Boko Haram in Nigeria: Krieg gegen die unsichtbaren Christenjäger

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Boko Haram schlägt blitzschnell und brutal zu, zerbombt Schulen und richtet Christen hin: Gegen die militante Sekte führt Nigerias Armee einen verzweifelten Kampf. Zu fassen sind die Terroristen kaum, dafür bestens vernetzt - wohl auch mit al-Qaida. Die Spezialeinheiten jagen Phantome.

Boko Haram in Nigeria: Mordende Sekte, hilflose Jäger Fotos
REUTERS / IntelCenter

Maiduguri - Es waren blutige Tage im August 2009. Pausenlos knatterten in Maiduguri die Gewehre, ganze Viertel der Millionenstadt in Nigerias Nordosten glichen Kriegsgebieten. Rund 700 Menschen starben damals bei der Offensive der Regierung gegen die Mitglieder von Boko Haram. Unter den Opfern: Mohammed Yusuf, Anführer der Terrorsekte. Damit schien der Krieg gewonnen, die radikale Gruppe zerstreut. Doch drei Jahre später ist klar: Boko Haram ist zurück - und gefährlicher denn je.

Sie sind so gefährlich, weil sie gelernt haben, sich in die Gesellschaft einzubetten. Heute bewegen sie sich unauffällig im bevölkerungsreichsten Land Afrikas - und machen es den Sicherheitskräften unmöglich, die Attacken im Vorfeld zu stoppen. Wenn Boko Haram zuschlägt, geschieht dies schnell, radikal und mit dem Ziel größtmöglicher Zerstörung.

Seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte der Feldzug der Sekte im Januar 2012. Mindestens 150 Menschen starben bei einer Anschlagsserie auf Polizeiwachen in Kano, der zweitgrößten Stadt des Landes. Seitdem vergeht kaum eine Woche, in der nicht neue Schreckensmeldungen auftauchen. Boko Haram zerbombt eine vollbesetzte Kirche, Boko Haram tötet 14 Polizisten in Abuja, Boko Haram entführt und ermordet zwei ausländische Ingenieure. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch geht davon aus, dass seit 2009 mindestens 900 Menschen bei Attacken der Sekte ums Leben gekommen sind.

Doch wer sind diese radikalen Krieger, die zunächst besonders im Norden Nigerias ihr Unwesen trieben - inzwischen aber im ganzen Land für Angst und Schrecken sorgen? Was treibt sie an, welche Ziele verfolgen sie mit ihren Anschlägen?

Seine Mission trägt Boko Haram bereits im Namen. "Die westliche Lehre ist Sünde" - so das Motto der Gruppe, die im Norden des Landes einen islamischen Staat errichten will, Rechtsprechung durch die Scharia inklusive. "Jeder, der sich nicht daran hält, was Allah verkündet hat, ist ein Missetäter", lautet ein weiterer Grundsatz.

Im armen Norden ideale Bedingungen für neue Sekte

Die Wurzeln der radikalen Gruppe reichen zurück in die neunziger Jahre, zum ersten Mal tauchte Boko Haram in Maiduguri auf. Damals rebellierten die wenigen Mitglieder noch mit Giftpfeilen und Macheten gegen den Staatsapparat. Der Aufstieg zur echten Bedrohung begann mit Mohammed Yusuf, der vor rund zehn Jahren die Führung übernommen hatte. Im nördlichen Nigeria fand er die idealen wirtschaftlichen und demografischen Rahmenbedingungen für eine radikale Organisation.

Von den Öleinnahmen des christlichen Südens ist in Maiduguri außer in den Taschen des Gouverneurs und seiner Helfershelfer kaum je etwas angekommen. Entsprechend hoch ist die Arbeitslosigkeit, dafür florieren Korruption und der brutale Polizeiapparat. Mit charismatischem Auftreten und mitreißenden Reden fand Yusuf rasch Anhänger.

Bis zu der großen Offensive 2009 wuchs Boko Haram, vom Westen weitgehend unbeachtet, zur echten Gefahr heran. Dann starb Yusuf durch Polizeikugeln, Gerüchte über eine Hinrichtung des Sektenführers machte die Runde - und die Behörden hofften auf das Ende der Terrorgruppe.

Ausbildung durch al-Qaida vermutet

Tatsächlich wurde es zunächst still um die versprengten, führerlosen Mitglieder. Untätig waren sie jedoch nicht: Schon 2010 kam es zu neuen Gewaltausbrüchen - und ganz offenbar hatte sich Boko Haram weiterentwickelt. Ob in Algerien, Tschad oder Niger, irgendwo haben die Kämpfer eine Ausbildung erhalten, hinter der viele Experten das Terrornetzwerk al-Qaida vermuten. Auch die Ausrüstung, Sprengstoff und moderne Waffentechnik, hat sich verbessert. Die Kämpfer tragen nun Schnellfeuergewehr statt Machete. Mit dem Prediger Abubakar Shekau hat sich ein neuer Radikaler mit Charisma an die Spitze der Organisation gestellt.

In Videos tritt der ehemalige Yusuf-Stellvertreter gern mit Kalaschnikow und kugelsicherer Weste auf, im Stil von al-Qaida spricht er seine Botschaften in die Kamera. Und die Nachrichten werden im Land gehört. "Boko Haram ist bekannt dafür, dass es seine Drohungen auch wahrmacht. Wenn Shekau etwas sagt, sorgt das für Panik im Land", sagte Martin Ewi, Afrika-Experte am Institute for Security Studies in Pretoria, dem französischen Sender France 24.

Doch nicht nur im Internet verbreitet Boko Haram seine Nachrichten. Das Terrornetzwerk sorgt konsequent dafür, dass Medien im Land die Kunde von den Anschlägen verbreiten. Laut CNN steht eine kleine Gruppe lokaler Journalisten im Kontakt mir Boko Haram und ist zu einer Art Sprachrohr für die Organisation geworden.

Nigeria droht Spaltung zwischen Nord und Süd

Längst fürchten Beobachter einen Bürgerkrieg in dem 160-Millionen-Einwohner-Land - und im schlimmsten Fall sogar eine Spaltung zwischen Norden und Süden. Die Versuche der Sicherheitskräfte, die Situation zu entschärfen, werden zunehmend verzweifelter. Sogar Motorräder sind in manchen Städten des Landes verboten. Mit den schnellen und wendigen Zweirädern hatten die Terroristen immer wieder ihre Blitzattacken gestartet, vom Soziussitz feuerten sie Gewehrsalven auf ihre Opfer. In dem folgenden Chaos war eine rasche Flucht ein Leichtes.

In den Hochburgen der Gotteskrieger werden Autos an Straßensperren systematisch durchsucht. An der Frequenz der Attacken haben diese Maßnahmen kaum etwas geändert. Nach den Angriffen auf Kirchen rund um Weihnachten 2011 erklärte Nigerias Präsident Goodluck Jonathan für mehrere Krisenregionen den Notstand. Doch auch massiver Militäreinsatz - Spezialeinheiten durchkämmen regelmäßig die Elendsviertel der Metropolen - hat an der Situation wenig geändert.

Wenn überhaupt, dann ändert Boko Haram aus freien Stücken die Taktik. So nehmen die Terroristen ihre Ablehnung der westlichen Lehre neuerdings offenbar noch wörtlicher als bisher. In Nigeria brennen immer häufiger christliche Schulen.

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1. .
kugelsicher99 18.03.2012
Zitat von sysopBoko Haram schlägt blitzschnell und brutal zu, zerbombt Schulen und richtet Christen hin: Gegen die militante Sekte führt Nigerias Armee einen verzweifelten Kampf. Zu fassen sind die Terroristen kaum, dafür bestens vernetzt - wohl auch mit al-Qaida. Die Spezialeinheiten jagen Phantome. Boko Haram in Nigeria: Krieg gegen die unsichtbaren Christenjäger - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,821803,00.html)
Muslime gegen Christen und umgekehrt. Religion, die größte "Seuche" der Menschheit. Nur Bildung und Aufklärung kann auf lange Sicht diesen Unsinn überwinden.
2. Von nichts kommt nichts
Agiluk 18.03.2012
Zitat von sysopBoko Haram schlägt blitzschnell und brutal zu, zerbombt Schulen und richtet Christen hin: Gegen die militante Sekte führt Nigerias Armee einen verzweifelten Kampf. Zu fassen sind die Terroristen kaum, dafür bestens vernetzt - wohl auch mit al-Qaida. Die Spezialeinheiten jagen Phantome. Boko Haram in Nigeria: Krieg gegen die unsichtbaren Christenjäger - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,821803,00.html)
Zitat: "Von den Öleinnahmen des christlichen Südens ist in Maiduguri außer in den Taschen des Gouverneurs und seiner Helfershelfer kaum je etwas angekommen. Entsprechend hoch ist die Arbeitslosigkeit, dafür florieren Korruption und der brutale Polizeiapparat." "Vom Westen weitgehend unbeachtet"?
3. Wie bitte?
frodo88 18.03.2012
Zitat von kugelsicher99Muslime gegen Christen und umgekehrt. Religion, die größte "Seuche" der Menschheit. Nur Bildung und Aufklärung kann auf lange Sicht diesen Unsinn überwinden.
Das "und umgekehrt" müssten Sie noch erklären.
4. Die armen Christen!
frodo88 18.03.2012
Das Leben in Nigeria muss die Hölle für die Christen sein. Ich hoffe der Westen schreitet auch hier ein, wie seinerzeit in Serbien / Libyen etc. wenn es darum ging den Moslems zu helfen.
5.
widder58 18.03.2012
Zitat von sysopBoko Haram schlägt blitzschnell und brutal zu, zerbombt Schulen und richtet Christen hin: Gegen die militante Sekte führt Nigerias Armee einen verzweifelten Kampf. Zu fassen sind die Terroristen kaum, dafür bestens vernetzt - wohl auch mit al-Qaida. Die Spezialeinheiten jagen Phantome. Boko Haram in Nigeria: Krieg gegen die unsichtbaren Christenjäger - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,821803,00.html)
In Syrien macht Ihnen das weniger Sorge, aber immer wie mans braucht, nicht wahr... In Syrien sind sunnitische Fundamentalisten und Bombenleger im Westen offenbar gern gesehen.
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