Niederlande Mord im Grachtenviertel

Mitten in Amsterdam ist der Filmemacher Theo van Gogh von einem Mann mit sechs Pistolenschüssen niedergestreckt und dann mit einem Schlachtermesser erstochen worden. Der Täter gehört offenbar zum Dunstkreis der islamistischen Terrorszene der Niederlande. Das Land steht unter Schock - wie nach dem Mord an Pim Fortuyn.

Von Erich Wiedemann


Beamte der Spurensicherung am Leichnam van Goghs
AP

Beamte der Spurensicherung am Leichnam van Goghs

Hamburg - Der Mörder blieb minutenlang neben seinem Opfer stehen. Anschließend lieferte er sich mit Streifenbeamten einer nahe gelegenen Polizeiwache ein wildes Feuergefecht. Er wurde heute vormittag eine halbe Stunde nach dem Mord im Oosterpark mit einer Kugel im Bein festgenommen. Ein unbeteiligter Passant erlitt leichte Verletzungen. Einer der Beamten, der bei dem Schusswechsel getroffen wurde, blieb unversehrt, weil seine kugelsichere Weste die Kugel auffing.

Der Täter trug einen langen Bart und ein weißes Gewand. Seinen Namen hat die Polizei noch nicht bekannt gegeben. Nach ihren Angaben handelt es sich um einen 26-jährigen gebürtigen Marokkaner mit Wohnsitz in Amsterdam und doppelter Staatsangehörigkeit. Er gehört nach Angaben des niederländischen Nachrichtendienstes "Binnenlandse Veiligheids Dienst" zum Dunstkreis der islamistisch ausgerichteten terroristischen Szene des Landes.

Der 47-jährige van Gogh, ein entfernter Verwandter des berühmten Malers Vincent van Gogh, war per Fahrrad auf dem Weg ins Filmstudio, als der Killer zuschlug. Er wollte letzte Hand an seinen Dokumentarfilm "06/05" legen, der Anfang Dezember in die Kinos gehen soll.

Der Film beschreibt die Hintergründe des Mordes an dem holländischen Politiker Pim Fortuyn, der mit islamkritischen Sprüchen die holländische Gesellschaft zum Kochen gebracht hatte und der am 6. Mai 2002, wenige Tage vor der Parlamentswahl, in Hilversum von einem militanten Tierschützer erschossen worden war.

Königin Beatrix nahm den Mord an dem populären Filmregisseur "met grote afschrik" (mit großer Abscheu) zur Kenntnis. Premierminister Jan Peter Balkenende erklärte, es sei ein "trauriger Tag für das freie Wort in unserem Land". Die niederländische Demokratie werde "an der Wurzel getroffen", wenn sich herausstellen sollte, dass van Gogh wegen seiner politischen Meinung ermordet worden sei. Der Tote sei ein "markanter Kämpfer für die Meinungsfreiheit" gewesen.

Ein markanter und ein provokanter Kämpfer. Van Gogh war keiner der Leisen im Lande. Er erst vor wenigen Wochen erklärt, er gedenke auszuwandern, weil sich die Niederlande zu einem "anderen Belfast mit brennenden Kirchen und Moscheen entwickeln." Die militanten Muslime, die das Kopftuchverbot an den Schulen bekämpfen, nannte er eine Horde von "mittelalterlichen Ziegenfickern". Theo van Gogh hat mehr als zwei Dutzend Filme gemacht. Er wurde mehrfach ausgezeichnet. Unter Kennern galt er als "Fassbinder der Niederlande".

Van Gogh und seine Familie wurden seit längerem mit Terror bedroht. Sein Sohn Lieuwe musste aus Sicherheitsgründen mehrfach die Schule wechseln. Der Fernsehfilm "Submission" hatte ihn zum bestgehassten Mann der marokkanischen Gemeinschaft in den Niederlanden gemacht. Van Gogh und seine Koproduzentin, die schwarze Politologin und Palamentsabgeordnete Hirsi Ali, prangern darin die die barbarische Männerherrschaft in den Familien niederländischer Muslime an.

Die junge, hübsche Afrikanerin ist kaum weniger verhasst als van Gogh. Sie hatte 1992 Asyl in Amsterdam gefunden, nachdem sie der vom Vater angeordneten Verheiratung mit einem fremden Mann in letzter Minute entronnen war. Seit sie sich vom muslimischen Glauben losgesagt und sich der rechtsliberalen VVD angeschlossen hatte, kämpfte sie gegen die Brutalität der marokkanischen Männer in den Niederlanden, "gegen den Inzest, gegen die Schläge und gegen die Zwangsabtreibungen", wie sie sagt.

Die Politikerin wird ständig von zwei Leibwächtern begleitet. Sie fühlte sich aber, wie sie dem SPIEGEL kürzlich versicherte, nicht ernstlich bedroht. Seit Dienstvormittag ist das anders. Als sie vom Tod ihres Mitstreiters erfuhr, hauchte sie nur: "Oh, wie schlimm." Dann tauchte sie unter. Alle Versuche von Journalisten, sie zu einem Kommentar zu veranlassen, schlugen fehl.

Der Mord birgt neuen Zündstoff für den Streit um die niederländischen Einwanderungsgesetze. In Holland lebt gut eine Million Muslime. Spätestens im Jahr 2010 werden in den vier größten Städten des Landes Ausländer die Bevölkerungsmehrheit stellen. Doch die bunte Vielvölkerfolklore im Amsterdamer Grachtenviertel täuscht eine Mulitikulti-Harmonie vor, die es nicht gibt. Auch Linke und Liberale meinen heute, dass der schrille Tabubrecher Fortuyn sich zwar häufig im Ton vergriff, dass er mit Teilen seines politischen Programms aber nicht so verkehrt lag. Eine demokratische Gesellschaft, so meint der prominente Sozialdemokrat und "Stadtsoziologe" Paul Scheffer, gebe sich auf, wenn sie nicht selbst bestimme, wen sie in ihr Land lasse, und wen nicht.

Theo van Gogh wusste, dass er gefährdet war. Aber er schlug die Warnungen von Freunden in den Wind. "Ich bin doch nur ein Dorfnarr", hatte er letzte Woche in einem Fernsehinterview gesagt. "Warum soll man mir was tun?" Ein tragisches Understatement.

Über das Mordmotiv muss nicht lange gerätselt werden. Die letzte Klarheit wird der Bekennerbrief bringen, den der Mörder auf die Messerklinge spießte, bevor er zustieß.

Für den Abend hatte die Regierung zu einer lauten Demonstration für die Meinungsfreiheit aufgerufen. Als die Menschenmassen das "Monument op de Dam" ankamen - es erinnert an die Opfer der deutschen Besatzung - begannen in Amsterdam die Kirchenglocken zu läuten.



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