Kommunalwahl in den Niederlanden Ein Land zersplittert

Die Niederländer wählen - und nirgendwo prallen die Gegensätze so aufeinander wie in Rotterdam. Rechte Kräfte buhlen, die Volksparteien bangen. Eindrücke aus einer Stadt, der das Gemeinschaftsgefühl verloren geht.

Fabian Busch

Aus Rotterdam berichtet Fabian Busch


Dennis E. Belfor hat einen ehrenwerten Beruf: Er ist Schaffner bei der Bahn. Was aber nicht bedeutet, dass ihm alle Menschen mit Respekt begegnen. Dazu hat er womöglich die "falsche" Hautfarbe. "Ich komme durch das ganze Land und erlebe ständig Rassismus", sagt der aus Surinam stammende Niederländer. Er kandidiert deshalb in Rotterdam für die Ubuntu Connected Front, kurz UCF.

Die neugegründete Partei will den Menschen mit afrikanischen oder karibischen Wurzeln eine Stimme geben, bei den Kommunalwahlen hofft sie zumindest auf einen Sitz im Gemeinderat. "Die anderen Parteien haben uns im Stich gelassen", sagt Belfor.

Dennis Belfor
Fabian Busch

Dennis Belfor

Am 21. März wählen die Niederländer neue Stadtparlamente. Und nirgendwo im Land prallen gesellschaftliche Gegensätze so aufeinander wie in Rotterdam. An der Wasserfront der Hafenstadt ragen glitzernde Wolkenkratzer in den Himmel. Gleichzeitig leben in keiner anderen niederländischen Stadt so viele Menschen in Armut. Jeder zweite Rotterdamer hat ausländische Wurzeln, Menschen aus mehr als 170 Nationen begegnen sich hier, der Bürgermeister stammt aus Marokko.

Aber in Rotterdam begann einst auch Pim Fortuyn seine steile wie kurze Karriere. Er war so etwas wie der Erfinder des niederländischen Rechtspopulismus, kurz vor der Parlamentswahl 2002 ermordete ihn ein militanter Tierschützer. Noch heute wird Fortuyn von vielen Rotterdamern verehrt wie ein Heiliger. Die lokale Partei Leefbaar Rotterdam, die er Anfang des Jahrtausends angeführt hatte, will bei diesen Wahlen ihren Status als größte politische Kraft der Stadt verteidigen.

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Kommunalwahl: Rechts gegen bunt in Rotterdam

Caroline van Aalst könnte für Leefbaar in den Gemeinderat einziehen. An einem Vormittag sitzt sie mit elf anderen Politikern an einem langen Tisch in einem hippen Café im bodenständigen Stadtteil Charlois. Dort diskutieren die Spitzenkandidaten für die Stadtteilversammlung. Die Bürger fordern mehr Sauberkeit, mehr Sicherheit, mehr Grün. Hitzig wird die Diskussion, als es um das Thema Rassismus geht. Die Polizeibeamtin van Aalst sieht das so: Wer in den Niederlanden leben wolle, der müsse die Sprache sprechen, die Werte des Landes teilen. "Die Menschen müssen sich anpassen."

Caroline van Aalst
Fabian Busch

Caroline van Aalst

Die Fortuyn-Erben von Leefbaar Rotterdam präsentieren sich als pragmatische Alternative zum weltweit berüchtigten Rechtspopulisten Geert Wilders und dessen "Partei für die Freiheit" (PVV). Im Wettstreit mit ihm hat die Lokalpartei in Rotterdam gute Karten. Für Wilders läuft die Kampagne dort alles andere als rund. Einen Tag nachdem er seinen lokalen Spitzenkandidaten präsentiert hatte, musste er ihn schon wieder austauschen: Es war unter anderem bekannt geworden, dass sein Spitzenmann einem Holocaust-Leugner seinen Respekt ausgedrückt hatte.

Leefbaar Rotterdam liegt in Umfragen klar vor der PVV, denn die Rotterdamer haben sich auch Unterstützung vom Shooting-Star der niederländischen Rechten geholt: Thierry Baudet und seine Partei "Forum für Demokratie" werben in der Hafenstadt für Leefbaar Rotterdam. Der 35-Jährige will seine Landsleute über einen EU-Austritt abstimmen lassen, in der Einwanderung sieht er eine existenzielle Bedrohung seines Landes. Damit macht auch Baudet der Wilders-Partei Konkurrenz. An Radikalität mangelt es auch der Baudet-Partei nicht: Ein Abgeordneter sorgte im Februar für Aufsehen, als er sagte, es bestehe ein Zusammenhang zwischen der "Rasse" eines Menschen und seiner Intelligenz.

In diesem Klima versuchen nun auch viele Niederländer mit ausländischen Wurzeln, sich politisch zu organisieren. Aber eben bisher nicht gemeinsam. Frage an Schaffner Dennis von der Ubuntu Connected Front: Warum wollen sie afrikanisch- und karibischstämmigen Niederländern eine Stimme geben, warum treten sie nicht für alle Migranten ein? "Man fängt immer mit Menschen an, die man kennt", erklärt der Rotterdamer Spitzenkandidat Simao Miguel bei der Diskussion im Stadtteil Charlois. "In fünf Jahren wird die Partei vielleicht ganz anders aussehen."

"Wutbürger" und Migranten

Nicht nur in Charlois ist die politische Landschaft zersplittert. Vielen Niederländern scheint das Gemeinschaftsgefühl abhanden zu kommen - das zeigen Umfragen wie auch persönliche Gespräche. Volksparteien, die verschiedene Interessen vertreten und abwägen müssen, haben es da schwer. In Rotterdam könnten Liberale, Sozial- und Christdemokraten laut einer Umfrage zusammen auf nur 27 Prozent kommen. Der Publizist Bas Heijne hat im vergangenen Jahr geschrieben, dass immer mehr Menschen sich von der Gesellschaft ausgeschlossen, von der Politik im Stich gelassen fühlen - ob es nun "Wutbürger" oder Migranten sind. Sie suchen Rückhalt im eigenen Umfeld.

Der Weg von Charlois ins Stadtzentrum führt durch das "Afrikanerviertel", durch Straßen mit langen Reihen rotgeklinkerter Häuser. Eine ältere dunkelhäutige Frau steht vor ihrer Tür. Wählen will sie nicht. "Das ist doch alles Mist." Wie das Zusammenleben hier so funktioniert? Marokkaner, Surinamer, Niederländer - man komme miteinander aus, sagt die 76-Jährige. "Zumindest hier in diesen beiden Straßen. Alles andere kümmert mich nicht."



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Seite 1
mwroer 21.03.2018
1.
Vielleicht sollte man erwähnen dass die 'lokalen' Parteien bei uns in den Kommunalwahlen traditionell stärker sind als bei Euch in Deutschland. Vielleicht können wir das einfach besser trennen aber bei den Kommunalwahlen geht es vorrangig wirklich um lokale Themen und Probleme. Inwiefern man es nun für Rassismus hält, oder nur für 'rechts', wenn gefordert wird dass Menschen die hier, zum Teil seit 10 Jahren, leben die Sprache sprechen sollten ... das überlasse ich gerne der deutschen Presse zu beurteilen.
Mister Stone 21.03.2018
2. Ursache und Wirkung
Ein Land zersplittert Es ist in politischen Kreisen und logischerweise dann auch in den Mainstream-Medien modisch geworden, die Folgen der von Politikern verursachten Probleme in ihrer Wirkung "intransitiv" zu skizzieren, so als handele es sich um "bedauerliche" aber (hier: die Zersplitterung) unabwendbare Naturereignisse. Richtig wäre es, Ross und Reiter zu nennen. Welche wirtschaftsradikalen Kräfte haben die Zersplitterung verursacht, nicht nur in den Niederlanden, und welche Menschen haben die politischen Entscheidungen getroffen, die dazu geführt haben. Ein Land zersplittert nicht! Die Entwicklung muss transitiv betrachtet werden. Die Politiker haben das Land - gemeint ist ja die Gesellschaft - so zerplittert. Sie haben die Entscheidungen getroffen, die den Zusamenhalt zerstört haben.
skylarkin 21.03.2018
3.
Multiethnische, multireligiöse und sozial gespaltene Gemeinschaften zersplittern immer, da zu große Heterogenität der Tod jeden Gemeinschaftsgefühl ist. Das ist im großen Maßstab auf Staatenebene wie auch im lokalen Maßstab leider zu beobachten. Es bilden sich Parallelgesellschaften und je stärker eine Minderheit sich von der Mehrheitsgesellschaft in ihren Ausgangswerten und Strukturen unterscheidet, desto mehr kommt es zu Ausgrenzungsprozessen. Das vermeintliche Miteinander ist selbst oft ein zwar friedliches aber fragiles Nebeneinander was gern verwechselt wird. Deutschland erlebt gerade einen ähnlichen Prozess der sich noch deutlich verstärken wird. Merkel hatte recht als sie konstatierte: 'MultiKulti ist gescheitert'.
ekel-alfred 21.03.2018
4. Gleiche Probleme
Zitat: Vielen Niederländern scheint das Gemeinschaftsgefühl abhanden zu kommen - das zeigen Umfragen wie auch persönliche Gespräche. Zitat Ende. Das sehe ich auch hier bei uns. Das ist wohl der Preis, den man zahlen muss, wenn man viele verschiedene Kulturen auf engstem Raum integrieren möchte. Manche nennen es bunt, manche Multi Kulti. Die Probleme sind aber immer die gleichen, der Trend wird sich in Europa fortsetzen.
hardeenetwork 21.03.2018
5. Rasismus
Ob bei Kommunalwahlen, Landtagswahlen, Bundestagswahlen oder Präsidentschaftswahlen, Rassismus und Populismus sind dabei überall ein absolutes NoGo.
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