Journalie nicht verkneifen, jede Wasserstandsmeldung der Jusos zu veröffentlichen in der Hoffnung, man würde irgendwas lostreten können.
trex#1 11.04.2018
3.
Die Juso-Führer standen schon immer weit links. Je älter sie wurden, je mehr lukrative Parteiämter in Sicht waren, desto weiter rückten sie nach rechts. Am Ende waren es dann Schröders, Scharpings oder Nahles. Also kein Grund, das allzu ernst zu nehmen
thequickeningishappening 11.04.2018
4. Klima Update
In Victoria (Australien) war gestern Der waermste Apriltag seit Beginn der Messungen (bis ueber 39 Grad C ) ! Ein weiterer Mosaikstein im Trend!
Kurt2.1 11.04.2018
5. .
Es war sicher kein Gag mit dem Katasteramt. Niemand hat gelacht und ich habe auch noch keine Meldung gehört, dass es inzwischen ein Katasteramt gäbe in GR. Dass weitere hunderte von Millionen rübergeschoben werden, habe ich inzwischen aber durchaus gehört - und wo bitte, ist der Zusammenhang mit der Gewerbesteuer in D?
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