Gewalt in Nicaragua Mörser statt Mathe

Die Studenten in Nicaragua rebellieren gegen das System Ortega, gegen Korruption und Misswirtschaft. Die letzten Standhaften haben sich in der Uni der Hauptstadt verschanzt. Besuch in der Zentrale des Widerstandes.

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Aus Managua, Nicaragua, berichtet


Als Celeste Chavarría sah, wie einer ihrer Mitstudenten von einer Kugel in die Stirn getroffen wurde, entschloss sie sich, in den Kampf zu ziehen. Gegen das Regime in Nicaragua, das junge Menschen kaltblütig ermordet, weil sie für die Demokratie demonstrieren. Mindestens 34 Tote, in nur wenigen Tagen.

Chavarría, 20, sah die Szene auf dem Smartphone, Freunde hatten ihr das Video geschickt. Sofort packte sie ihren Rucksack und fuhr zur Upoli, der Polytechnischen Universität von Managua. Das war vor zehn Tagen, jetzt sortiert die zierliche Kommunikationsstudentin in rosaroten Sneakern Lebensmittel, die Anwohner gespendet haben.

Die Upoli ist die letzte Bastion im Kampf gegen die Regierung; denn überall im Land haben Regierungsanhänger Universitäten verwüstet oder niedergebrannt. Der Campus liegt wie eine Festung inmitten von Armenvierteln, deren Bewohner zu den Studenten halten. Er ist von hohen Mauern umgeben und schwer einzusehen.

Zerstörtes Uni-Gebäude in Leon (Nord-Nicaragua)
AFP

Zerstörtes Uni-Gebäude in Leon (Nord-Nicaragua)

"Hier traut sich der Diktator nicht rein", sagt Chavarría.

Sie meint Daniel Ortega, den 72-jährigen Präsidenten, der 1979 die sandinistische Revolution anführte, die die Somoza-Diktatur stürzte. Er war bis 1990 an der Macht, bei der folgenden ersten freien Wahl unterlag er. 2006 wurde er schließlich doch zum Präsidenten gewählt, seither hat er sich zum Autokraten gewandelt.

So hat er eine Verfassungsänderung durchgesetzt, die eine unbegrenzte Wiederwahl ermöglicht. Die letzten Wahlen vor zwei Jahren wurden wohl manipuliert, unabhängige Beobachter ließ das Regime nicht zu, die Opposition ist geschwächt. Ortegas Sandinistische Partei kontrolliert Parlament, Gerichte, Polizei und Armee; sein Familienclan besitzt zahlreiche Radio- und Fernsehsender.

Als Nachfolgerin hat er seine Frau Rosario Murillo auserkoren, die er zur Vizepräsidentin ernannt hat. Gemeinsam herrscht das Paar über das Land als sei es ihre Hazienda. Murillo hat etwa in der Hauptstadt 150 riesige "Lebensbäume" aus Metall aufstellen lassen, die nachts beleuchtet werden - teure Deko für das nach Haiti ärmste Land Lateinamerikas.

Bis vor Kurzem unterstützte auch der mächtige Unternehmerverband den Autokraten, denn der einstige sozialistische Revolutionär Ortega macht eine arbeitgeberfreundliche Wirtschaftspolitik. Freunden und Verwandten schanzt er Posten und Privilegien zu. Auch er selbst soll sich kräftig bedienen am Staatsvermögen. Bei dem Megaprojekt eines transozeanischen Kanals, den Nicaragua mit Hilfe eines chinesischen Investors bauen will, soll seine Familie ebenfalls abkassieren. Und auch große Teile der Millionen Dollar Wirtschaftshilfe, die Venezuela seinem treuen Verbündeten schickte, soll Ortega eingesteckt haben.

Präsident Ortega (Archivbild)
DPA

Präsident Ortega (Archivbild)

Der Präsident schickte Polizei und regierungstreue Schlägertrupps

Jetzt, wo das krisengeplagte Venezuela keine Subventionen mehr für seine Alliierten übrig hat, geht der Regierung in Managua das Geld aus, etwa für die kostenlose medizinische Versorgung. Daher ordnete Ortega Mitte April eine Kürzung der Renten an und erhöhte die Sozialabgaben. Aber er unterschätzte die Reaktion seiner Bürger.

Die Wut hatte sich schon seit Jahren angestaut, spätestens seit der letzten umstrittenen Wahl. Seither hatten Kleinbauern gegen das Regime protestiert, die wegen des geplanten Kanalbaus ihr Land verlieren sollten. Zuletzt gingen Studenten und Umweltschützer auf die Straße, weil die Regierung nichts gegen einen riesigen Waldbrand unternahm, der ein Naturschutzgebiet zu zerstören drohte.

"Als die Regierung dann alte Leute zusammenknüppeln ließ, die gegen die Rentenreform protestierten, war das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte", sagt Celeste Chavarría. Die Studenten schlossen sich den Protesten an, auch der Unternehmerverband versagte dem Regime erstmals die Unterstützung. Und Ortega schlug brutal zurück.

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Studenten in Nicaragua: In der Herzkammer des Widerstandes

Der Präsident schickte nicht nur die Polizei in den Kampf, er mobilisierte auch regierungstreue Schlägertrupps, die Jagd auf die Studenten machten. Einige Demonstranten wurden regelrecht hingerichtet, Scharfschützen zielten auf Kopf und Herz. Doch je härter Ortega vorging, desto mehr wuchs der Widerstand. Die Proteste weiteten sich aus und erfassten das ganze Land. Als er am vergangenen Sonntag die umstrittene Sozialreform schließlich zurücknahm, war es zu spät.

Inzwischen richtet sich der Unmut gegen das gesamte System. "Der Diktator muss gehen", sagt Chavarría. "Wir wollen die Demokratie zurück."

Die Upoli wird während der Proteste zur Notaufnahme, die Studenten haben improvisierte Krankenzimmer und einen Operationssaal eingerichtet, Ärzte und Medizinstudenten arbeiten rund um die Uhr. Denn einige öffentliche Krankenhäuser weigern sich, verletzte Demonstranten zu behandeln. Eine Holzpritsche, die als Operationstisch dient, ist blutverschmiert; allein in den Räumen der Universität starben sechs Studenten. Ihre Fotos hängen am Eingang der Uni.

Einfahrt zur Universität Upoli
Jens Glüsing/ DER SPIEGEL

Einfahrt zur Universität Upoli

Säure in Wasserspenden

In einem zur Apotheke umfunktionierten Saal schlafen fünf Studenten zwischen Bergen von Medikamenten, die Unterstützer gespendet haben. Einige Frauen aus der Nachbarschaft hocken am Boden und füllen Wasser in Plastikflaschen, das die Wirkung von Tränengas lindern soll.

Ständig fahren mit Lebensmitteln und Wasser beladene Autos vor. Jedes Fahrzeug wird durchsucht, bevor es durchgelassen wird. Die Studenten überprüfen sogar, ob die Spenden vergiftet sind. "Wir haben Flaschen gefunden, die mit Säure gefüllt waren", sagt einer der Anführer.

Hunderte Studenten harren in der Upoli aus; auf ihre T-Shirts haben sie Kriegernamen gekritzelt. Sie nennen sich "El Perro", der Hund, "Don" oder "Batman". Ihre echten Namen geben sie nicht preis, sie fürchten um ihr Leben. Vermummte mit Mörser-Geschossen gehen Patrouille, sie bewachen die Uni rund um die Uhr. Auf dem Dach sind Späher postiert, sie halten nach Drohnen der Regierung Ausschau. Die Feuertreppen sind mit Stühlen verrammelt, Kommunikation erfolgt über WhatsApp und Facebook.

Besucher müssen sich ausweisen und ihre Handys am Eingang abgeben. Die Studenten fürchten, dass das Regime Spione einschleust. Mehrfach haben sie Polizisten in Zivil auf dem Unigelände entdeckt.

"Vor allem müssen die Morde an unseren Kommilitonen aufgeklärt werden"

Vier Sicherheitszonen haben sie zudem um den Campus gezogen und auf den umliegenden Straßen Barrikaden aus Pflastersteinen, Autoreifen und Bäumen errichtet. Während der Straßenschlachten mit der Polizei hätten sich auch Jugendgangs aus den Armenvierteln den Studenten angeschlossen, berichtet "Don": "Eigentlich sind sie verfeindet, der Kampf gegen die Diktatur hat sie zusammengeschweißt".

Auf einem Platz im Freien zersägen Helfer Stahlrohre, die sie in Mörser verwandeln; als Munition dienen Böller, die mit Schießpulver gefüllt werden. Fanta-Flaschen werden zu Molotow-Cocktails umfunktioniert, Plastikfässer aufgeschnitten und zu Schutzschilden verarbeitet.

Wie lange wollen sie ausharren? "Solange wie nötig", sagt Celeste Chavarría.

Am Montag hat sich die Regierung zwar zum Dialog bereit erklärt, die Kirche will bei den Gesprächen vermitteln. Die Polizei wurde aus der Umgebung der Universität abgezogen - aber die Studenten glauben nicht, dass Ortega es ernst meint. Sie haben eine Liste von zehn Forderungen vorgelegt, die sie erfüllt sehen wollen, bevor sie die Universität räumen. Chavarría sagt: "Vor allem müssen die Morde an unseren Kommilitonen aufgeklärt und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden."

Die junge Frau stellt sich auf einen langen Kampf ein. Zwar fährt sie jeden Abend zu ihren Eltern in einen Vorort, weil die sich Sorgen machen. Aber morgens kehrt sie an die Uni zurück. Sie sagt, sie habe viel gelernt in diesen Tagen. "Mich kann das Regime nicht mehr mit Terror erschrecken. Ich habe keine Angst mehr."



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Stäffelesrutscher 29.04.2018
1.
»Sie meint Daniel Ortega, den 72-jährigen Präsidenten, der 1979 die sandinistische Revolution anführte, die die Somoza-Diktatur stürzte. Er war bis 1990 an der Macht, bei der folgenden ersten freien Wahl unterlag er. 2006 wurde er schließlich doch zum Präsidenten gewählt, seither hat er sich zum Autokraten gewandelt.« Da besteht Korrekturbedarf: Daniel Ortega war einer von vielen (alleine schon die erste Reihe der FSLN bestand aus neun »Comandantes«), und zu den intellektuellen/strategischen Anführern gehörte er nie. Die ersten freien Wahlen fanden 1984 statt. Dabei wurde Ortega mit 67,0 % der Stimmen erstmals zum Präsidenten gewählt, und die FSLN erhielt mit 66,8 % der Stimmen 61 von 98 Sitzen im Parlament. Die Wahl von 1990 war eine nur formal freie Wahl, weil die USA deutlich gemacht hatten, dass sie ihren militärischen und ökonomischen Zermürbungskrieg gegen Nicaragua fortsetzen würden, sollten es sich die Einwohner erdreisten, nochmals die FSLN zu wählen. Der »Regime change« war erfolgreich. Ortega wandelte sich danach vom Linken zum Klepto- und Autokraten, der durch einen Pakt mit dem schlimmsten Kleptokraten, einem gewissen Arnoldo Alemán von den Liberalen, und dem Kirchenestablishment (und dank der Blödheit anderer Liberaler) eine Wahl gewann - und dann dafür sorgte, dass er nie wieder eine verlieren würde.
junghecker 29.04.2018
2. Die Linke Lateinamerikas
Die linken Regierungen Lateinamerikas sind mit Ausnahme Boliviensein Trauerspiel: Ortega, Chavez, Maduro, Castro und Correa sind an der eigenen Hybris und Arroganz der Macht gescheitert. Zudem haben sie sich dem agressiven russischen Imperialismus verkauft und sind im Blockdenken des Klaten Krieges stehengeblieben. Sie sind verantwortlcih für den Niedergang der Linken Lateinamerikas.
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