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Niederlande: Islamkritischer Filmemacher van Gogh ermordet

Seit Wochen stand der niederländische Regisseur Theo van Gogh unter Polizeischutz, weil er nach einem islamkritischen Film Morddrohungen erhalten hatte. Heute wurde der Filmemacher in Amsterdam auf offener Straße umgebracht. Regierungschef Balkenende zog Parallelen zur Ermordung des Politikers Pim Fortuyn.

Tatort Linnaeusstraat: Ermittler sichern Spuren an der Leiche van Goghs
REUTERS

Tatort Linnaeusstraat: Ermittler sichern Spuren an der Leiche van Goghs

Amsterdam - Auf den 47-jährigen Filmemacher hatte am Dienstagmorgen um kurz vor neun Uhr auf der Linnaeusstraat beim Oosterpark ein Mann mehrere Schüsse abgefeuert. Anschließend rammte der Täter seinem Opfer auf der belebten Straße ein Messer mehrfach in den Bauch. Dies berichteten Augenzeugen. Van Gogh sei auf einem Fahrrad zu dem für ihn zuständigen Bezirksamt im Amsterdamer Osten unterwegs gewesen, als der Attentäter auf ihn feuerte.

Der mutmaßliche Täter floh in den nahe gelegenen Park und wurde kurze Zeit später beim Tropenmuseum festgenommen, teilte die Polizei mit. Augenzeugen zufolge trug der Mann ein bodenlanges arabisches Gewand. Innenminister Johan Remkes erklärte vor Journalisten, der mutmaßliche Täter sei den Geheimdiensten bekannt gewesen.

Kurz vor der Verhaftung kam es zu einem Schusswechsel. Der Flüchtige habe eine Passanten und einen Polizisten angeschossen. Sie wurden mit leichten Verletzungen in ein Krankenhaus eingeliefert, hieß es.

Theo van Gogh: Seit Wochen Morddrohungen
AP

Theo van Gogh: Seit Wochen Morddrohungen

Nach Polizei-Angaben handelt es sich bei dem Festgenommenen um einen 26-Jährigen mit holländischer und marokkanischer Staatsbürgerschaft. Bei der Leiche habe er ein Schreiben hinterlassen, über dessen Inhalt offiziell bisher nichts bekannt wurde. Augenzeugen berichteten jedoch, der Brief habe islamische Texte enthalten.

Noch Stunden nach der Ermordung van Goghs, der immer behauptet hatte, ein entfernter Verwandter des Malers Vincent van Gogh und dessen Bruder Theo zu sein, lag seine Leiche noch auf der Straße. Spurensicherer der Polizei errichteten ein Zelt über dem toten Körper.

"Besorgnis erregende Entwicklung"

Die niederländische Königin Beatrix und führende Politiker des Landes reagierten mit Bestürzung auf die Bluttat. Ministerpräsident Jan Peter Balkenende würdigte van Gogh in einer ersten Reaktion als Vorkämpfer des freien Wortes. Wenn sich herausstellen sollte, dass er wegen seiner Ansichten umgebracht wurde, sei dies eine äußerst Besorgnis erregende Entwicklung. "Unsere Demokratie würde an der Wurzel angegriffen, wenn man seine Meinung nicht mehr äußern könnte", sagte der Regierungschef. "Das Klima hat sich verhärtet", sagte er weiter.

Fortuyn: Ermordet am 6. Mai 2002 in Hilversum
AFP

Fortuyn: Ermordet am 6. Mai 2002 in Hilversum

Balkenende erinnerte an die Ermordung des Rechtspopulisten Pim Fortuyn am 6. Mai 2002 in Hilversum. Sein Tod wenige Tage vor der Parlamentswahl hatte die niederländische Gesellschaft erschüttert.

Justizminister Piet Hein Donner sagte im niederländischen Parlament: "Unserer Gesellschaft ist Gewalt angetan worden." Er rief dazu auf, "angemessen" auf den Mord zu reagieren. Man dürfe Gewalt nicht mit Gegengewalt beantworten. Auch der Amsterdamer Bürgermeister Job Cohen reagierte umgehend auf die Tat. Er rief die Bevölkerung zu einem Protestmarsch für heute abend um 19.30 Uhr auf. Das Stadtoberhaupt forderte eine lautstarke Demonstration. Die Gesellschaft müsse laut und deutlich erklären, dass ihr "die Freiheit zur Meinungsäußerung lieb ist".

Ein Sprecher der marokkanischen Einwohner in Amsterdam verurteilte die Tat und rief zur Besonnenheit auf. Mit Eskalation sei niemandem gedient, sagte er.

Film über Pim Fortuyn

Van Gogh scheute es nicht, freimütig unkonventionelle Ansichten zu Themen aller Art zu äußern. Er galt unter anderem als Kritiker des islamistischen Fundamentalismus'. Gerade hatte er den Film "0605" über den Rechtspopulisten Pim Fortuyn fertig gestellt. Der Film war jedoch in den Kinos noch nicht angelaufen. Nun soll der Film im Dezember zunächst im Internet gezeigt werden.

Filmemacher van Gogh, l.: Film über Fortuyn fertig gestellt
DPA

Filmemacher van Gogh, l.: Film über Fortuyn fertig gestellt

Van Gogh hat seit Anfang der achtziger Jahre mehr als zwei Dutzend Low-budget-Filme gedreht. Kürzlich noch arbeitete er an einem Kurzfilm ("Submission") über den Koran und Frauenmisshandlungen in islamischen Ländern. Nachdem der Film im holländischen Fernsehen ausgestrahlt worden war, bekam van Gogh wiederholt Morddrohungen von erbosten Islamisten, die sich vor allem über die freizügigen Darstellungen in dem Film ereiferten. In "Submission", der die Geschichte einer von ihrem muslimischen Ehemann misshandelten Frau erzählt, zeigt sich das Opfer in einem durchsichtigen Kleid. Auf ihre nackten Brüste hat sie aus Protest einige Koran-Passagen gemalt.

Das Drehbuch hat die aus Somalia stammende niederländische Abgeordnete Ayaan Hirsi Ali geschrieben, die vor zwölf Jahren aus einer arrangierten Ehe nach Holland floh und dem islamischen Glauben entsagt hat. Die Parlamentarierin der rechtsliberalen Partei VVD hat in der holländischen Politik wegen islamkritischer Äußerungen besondere Aufmerksamkeit erlangt.

Wie van Gogh war auch sie nach der Ausstrahlung von "Submission" unter Polizeischutz gestellt worden. Zahlreiche muslimische Organisationen, aber auch einige große niederländische Zeitungen hatten den Film scharf kritisiert. In Holland leben fast eine Million Muslime, sie stellen 5,5 Prozent der Bevölkerung.

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