Venezuela und Kolumbien nach mutmaßlicher Drohnenattacke In aller Feindschaft

Für Venezuelas Nicolás Maduro ist der Fall klar: Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos steckt hinter dem mutmaßlichen Sprengstoffanschlag. Der Vorwurf belegt, wie mies das Verhältnis der Nachbarländer ist.

Juan Manuel Santos und Nicolás Maduro
REUTERS

Juan Manuel Santos und Nicolás Maduro

Von


Juan Manuel Santos wirkte zuletzt wie jemand, der sich auf ruhige letzte Tage im Amt eingestellt hatte. Er wolle seinem Nachfolger einen guten Start ermöglichen und sich anschließend um seine Enkeltochter kümmern, sagte Kolumbiens scheidender Präsident. Dann kam es in Venezuela zu einem lauten Knall - und in der Folge zu heftigen Anschuldigungen gegen den Friedensnobelpreisträger.

Die Regierung des Nachbarlandes macht Santos für einen mutmaßlichen Sprengstoffanschlag auf seinen venezolanischen Amtskollegen Nicolás Maduro verantwortlich. "Heute hat man versucht, mich zu töten", sagte Maduro am Samstag, nur drei Stunden nach dem möglichen Anschlag. "Ich habe keinen Zweifel, dass die Ultrarechte Venezuelas sich mit der Ultrarechten Kolumbiens verschworen hat und Präsident Juan Manuel Santos hinter dem Komplott steckt." Beweise legte Venezuelas linksautoritärer Staatschef nicht vor.

Fotostrecke

11  Bilder
Möglicher Anschlag auf den Staatschef: Panik in Caracas

Die kolumbianische Regierung bezeichnete Maduros Vorwürfe als haltlos: "Der Präsident ist mit der Taufe seiner Enkelin Celeste befasst, und nicht damit, ausländische Regierungen zu stürzen", sagte ein Vertreter des Präsidialamts verschiedenen Medien. Santos' Sohn Esteban legte auf Twitter spöttisch nach. Er postete ein Foto von sich und seinem Vater: Die beiden sitzen in einer Küche und biegen sich vor Lachen. Darüber die Worte: "Maduro glaubt, dass ich hinter dem Attentat stecke."

Das Verhältnis zwischen Venezuela und Kolumbien ist seit längerer Zeit angespannt: Die diplomatischen Beziehungen liegen auf Eis. Nach der von Manipulationsvorwürfen begleiteten Wiederwahl Maduros im Frühjahr erkannte Kolumbien das Ergebnis nicht an.

Venezuelas Staatschef beschuldigt die kolumbianische Regierung schon seit Jahren, ihn mit finanzieller Unterstützung aus den USA stürzen zu wollen. Schon 2015 warf er Kolumbiens Führung vor, in Attentatspläne gegen ihn eingeweiht gewesen zu sein. Er bezeichnet das marktwirtschaftlich orientierte Nachbarland immer wieder als "Lakai" der USA, denen er ebenfalls vorwarf, an dem mutmaßlichen Sprengstoffanschlag mitgewirkt zu haben. Die USA bestreiten jede Beteiligung.

Santos, der in dieser Woche aus dem Amt scheidet, ist seit Langem ein Kritiker von Maduros autoritärem Regierungsstil. Wiederholt prophezeite er das Ende der linksnationalistischen Regierung in Venezuela, zuletzt in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFP. "In einem Land mit einer solchen Inflation muss das Regime fallen."

Santos verwies dabei auf die jüngste Prognose des Internationalen Währungsfonds. Dieser rechnet für das laufende Jahr mit einer Inflationsrate von einer Million Prozent und vergleicht die Lage in Venezuela mit der Weimarer Republik im Krisenjahr 1923. Das Land verfügt zwar über die größten Ölreserven der Welt, steckt aber seit Jahren in einer schweren Wirtschaftskrise. Wegen Korruption und Misswirtschaft verfügt es kaum noch über Devisen, um Lebensmittel, Medikamente und Dinge des täglichen Bedarfs zu importieren.

Juan Manuel Santos
Mauricio Duenas Castaneda/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Juan Manuel Santos

Diese Krise trifft mittelbar auch Kolumbien. Schätzungen zufolge flohen in den vergangenen 18 Monaten mehr als eine Million Venezolaner vor Hunger und Gewalt in das Nachbarland - obwohl Kolumbien nach zunehmenden Schwierigkeiten bei der Versorgung der Migranten im Februar die Grenzkontrollen verstärkt hatte. Die Migration aus Venezuela sei außer Kontrolle geraten, sagte Präsident Santos schon damals.

Venezuela und Kolumbiens Friedensprozess

Nicht nur die Wirtschaftslage in Venezuela trifft Kolumbien. Auch bei Santos' politischem Lebenswerk - dem Friedensprozess zwischen der kolumbianischen Regierung und den linken Rebellengruppen im Land - gibt es einen Bezug zu Venezuela. Die Regierung Santos hatte im Herbst 2016 einen Friedensvertrag mit der Farc geschlossen, der traditionell größten und wichtigsten linken Guerillabewegung im Land. Santos bekam für die Beilegung des jahrzehntelangen Konflikts den Friedensnobelpreis.

In dem südamerikanischen Land ist das Abkommen hoch umstritten - und der Friedensprozess trotz des Vertrags mit der Farc noch nicht abgeschlossen. Denn die Verhandlungen der Regierung mit der marxistischen ELN-Guerilla laufen weiter. Die sechste Runde in der kubanischen Hauptstadt Havanna endete jüngst ohne Verständigung auf einen Waffenstillstand. Mit etwa 2000 Kämpfern ist die ELN deutlich kleiner als die Farc auf ihrem Zenit, aber kaum weniger brutal in ihrem Vorgehen. Die Staatsanwaltschaft wirft der Gruppe Mord und Entführung ebenso vor wie Vertreibung und Zwangsrekrutierungen.

Ein wichtiger Rückzugsort für die ELN: Venezuela. Führende Köpfe der Gruppe sollen in dem Land leben und von hier aus Attacken auf kolumbianischem Territorium planen.

Kolumbiens neuer Präsident ist ein Rechtskonservativer

Wenn Venezuelas Staatschef Maduro den noch amtierenden Santos schon der "Ultrarechten Kolumbiens" zurechnet, dann scheint eine Entspannung zwischen den beiden Ländern in den kommenden Jahren erst recht unwahrscheinlich. Denn Santos' Nachfolger als Präsident ist der Rechtskonservative Iván Duque.

Iván Duque
DPA

Iván Duque

Dieser kündigte nicht nur Änderungen am Friedensvertrag mit der Farc und eine härtere Linie gegenüber der ELN an, sondern richtete kurz nach seiner Wahl auch eine Botschaft an die venezolanische Regierung. Maduros Regierung sei "illegitim", so Duque. Kolumbien, das seit März 2017 keinen Gesandten in Caracas mehr hat, werde auf einen Botschafter in Venezuela verzichten, solange Maduro an der Macht sei.

Maduro seinerseits stichelte schon vor Duques Amtsantritt gegen den designierten Präsidenten. Er warf ihm vor, eine Marionette des noch immer mächtigen Ex-Präsidenten, Álvaro Uribe, zu sein. Duque gilt als politischer Ziehsohn des erzkonservativen Uribe.

Álvaro Uribe
REUTERS

Álvaro Uribe

In Wirklichkeit regiere Uribe nun wieder Kolumbien, sagt Maduro. "Ich habe den Namen des designierten Präsidenten Kolumbiens noch nicht gelernt", spöttelte der venezolanische Staatschef. "Wie heißt er? Cuque?"

Video: Aufstand in Venezuela - Mein Leben unter Maduro

dbate.de
insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
liberalerfr 07.08.2018
1. Auf gutem Weg
Venezuela steckt nicht in einer Wirtschaftskrise, sondern ist auf dem guten Weg in den Sozialismus des 21 Jahrhunderts! Zu dieser Transformation gehört ein deutlicher Rückgang der kapitalistischen Produktion und damit des Materialismus. Auch die Außerkraftsetzung der Währung durch die Hyperinflation ist Teil dieser Dematerialisierungsstrategie. Soziale- und menschliche Wert gewinnen an Bedeutung, weil ohne aktive Nachbarschaftshilfe und gepflegten Beziehungen nichts mehr geht.
cookie1 07.08.2018
2. Manuel Santos hat das Land nicht unter Kontrolle
vor allem die ultrarechte Paramilitärs begehen ungestraft Morde. Die Paramilitärische Goldschürfer könnten in Venezuela neue Chancen sehen. http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/amerika/kolumbien-kampf-ums-gold-14449315.html
Manitou-01@gmx.de 07.08.2018
3.
Kolumbien sollte, statt die Grenze gegen Flüchtlinge abzusichern, lieber den Schmuggel von Lebensmitteln und anderen Waren des täglichen Bedarfs blockieren. die Versorgungslage ist nur deshalb so schlecht, weil Schieber Waren von Venezuela nach Kolumbien schmuggeln
Stefnix 07.08.2018
4. Ja, nee, is´ klar.
Zitat von liberalerfrVenezuela steckt nicht in einer Wirtschaftskrise, sondern ist auf dem guten Weg in den Sozialismus des 21 Jahrhunderts! Zu dieser Transformation gehört ein deutlicher Rückgang der kapitalistischen Produktion und damit des Materialismus. Auch die Außerkraftsetzung der Währung durch die Hyperinflation ist Teil dieser Dematerialisierungsstrategie. Soziale- und menschliche Wert gewinnen an Bedeutung, weil ohne aktive Nachbarschaftshilfe und gepflegten Beziehungen nichts mehr geht.
Hungernde Menschen eignen sich nicht für solche sarkastisch-humoristischen Beiträge!
rst2010 07.08.2018
5. das verhältnis beider länder ...
so weit würde ich nicht gehen, und hier über das verhältnis der länder sprechen, wenn doch das verhältnis der regierenden diktatoren/präsidenten gemeint ist,. den kolumbiern wären wahrscheinlich offene grenzen und ein reger warenverkehr viel lieber, als das was sie jetzt haben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.