Anschläge mit Kindern in Nigeria Boko Harams jüngste Opfer

Die Terrorgruppe Boko Haram schockiert Nigeria mit besonders grausamen Angriffen. Immer wieder schicken die Islamisten auch Grundschüler als Selbstmordattentäter los. Was bezwecken sie?

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Für Nigerias nördlichen Bundesstaat Borno war es ein besonders brutales Wochenende in ohnehin düsteren Zeiten. Am Sonntag sprengten sich zwei Selbstmordattentäterinnen in der Nähe eines Marktes in die Luft. Ein Mitglied einer Bürgerwehr sagte, es habe sich um zwei Mädchen gehandelt, sieben und acht Jahre jung.

Der Mann berichtete der Nachrichtenagentur AP, er habe die Kinder daran gehindert, auf den Markt im Zentrum der Regionalhauptstadt Maiduguri zu gelangen. Kurz darauf zündeten sie ihre Sprengsätze und verletzten mindestens 17 Menschen, darunter mehrere Soldaten. Andere Quellen gaben an, die Angreiferinnen seien im Teenageralter gewesen, drei Menschen seien gestorben.

Tote auf den Märkten, Erfolgsmeldungen vom Präsidenten

Für Maiduguri, die Hauptstadt Bornos, war der Anschlag besonders tragisch. Einige wichtige Straßen, die zum großen Sonntagsmarkt führen, wurden erst vor Kurzem wieder geöffnet. Zuvor waren sie zwei Jahre lang gesperrt - aus Angst vor Attentaten.

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Nigeria im Terrorkrieg: Warum besonders die Kinder leiden

Am vergangenen Freitag konnte man sehen, wie solch ein Anschlag enden kann, wenn der Plan der Attentäter aufgeht, einen belebten Markt zu erreichen: In Madagali rissen ebenfalls zwei Selbstmordattentäterinnen mehr als 50 Menschen in den Tod, als sie ihre Sprengstoffgürtel zündeten. Auch dort soll es sich bei den Angreifern um Schülerinnen gehandelt haben. Die Stadt liegt nahe der Grenze zu Kamerun, die Islamisten nutzen das Land als Rückzugsgebiet.

Die Attacken sollen zeigen, wie wenig Erfolgsmeldungen von Militärs und Regierung aus der Hauptstadt Abuja wert sind. Präsident Muhammadu Buhari erklärt regelmäßig, Boko Haram sei praktisch besiegt. Am Freitag sagte er, Nigeria sei dabei, den "letzten Nagel in den Sarg von Boko Haram zu schlagen". Doch bis auf die größeren Städte ist der Nordosten noch immer in der Hand der Islamisten. Wenige Kilometer außerhalb Maiduguris beginnt das Boko-Haram-Gebiet.

Angriffe mit Frauen und Kindern bedeuten für Boko Haram maximale, auch internationale, Aufmerksamkeit. Freiwillig verüben sie die Taten meist nicht, das weiß man von Angreifern, die ihren tödlichen Einsatz abbrachen: Die Islamisten suchen sich ihre Opfer direkt in Vertriebenenlagern und erpressen sie. Sie drohen, ihre Familien zu töten, dann schnallen sie ihnen die Bomben um und schicken die verängstigten Menschen in den Tod.

Das Kalkül Boko Harams ist ausgesprochen zynisch. Die Gruppe verliert durch solche Attentate keine eigenen Kämpfer. Und die Zahl neuer Zwangsrekrutierter ist dank der überfüllten Flüchtlingslager in der Region beinahe unerschöpflich.

Anfänglich schafften es Frauen und Kinder noch an Kontrollen vor Märkten oder Moscheen vorbei, aber inzwischen kennen die Sicherheitskräfte das Muster. Ende November erschossen Soldaten eine Frau mit Baby auf dem Rücken, die ihnen verdächtig vorkam. Die Gewehrkugeln zündeten die Bombe der Attentäterin.

Nach sieben Jahren Krieg ist der Hunger so gefährlich wie der Terror

Der Krieg zwischen Boko Haram, Nigeria und seinen Verbündeten Tschad, Niger und Kamerun hat bislang mehr als 20.000 Opfer gefordert. 2,6 Millionen Menschen mussten fliehen. Der nigerianischen Armee gelang es im vergangenen Jahr immerhin, Boko Haram aus Maiduguri und einigen weiteren Orten zu vertreiben. Hilfsorganisationen offenbart sich nun eine humanitäre Katastrophe: Von Städten und Dörfern ist nach den brutal geführten Offensiven meist wenig übrig, Trockenheit und Krieg führten zu einem völligen Zusammenbruch der Landwirtschaft.

Bis zum Sommer flohen ungefähr eine Million Menschen nach Maiduguri, die Einwohnerzahl der Stadt verdoppelte sich. Nur ein Bruchteil lebt in offiziellen Flüchtlingslagern, rund 900.000 Menschen wohnen privat oder in wilden Camps. Eine Studie, durchgeführt für Ärzte ohne Grenzen (MSF), zeigte, dass mehr als die Hälfte aller Familien in zwei inoffiziellen Lagern zwischen Dezember und September ein Kind unter fünf Jahren verloren hatte.

Wo sind die Kinder, wo sind die Männer?

Die Helfer befragten und untersuchten die Menschen vor und nach der Flucht nach Maiduguri. Besonders erschreckend dabei: In der vermeintlichen Sicherheit Maiduguris starben fast doppelt so viele Kinder wie auf der Flucht vor Militär und Extremisten. Todesursache waren Fieber, Durchfallerkrankungen und Hunger, ein Viertel der Kinder unter fünf Jahren war teilweise extrem unterernährt.

Zweite Erkenntnis aus der Altersverteilung in den Elendslagern war, dass neben den vielen toten Kleinkindern vor allem junge Männer zwischen 20 und 34 fehlten. Denkbar sind dafür zwei Erklärungen: Die Männer sind noch in den Dörfern und kämpfen für Boko Haram. Oder: Die Sicherheitskräfte haben sie ausgesondert und eingesperrt - wenn nicht Schlimmeres. Was wahrscheinlicher ist, dazu wollen die Analysten von MSF keine Angaben machen.

Die Selbstmordanschläge bringen den Terroristen die Aufmerksamkeit, die sie dringend wünschen. Und sie bringen beinahe tägliches neues Leid für Dutzende Familien. Der Hunger aber und die chronische Unterversorgung im Kriegsgebiet, die langsam immer sichtbarer wird, werden für noch mehr Opfer sorgen. Und die Weltöffentlichkeit beginnt gerade erst zu verstehen, wie groß das Leid im Norden Nigerias tatsächlich ist.



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