Niederlande Parlament erlaubt Sterbehilfe

Die Niederlande schreiben Geschichte. Als erstes Land der Welt wird das Parlament in Den Haag die Euthanasie legalisieren. Todkranke Menschen dürfen verlangen, dass ein Arzt ihrem Leben ein sanftes Ende bereitet.

Von Rudolf Wagner


Wunsch nach Sterbehilfe: June Burns hatte in einem TV-Spot für Euthanasie plädiert
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Wunsch nach Sterbehilfe: June Burns hatte in einem TV-Spot für Euthanasie plädiert

Den Haag - Wer ohne Hoffnung auf Heilung unerträglich leidet, soll mit ärztlicher Hilfe auf eigenes Verlangen sterben dürfen. Das ist der Kern der neuen Gesetzgebung, die in den Niederlanden von der sozialliberalen Regierung und Grün-Links gegen den heftigen Widerstand christlicher und sozialistischer Abgeordneter am Dienstag verabschiedet werden soll.

Damit Ärzte von der Strafverfolgung ausgeschlossen werden können, müssen sie jedoch strenge Regeln beachten. Das Gesetz ist nur auf erwachsene Patienten anzuwenden, die unerträglich und unheilbar leiden und ihren Todeswunsch nach langer, reiflicher Überlegung mehrfach bestätigen. Vor allem muss eine freiwillige schriftliche Erklärung des unheilbar Kranken vorliegen, dass er sein Leben beenden will. Ein zweiter Arzt muss als Gutachter hinzugezogen werden. Der Leichenbeschauer muss schließlich nach dem Tod des Kranken pflichtgemäß über Sterbehilfe als Todesursache informiert werden. Er hat das Recht, die Staatsanwaltschaft einzuschalten.

Bis zum Schluss gab es parlamentarische Auseinandersetzungen, ob auch Kindern ab 12 Jahren das eigene Recht zugestanden werden sollte, nach der Euthanasie-Gesetzgebung ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Nun ist bei 12- bis 16-jährigen das Einverständnis ihrer Eltern Voraussetzung für den ärztlichen Eingriff. Geistesschwäche und Lebensmüdigkeit sind nach dem neuen niederländischen Gesetz kein Grund, ärztliche Sterbehilfe verlangen zu können.

Nach Angaben niederländischer Sterbehilfe-Organisationen legalisiert das neue Recht Handlungsweisen, die schon bisher angewendet wurden. 1998 schätzte die "Vereinigung für freiwillige Euthanasie", dass es etwa 20.000 Anfragen nach Sterbehilfe gegeben habe. 1999 halfen niederländische Ärzte Schwerstkranken in 2216 Fällen zu einem sanften Tod, heißt es in einer anderen Statistik. Die neue Gesetzgebung schließt aus, dass in den Niederlanden Ärzte als Totschläger oder Mörder verfolgt werden.

Die britische Ärztezeitschrift "The Lancet" veröffentlicht in ihrer jüngsten Ausgabe eine Studie, nach der mehr als 3 von 100 Todesfällen im belgischen Flandern auf ärztlich verabreichte, letale Injektionen zurückzuführen sind - und zwar ohne das Einverständnis der Patienten. Weitere 1,3 Prozent der Todesfälle seien Euthanasie im Sinne des neuen niederländisches Sterberechts

Das Wort "Euthanasie" ist im Nazi-Deutschland als beschwichtigende Bezeichnung der rassisch begründeten und zwangsweisen Tötung von Behinderten missbraucht worden. Juristen und Ärzte sind sich deshalb in Deutschland immer einig gewesen, dass Sterbehilfe einen Straftatbestand darstellt. Zwar gilt in der Bundesrepublik grundsätzlich, dass ein Sterbender ärztliche Hilfe zurückweisen kann, die zu einer sinnlosen Lebensverlängerung führen würde. Aktive Sterbehilfe, etwa durch eine tödliche Spritze, die vom Arzt gesetzt wird, steht aber als Totschlag unter strenger Strafandrohung. Passive Sterbehilfe, beispielsweise durch die Bereitstellung von letalen Medikamenten, gilt als Tötung auf Verlangen und wird mit Gefängnis zwischen sechs Monaten und fünf Jahren bestraft.



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