Vergewaltigungsvorwurf gegen französischen Minister Der Fall Hulot und die Medien

Die Enkelin des berühmten Präsidenten Mitterrand beschuldigt den derzeit populärsten Politiker Frankreichs der Vergewaltigung. Doch das Land beschäftigt sich nur unwillig mit dem etwaigen Skandal.

Nicolas Hulot
AFP

Nicolas Hulot

Von , Paris


Keiner stellt die Frage laut. Das gehört sich in Frankreich nicht, nicht am Café-Tresen und erst recht nicht unter Journalisten. Aber dennoch stellt sich fast jeder Franzose, meist im Stillen, diese unerhörte Frage: Hat Umweltminister Nicolas Hulot, der nach Umfragen populärste Politiker des Landes, vor 21 Jahren die Enkelin des großen Präsidenten François Mitterrand vergewaltigt?

Hulot ist eine französische Mischung aus Thomas Gottschalk und Joschka Fischer - früher ein geliebter Fernsehmoderator, heute grüner Minister. Als offizieller Klima-Botschafter war er in Frankreich das Gesicht der erfolgreichen Pariser Klimakonferenz von 2015. Seitdem ist er eine politische und moralische Instanz. Sein Eintritt ins Kabinett als Umwelt- und Staatsminister, was ihn zur Nummer Drei der aktuellen Regierung macht, galt bisher als großer Coup für Präsident Emmanuel Macron.

Doch nun das: Im Juni 1997 soll Hulot, damals 42 Jahre alt und Fernsehstar, in seinem Haus auf Korsika die damals 20-jährige Pascale Mitterrand vergewaltigt haben. Die Enkelin François Mitterrands ist Fotografin und der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Sie lebt heute mit Mann und Kindern im Ausland.

Im Jahr 2008 hinterlegte Pascale Mitterrand bei der französischen Staatsanwaltschaft eine Klage gegen Nicolas Hulot wegen Vergewaltigung - nach Angaben ihrer Familie zu einem Zeitpunkt, zu dem die Tat nach 10 Jahren verjährt war. Mitterrand wollte demnach keinen Prozess und kein Medienaufsehen. Aber sie wollte die Sache aktenkundig machen, damit Hulot sie nicht abschütteln konnte. Die Staatsanwaltschaft verhörte Hulot damals trotz der abgelaufenen Verjährungsfrist. Er widersprach den Darstellungen Mitterrands, was er bis heute tut.

Nationales Drama

Doch dieses Mal erfuhr die ganze Nation davon. Hulot wählte am Donnerstag dieser Woche einen Live-Auftritt im französischen BFM-TV-Fernsehen, um den Anschuldigungen gegen ihn öffentlich entgegenzutreten. Da wusste er bereits, dass am Folgetag das seit Januar neu erscheinende Nachrichtenmagazin "ebdo" mit einer Titelgeschichte über "Die Affäre Nicolas Hulot" erscheinen würde. Präsident Macron hatte ihm vor seinem Auftritt seine "volle und herzliche Unterstützung" versichert.

Hulot berichtete in der Sendung, dass seine Frau und Kinder aufgrund der "Gerüchte und Lügen" über ihn geweint hätten. Dann verließ er selbst weinend das Fernsehstudio. Als dann noch das Pariser Boulevard-Blatt "Le Parisien" am Freitag über den prominenten Namen der Klägerin berichtete, den "ebdo" noch verschwiegen hatte, war das nationale Drama perfekt.

Sofort zeigten die Medien eines der wenigen veröffentlichten Fotos von Pascale Mitterrand, nämlich jenes, wo sie als 18-Jährige bei der Beerdigung ihres berühmten Großvaters neben ihrer Großmutter Danielle Mitterrand steht. Das weckte natürlich die Erinnerungen: Bei der Beerdigung Mitterrands im Januar 1996 war neben dessen Ehefrau Danielle erstmals seine Geliebte Anne Pingeot öffentlich aufgetreten. Beide Frauen umarmten sich. Doch viele Franzosen begriffen erst zu diesem Zeitpunkt, dass ihr Präsident sie über Jahrzehnte mit seinem Privatleben getäuscht hatte. Die Medien hatten über viele Jahre dabei mitgespielt und Mitterrands Beziehung zu Pingeot verschwiegen.

"Der Zusammenhalt zwischen Politik und Medien in diesem Fall ist fragwürdig"

Die Auseinandersetzung zwischen Nicolas Hulot und Pascale Mitterrand birgt nun Parallelen. Es bedurfte der journalistischen Anfänger von "ebdo", um ein Thema öffentlich zu machen, über das nach Insider-Einschätzungen so gut wie jede Pariser Redaktion seit Monaten, wenn nicht Jahren informiert war. "Der Zusammenhalt zwischen Politik und Medien in diesem Fall ist fragwürdig", sagte am Freitag die preisgekrönte, unabhängige französische Reporterin Anne Nivat dem SPIEGEL.

Ihr Ehemann Jean-Louis Bourdin hatte am Vortag im BFM-TV-Fernsehen das Interview mit Hulot geführt. Auffällig war dabei gewesen, wie der Auftritt vom Élysée-Palast kontrolliert wurde. Hulot wollte ursprünglich am Mittwoch ins Studio, was der Palast verhinderte, offenbar damit die Enthüllungen nicht die Korsika-Reise Macrons überschatteten. Zuletzt erhofften sich die Berater des Präsidenten anscheinend, dass die Olympischen Spiele den Fall Hulot/Mitterrand schnell vergessen machten.

Damit aber könnten sie falsch liegen. In kaum einem anderen Land hat die #MeToo-Debatte so viele Kontroversen bewirkt wie in Frankreich. Dabei fielen auch Stimmen wie jene von Catherine Deneuve auf. Die Schauspielerin warnte in einem Aufruf mit hundert anderen Frauen vor einer puritanischen Hetzjagd gegen Männer. Doch die breite Reaktion der Frauen ist auch in Frankreich eine andere: Mit #MeToo wurden Dinge unerträglich, die lange Zeit ertragen worden waren.

Dem männerlastigen französischen Politikbetrieb könnte das nicht nur im Fall Hulot zum Problem werden. Wenig überraschend war daher die Nachricht des Radiosenders France Inter: "Die politische Klasse stellt sich hinter Hulot."

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