Hungerkrise in Nigeria In manchen Dörfern lebt kein Kleinkind mehr

Sieben Millionen Menschen sind in Nigeria und um den Tschadsee vom Hunger bedroht - es ist die größte humanitäre Krise Afrikas. Für mehrere Orte, aus denen Islamisten vertrieben wurden, kommt jede Hilfe zu spät.

Unterernährtes Kleinkind in Maiduguri, Nordnigeria (Archivbild)
AFP

Unterernährtes Kleinkind in Maiduguri, Nordnigeria (Archivbild)


Im Norden Nigerias, der nach der jahrelangen Herrschaft des Terrorregimes von Boko Haram zerstört und wirtschaftlich verwüstet ist, sind mehr als eine halbe Millionen Kinder unmittelbar vom Hungertod bedroht.

Toby Lanzer, Westafrika-Koordinator der Uno-Nothilfeorganisation (Ocha), sagte, er habe in der Region "Außergewöhnliches" erlebt. "Ich habe Erwachsene gesehen, die überhaupt keine Kraft mehr hatten, die beinahe nicht mehr laufen können. Wir haben Dörfer und Städte ohne zwei-, drei- und vierjährige Kinder gesehen, weil diese gestorben sind."

Die Berichte decken sich mit einer Meldung der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen aus Maiduguri, der Hauptstadt des Bundesstaats Borno im Nordosten des Landes. Ein Bericht der Organisation hatte schon im Herbst 2016 belegt, dass ein Großteil der Kinder in zwei Flüchtlingslagern gestorben war.

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Nigeria im Terrorkrieg: Warum besonders die Kinder leiden

Im vergangenen Jahr hatte die nigerianische Armee größere Teile der nördlichen Bundesstaaten von der Terrormiliz Boko Haram zurückerobert. Die Islamisten hatten weite Teile der Region über Jahre besetzt gehalten. Durch ihr Terrorregime, aber auch durch anhaltende Dürre in der ohnehin vernachlässigten Region, sind Landwirtschaft und lokale Wirtschaft beinahe völlig kollabiert.

Schwerste Krise in ganz Afrika

Ocha-Koordinator Lanzer sagte nun, die Krise in Nigeria und in der Region um den Tschadsee sei die schwerste humanitäre Krise auf dem afrikanischen Kontinent. Zu ihrer Bewältigung sei eine Milliarde US-Dollar nötig. Er hoffe nun auf eine Geberkonferenz im Februar in Oslo.

Elf Millionen Menschen brauchten dringend Hilfe, sagte er. Bei gut sieben Millionen von ihnen herrsche "ernste Nahrungsmittelunsicherheit" - sie leben also von einer Mahlzeit am Tag, wenn überhaupt. 515.000 Kinder seien bereits oder in Kürze "ernstlich und akut unterernährt". Ohne Hilfe würden sie sterben.

Umstritten ist, wer für die mangelnde Hilfe verantwortlich ist. Bereits Mitte 2016 hatten mehrere Hilfsorganisation die Uno dafür kritisiert, nicht angemessen und zu spät auf die humanitäre Krise in Nordnigeria zu reagieren. Ocha-Koordinator Lanzer hatte damals fehlende Finanzmittel geltend gemacht, wie der britische "Guardian" berichtete. Bereits im September warnte das Kinderhilfswerk Unicef, 400.000 Kinder seien lebensbedrohlich unterversorgt. Die nigerianische Regierung macht hingegen den NGOs und der Uno Vorhaltungen.

Auch wenn Boko Haram zurückgedrängt wurde, die Gruppe bleibt mit Anschlägen gefährlich: Allein im Dezember starb bei einer schweren Terrorattacke von Selbstmordattentätern auf einen Markt 57 Menschen, 177 wurden verletzt. Nigerias Militär geht seit Beginn der Gewaltherrschaft Boko Harams mit großer Härte gegen die Islamisten vor.

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Luftschlag auf Flüchtlinge: "Sie starben vor unseren Augen"

Mitte Januar bombardierte die nigerianischen Luftwaffe versehentlich ein Flüchtlingscamp nahe der Grenze zu Kamerun. Dabei kamen mindestens 90 Menschen ums Leben, als zwei Fliegerbomben um die Mittagszeit in der Ortschaft Rann einschlugen. Der irrtümliche Luftangriff hatte Boko Haram gegolten, teilte das Militär später mit. Seit 2007 forderte der Konflikt mindestens 20.000 Menschenleben, mehr als 2,6 Millionen mussten aus ihrer Heimat fliehen.

cht/AP

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