Amnesty-Bericht Die Folterknechte von Nigeria

Elektroschocks, Vergewaltigungen, Herausreißen von Nägeln und Zähnen: Häftlinge werden in Nigeria laut Amnesty International systematisch gequält. Die enorme Brutalität stellt selbst für die abgehärteten Menschenrechtsaktivisten eine neue Dimension dar.

Häftling in der Stadt Bauchi (Archiv): Inoffizielle "Folterbeauftragte- und kammern"
AFP

Häftling in der Stadt Bauchi (Archiv): Inoffizielle "Folterbeauftragte- und kammern"


Abuja - "Willkommen im Höllenfeuer" heißt der Bericht von Amnesty International. Auf 64 Seiten werfen die Menschenrechtsaktivisten Polizei und Militär in Nigeria schwere Vergehen vor: Sicherheitskräfte würden regelmäßig und systematisch Häftlinge misshandeln.

Folter sei zu einem "festen Bestandteil der nigerianischen Polizeiarbeit" geworden, so das Fazit von Amnesty International. Viele Polizeiwachen hätten inoffizielle "Folterbeauftragte und -kammern". Der neue Report der Menschenrechtler, der am Donnerstag in der nigerianischen Hauptstadt Abuja vorgestellt wurde, basiert auf über 500 Interviews mit Folterüberlebenden, Angehörigen und Anwälten. Die Menschenrechtler haben in den vergangenen zehn Jahren Zeugenaussagen und vielfältiges Beweismaterial gesammelt.

Danach haben Nigerias Sicherheitskräfte ausgefeilte Foltertechniken entwickelt. Die Praktiken reichten von sexuellem Missbrauch, Schlägen und Elektroschocks bis hin zum Herausreißen von Finger- und Fußnägeln und Zähnen, schreibt Amnesty. Gefangenen werde der Zugang zur Außenwelt verweigert, auch zu Anwälten und Familienangehörigen. Ziel sei es, die Opfer zu Schuldgeständnissen und zur Zahlung von Geld zu zwingen.

Die Menschenrechtler schildern schreckliche Fälle:

  • Die 24-jährige Abosede erzählt Amnesty, wie eine Polizistin ihr befahl, sich nackt auszuziehen. Dann habe die Beamtin ihre Beine gespreizt und ihr Tränengas in die Vagina gefeuert. "Ich sollte einen bewaffneten Raubüberfall gestehen. (…) Ich blutete (…), noch immer habe ich Schmerzen in meinem Unterleib."

  • Der 15-jährige Mahmood aus dem Bundesstaat Yobe berichtet, wie er mit 50 weiteren Verdächtigen verhaftet worden sei - vor allem Jungen zwischen 13 und 19 Jahren. Drei Wochen lang sei er vom Militär festgehalten worden. Die Soldaten hätten ihn mit Gewehrkolben und Macheten geschlagen und ihm geschmolzenes Plastik über den Rücken gegossen. Er sei gezwungen worden, sich in Scherben zu wälzen und außergerichtliche Hinrichtungen von Mitgefangenen anzusehen.

  • Ein anderer Nigerianer erzählt, er sei mit neun Männern mehrere Tage lang in ein tiefes Erdloch gesteckt worden. Einer der Gefangenen sei mit einem säuregetränkten Kabel gefesselt gewesen. Immer wieder hätten die Wächter kaltes Wasser oder heißes Plastik über ihnen ausgeschüttet.

  • Ein zwölfjähriger Junge wurde nach eigenen Angaben in Yobe vom Militär verhaftet. Das Kind berichtet, dass Soldaten ihn geschlagen und getreten, mit Alkohol übergossen hätten. Zudem hätten sie ihm befohlen, Erbrochenes mit seinen Händen aufzuwischen.

Wie Amnesty International schreibt, treffen die Misshandlungen nicht nur inhaftierte Verdächtige aus dem Umfeld der Terrorgruppe Boko Haram. Allerdings seien die Gefangenen in den Militäreinrichtungen im Nordosten in Gefahr, in Gewahrsam zu verhungern oder an nicht behandelten Krankheiten oder Wunden zu sterben.

Im Norden Nigerias kämpfen die Boko-Haram-Extremisten für die Errichtung eines islamistischen Gottesstaates. Die islamistische Gruppe terrorisiert seit Jahren das Land: Anhänger entführen Mädchen, attackieren Dörfer, zünden Autobomben, ermorden Menschen. Seit 2001 soll es mehr als 10.000 Tote bei den Kämpfen gegeben haben, knapp 300.000 Menschen mussten fliehen.

Die Reaktion der Sicherheitskräfte sei verheerend, schreibt Amnesty International. Bereits Anfang August hatten die Menschenrechtler dem nigerianischen Militär willkürliche Selektionen und Hinrichtungen vorgeworfen. Auf der Suche nach Mitgliedern oder Unterstützern von Boko Haram hätten Soldaten Hunderte Menschen verhaftet, schreibt die Organisation auch in ihrem neuen Report. Die Verdächtigen würden dann einem "Screening" unterzogen, "das einem Hexenprozess aus dem Mittelalter gleicht", sagt Selmin Caliskan, Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland. "Wir kennen viele Folterschilderungen, aber das Ausmaß und die Form der Misshandlungen ist auch für uns besonders schockierend."

Die Menschenrechtsorganisation fordert das nigerianische Parlament auf, umgehend Schritte zu ergreifen, damit Polizisten und Soldaten künftig für ihren Machtmissbrauch bestraft würden. "Folter ist in Nigeria noch nicht einmal eine strafbare Handlung", kritisiert Amnesty International. Nicht in einem der untersuchten Folterfälle sei ein Überlebender entschädigt oder rehabilitiert worden.

heb

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insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
timmyt1981 18.09.2014
1.
Mehr als erschreckend und alarmierend das es sowas noch gibt!
Orthoklas 18.09.2014
2. und wer ist Auslöser für diesen Wahnsinn?
die islamistische Terrororganisation Boko Haram! Das Perfide ist, dass sich Polizei und Militär auf dieses Niveau herab begeben und entsprechend als Folterknechte auftreten.
kuddikurt 18.09.2014
3. Fassungslos
Es ist kaum noch zu glauben wo zu Menchen in der lage sind. Wir haben es nicht verdient auf dieser Erde zu existieren.
obruni.ningo 18.09.2014
4. Nigeria ist ein Fall ohne Hoffnung
Hier wird nur eine kleine Facette der endlosen Unglaublichkeiten dieses Landes beleuchtet. Aber wegen des Ölreichtums des Landes mit all den Folgegeschäften halten alle tapfer den Mund. Wer in Deutschland weiß schon von den Milliarden die durch die KfW in diesem Land verbuttert werden?
dherr 18.09.2014
5. Nigeria...
war das nicht das Land, wo Boko Haram 600 Mädchen entführte, von denen man nie wieder was hörte. Die sind bestimmt von USA nach dem Aufruf von Michelle Obama gerettet worden, oder etwa nicht? Wer weiß was?
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