Die Lage am Dienstag Liebe Leserin, lieber Leser,


es gibt Siege, die sich fast wie Niederlagen anfühlen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat das Verfassungsreferendum gewonnen, das sämtliche Macht in seinen Händen bündelt - mit offiziell gut 51 Prozent Ja-Stimmen aber nur sehr knapp. Er muss damit leben, dass viele Bürger die Rechtmäßigkeit der Ergebnisse anzweifeln und dass Tausende in den Straßen der großen türkischen Städte demonstrieren. Als einziger westlicher Staatschef hat US-Präsident Donald Trump (wen wundert's?) Erdogan telefonisch gratuliert, die EU äußert sich sehr zurückhaltend.

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Heft 16/2017
Demnächst für alle! Wie der Mensch den Tod besiegen will

Die Türkei bleibt wohl auch nach dem Referendum ein instabiles Land. Wie zum Beleg soll nun der Ausnahmezustand verlängert werden. Erst die nächste Wahl wird wohl zeigen, wie groß die Unterstützung für den formal nun fast allmächtigen Erdogan in der Bevölkerung noch ist. Die vielen Nein-Stimmen und die Proteste belegen, dass es weiterhin eine sehr lebendige andere Türkei gibt - und sie ist es, die Europa nun stärken muss. In seiner Analyse erklärt unser Korrespondent Maximilian Popp, wie es nach dem Referendum weitergeht.

DPA

Deutschland und seine Türken

Aus deutscher Sicht drängt sich noch eine Frage auf: Was erzählt es über Deutschland, was erzählt es über die in Deutschland lebenden Türken, dass fast zwei Drittel derer, die zur Wahl gegangen sind, sich für das neue Präsidialsystem ausgesprochen haben? Andererseits: Mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten in Deutschland hat gar nicht abgestimmt. Unser ehemaliger Türkei-Korrespondent Hasnain Kazim schreibt dennoch: "Es tut weh, so etwas sagen zu müssen, aber man kann nicht für ein autokratisches System sein, für die Todesstrafe, für die Inhaftierung von kritischen Journalisten, für das Einsperren von politischen Konkurrenten, und sich dann beschweren, in Deutschland nicht als Deutsche akzeptiert zu werden. Das geht nicht. Da ist Integration gescheitert, und die Schuld liegt nicht nur bei Deutschland." Welche Schlüsse muss Deutschland ziehen? Die Debatte über diese Frage hat gerade erst begonnen.

AFP

Die zwei Irren mit der Bombe

Wer ist unberechenbarer? Der nordkoreanische Herrscher Kim Jong Un oder US-Präsident Donald Trump? So beginnt nicht etwa ein Witz, das ist eine ernst gemeinte Frage. Denn die Krise um Nordkoreas Atom- und Raketenprogramm hat sich über die Ostertage zugespitzt. Trump und sein Vize Mike Pence stoßen nach einem missglückten Raketentest am Samstag ominöse Warnungen aus: Die "Ära der strategischen Geduld" sei vorbei, indirekt drohen die USA mit einem Militärschlag. Nordkorea antwortet: "Ein thermonuklearer Krieg kann jederzeit ausbrechen" und kündigt "wöchentliche" Raketentests an.

Was könnte da schiefgehen? Ziemlich viel. Trump drängt nun China, das Problem Nordkorea für ihn zu lösen und Druck auf Pjöngjang auszuüben. Doch Nordkorea reagiert kaum auf Druck - und ein US-Militärschlag könnte einen Krieg auf der koreanischen Halbinsel auslösen. Die Situation wird von manchen Experten bereits mit der Kubakrise verglichen - dass diesmal nicht Nikita Chruschtschow und John F. Kennedy am Drücker sitzen, sondern Kim Jong Un und Donald Trump, muss einen sorgenvoll stimmen.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

AFP

Verlierer des Tages...

... sind die französischen Wähler. Fünf Tage vor der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahl herrscht eine düstere Stimmung im Land. Laut einer Umfrage empfinden zwei Drittel der Wähler angesichts des Wahlkampfs "Enttäuschung, Abscheu oder Wut" - und entsprechend sind auch die Umfragen zu den Kandidaten. Es gibt keinen klaren Favoriten, sondern vier Kandidaten, die alle knapp unter oder über 20 Prozent liegen: Der eine ist der Mitte-Politiker Emmanuel Macron, der andere der Konservative François Fillon, gegen den wegen Veruntreuung ermittelt wird. Gefährlich ist, dass die beiden anderen führenden Kandidaten nationalistische Gegner der EU, der Nato und des Freihandels sind: die Rechtspopulistin Marine Le Pen und der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon. Wenn einer von ihnen ins Präsidentenamt gewählt werden sollte, wäre die EU, wie wir sie kennen, die große Verliererin. Zu der dramatischen Lage vor den französischen Wahlen finden Sie sieben Seiten im aktuellen SPIEGEL.

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in diese kurze Woche. Herzlich,

Ihr Mathieu von Rohr

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
keine Zensur nötig 18.04.2017
1. Überall nur Populisten,
in Frankreich - linke und rechte - da muss der Wähler noch wählen. in Korea - ein kleiner Dicker, der zum eigenen Machterhalt zu größen Tönen greift in den Staaten - auch ein Populist, der sehen konnte, wie man per Ukas und Bomben im Ausland im Inland einen guten Stand bekommt in der Türkei - unser aller Sultan E. aus A. als Lieblingskind unserer Königin Angie Und nun? Mal irgendein Umdenken ersichtlich? Eher nicht. Die Dame Europa, die mit den Erosionerscheinungen und dem Allmachtsanspruch Brüsseler Despoten, soll jetzt dem Sultan Demokratie beibringen. Dumm nur, dass sie das nicht mal selbst hinbekommt. Dafür klappert man lieber alles dem Vielgeschmähten mit dem lustigen Haarschmuck hinterher und vergisst, dass die UN-Charta auch in Folge eines fürchterlichen Krieges entstand, der Europa verwüstete. Bis zum Ende der Woche nun werden uns die Warnungen vor der Apokalypse begleiten, samt der Urangst der herrschenden Machteliten, dass die Wähler eines wichtigen EU-Staates die Falschen wählen. Vergessen wird dabei, dass es das politische Etablishment selbst ist, dass durch sein Versagen erst Extreme stark machte. Schöne Woche.
kleinsteminderheit 18.04.2017
2. Man sollte das Wahlergebnis akzeptieren und Konsequenzen ziehen.
Tatsache ist, dass Erdogan sich in der Abstimmung durchgesetzt hat. Und auch ein knapper Sieg ist ein Sieg. In Deutschland haben knapp 50% der Türken abgestimmt, was bei bundesweit 15 Wahlbüros viel ist. Niemand hatte zum Boykott aufgerufen, somit darf man davon ausgehen, dass das Meinungsbild der Nichtwähler sich vom sehr eindeutigen Ergebnis nicht entscheidend unterscheidet. Waswärewenn bringt nichts. Wir müssen unsere zukünftige Politik an den Ergebnissen ausrichten.
nach-mir-die-springflut 18.04.2017
3. Bombenstimmung
Weder der eine ist irre, noch der andere. Sie folgen beide einer Logik. Die Außenpolitik hat Trump abgegeben ans Militär und an seinen Vize, Pence. Für den leidenschaftlichen Amerikaner, der den bunten Vogel wählte und den Biedermann bekam, ist das eine herbe Enttäuschung. Jetzt hat das System Trump nur noch die Option der Umkehr von der Umkehr, um wiedergewählt zu werden. Vielleicht hat das System Trump aber gar nicht die Absicht, wiedergewählt zu werden, sondern mausert sich beflissen zur handfesten Diktatur? Eigentlich heißt "America First" nicht "Amerika Über Alles". Ab wann darf man diese Politiker eigentlich als Kindersoldaten betiteln?
IMOTEP 18.04.2017
4. Schwer
Die Türken im In und Ausland haben gewählt, den starken Mann den sie sich so sehr wünschen. Er soll jetzt die Nation Führen und zur neuen Blüte verhelfen, dabei gleicht R.T.E. einem schwer angeschlagenen Boxer in der 10 Runde. Das D.T gratuliert ,die Europäischen Politiker sich vornehm zurückhalten sagt alles und nichts aus. Um auch nur einigermaßen verlässliche Rückschlüsse zu ziehen ist es noch zu früh, abwarten!
vulcan 18.04.2017
5. Irre?
"Die zwei Irren mit der Bombe"....geht das Niveau hier eigentlich nur noch bergab? Erst Augstein mit seiner unkontrollierten Hasstirade, jetzt dieses Kindergartenniveau. Und dann auch noch von einer 'ernsthaften' Frage schreiben. Man hat den Eindruck, der Schreiberling hat das Problem Nordkorea nicht einmal ansatzweise begriffen. Lohnt's lesen nicht bei solchen primitiven Entgleisungen.
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