Nigerianische Terrorsekte Boko Haram: Im Hinterzimmer mit den Christenjägern

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Sie zerbomben Kirchen und massakrieren Christen: Das Netzwerk Boko Haram überzieht Nigeria mit Gewalt. Die Regierung hat erstmals Verhandlungen mit den radikalen Islamisten aufgenommen. Dabei soll vor allem eine Frage geklärt werden: Was will die Terrorsekte eigentlich?

Boko Haram in Nigeria: Mit Bomben gegen Kirchen Fotos
AFP Photo/YouTube

Abuja - Es waren Werkstätten des Todes, die Polizeikräfte am vergangenen Mittwoch in Okene und Okehi aushoben. Sprengstoff, Zubehör und Anleitungen zum Bombenbau trugen die Sicherheitskräfte aus den Gebäuden in Zentralnigeria. Die fünf Männer, die dort an Sprengsätzen gewerkelt hatten, werden dem Terrornetz Boko Haram zugerechnet.

Der großangelegte Polizeieinsatz war Teil eines Aktionsplans der Regierung um Präsident Goodluck Jonathan, mit dem die radikale Sekte bekämpft werden soll. Verhaftete Terroristen müssen mit härtesten Strafen rechnen - wenn sie nicht mit der Regierung in Abuja kooperieren. Es ist eine Taktik der Einschüchterung, auf die Boko Harum mit immer neuen Anschlägen reagiert. Die Spirale der Gewalt im bevölkerungsreichsten Land Afrikas dreht sich durch diese "Zero-Tolerance"-Taktik kaum langsamer.

Das scheint auch die nigerianische Regierung erkannt zu haben: Am Sonntag bestätigte Abuja zum ersten Mal in dem jahrelangen blutigen Konflikt Verhandlungen mit der Terrorsekte. Bisher war lediglich durchgesickert, dass es einen Kontakt zwischen Regierung und Boko Haram gibt. Wie genau diese Kontaktaufnahme aussah, war jedoch unklar.

"Es gibt Gespräche in Hinterzimmern", erklärte der Sprecher von Präsident Goodluck Jonathan am Sonntag. "Im Dialog soll geklärt werden, was diese Personen genau wollen - und wie die Krise in unserem Land bekämpft werden kann", so Reuben Abati. Nach Angaben des Sprechers habe sich die Regierung an die Aufständischen gewandt, "um Frieden und Sicherheit in Nigeria wieder herzustellen".

Chance auf eine Wende im blutigen Dauerkonflikt?

Die Gespräche markieren einen möglichen Wendepunkt in dem Konflikt, der jährlich Hunderte Nigerianer das Leben kostet. Bisher hatte sich die Regierung auf reine Militärmaßnahmen gegen die Terrorsekte beschränkt.

Einfach sind die Verhandlungen jedoch nicht. "Man darf sich die Gespräche nicht als normalen Dialog vorstellen. Vertreter von Regierung und Boko Haram sitzen keineswegs einfach so zusammen in einem klimatisierten Raum. Das ist nicht der Dialog, den wir führen", erklärte Sprecher Abati. Stattdessen würden Botschaften über Kontaktpersonen überbracht, die Regierung spricht von "Kanälen in die Hinterzimmer".

Es ist ein mühsamer, wenig zuverlässiger Kommunikationsweg. In den Verhandlungen sei der Regierung jedoch zugesichert worden, dass sich die Boko-Haram-Vertreter schon bald auch namentlich zu erkennen geben würden, erklärte Abati.

So hoffnungsvoll diese erste Kontaktaufnahme stimmen könnte, verdeutlicht sie auch die Probleme im Umgang mit Boko Haram:

  • Das Ausland drängt Nigeria seit langem zum Dialog mit der Sekte, der enge Verbindungen zu al-Qaida nachgesagt werden. Mit Sorge blicken US-Diplomaten auf den trockenen, armen Norden des Landes. Dort schürt Boko Haram unter der leidenden Bevölkerung den Hass gegen den ölreichen Süden - und plant die Abspaltung in einen islamischen Staat unter Rechtsprechung der Scharia. Zwischenzeitlich schien das rohstoffreiche Nigeria kurz vor einem Bürgerkrieg zu stehen, der wohl ganz Westafrika erschüttert hätte.

  • Die Regierung in Abuja hat die Bereitschaft zu Verhandlungen signalisiert, seit die rein militärischen Mittel nur mäßigen Erfolg bringen. Doch die dezentrale Organisation von Boko Haram macht die Kommunikation schwierig. Einen offiziellen Verhandlungsführer gibt es nicht. Der Kontakt muss über Dritte stattfinden. Selten ist klar, ob Nachrichten tatsächlich die Haltung der Boko-Haram-Führung widerspiegeln - oder ob Splittergruppen in dem Netzwerk ihre eigene Agenda verfolgen.

  • Auch innerhalb von Boko Haram scheint es Uneinigkeit über das weitere Vorgehen zu geben. In der vergangenen Woche ließ der charismatische Anführer Abubakar Shekau ausrichten, er sei nicht an Verhandlungen interessiert. Zumindest solange, bis die Regierung die Scharia akzeptiere. Gleichzeitig scheint es gemäßigtere Flügel in dem Netzwerk zu geben, die offen für einen Dialog mit dem Süden sind. Ob mögliche Absprachen viel wert sind, wenn sie nicht von Prediger Shekau abgesegnet sind, darf bezweifelt werden. Allerdings sind die Festnahmen und Tötungen von Sektenmitgliedern in den vergangenen Monaten auch an Boko Haram nicht spurlos vorbeigegangen. Das Netzwerk hat zahlreiche Hardliner in seinen Reihen verloren. Aktionen wie die Stürmung der Bombenkeller in Okene und Okehi schwächen die Terroristen weiter. Seit dem blutigen Angriff in der Stadt Kano mit mehr als 180 Toten im Januar hat es keine großangelegte Attacke mehr gegeben. Stattdessen beschränken sich die Terroristen auf eine Taktik der Nadelstiche.

Die Wurzeln der radikalen Gruppe reichen zurück in die neunziger Jahre, seit 2010 erlebt die Sekte eine Renaissance. Zwischen 1400 und 2000 Menschen starben seitdem bei Angriffen und Sprengstoffanschlägen, die meisten von ihnen im Norden des 160-Millionen-Landes. Vor allem christliche Kirchen, aber auch staatliche Einrichtungen wie Kasernen und Polizeiwachen gerieten immer wieder ins Fadenkreuz von Boko Haram.

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insgesamt 15 Beiträge
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1. optional
Subco1979 28.08.2012
Mit Terroristen verhandeln? Ist offiziell immer das, was ein Staat nie tun darf. Toll, dass ein weiteres Beispiel dafür gegeben ist, dass man mit menschenverachtender Gewalt alles erreichen kann - selbst, wenn man nur eine Splittergruppe ist. - Und die ist auch noch in weitere Splittergruppen unterteilt. Und was ist das Ergebnis? Ein Teil der Terroristen sagt ja zum Frieden (nach diversen Zugeständnissen) und alle anderen machen weiter. Also eine Nullnummer. Einzige Lösung wäre, den Menschen im Norden eine lebenswerte Zukunft zu geben, um jeglichen Extremisten die Existenzgrundlage zu entziehen. Die handvoll bewaffneter Extremisten kann sich man dann polizeilich entledigen. Aber so gibt es einen weiteren guten Kaufplatz für Waffen und Munition.
2. Scharia ist mist
ingman19 28.08.2012
Warum können nicht alle sein wie Sultan Qabus aus dem Oman. Religionsfreiheit ist kein Problem. Frauen dürfen auch ohne Kopftuch arbeiten und Auto fahren und das Land bekommt etwas vom dem Ölreichtum ab. In Nigeria zerstören die Regierung und die Terroristen das schöne Land.
3. hilfe zur selbsthilfe
mtved 28.08.2012
Moin. Frei nach dem Prinzip "helf deiner oertlichen Polizei, schlag dich selbst!"
4. Frage, die an Naivitaet nicht zu toppen ist
Worldwatch 28.08.2012
Zitat von sysopAFP Photo/YouTubeSie zerbomben Kirchen und massakrieren Christen: Das Netzwerk Boko Haram überzieht Nigeria mit Gewalt. Nun hat die Regierung erstmals Verhandlungen mit den radikalen Islamisten aufgenommen. Dabei soll vor allem eine Frage geklärt werden: Was will die Terrorsekte eigentlich? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,852274,00.html
Gibt es jemand, der die Frage nicht beantworten kann?
5.
hxk 28.08.2012
Zitat von sysopAFP Photo/YouTubeSie zerbomben Kirchen und massakrieren Christen: Das Netzwerk Boko Haram überzieht Nigeria mit Gewalt. Nun hat die Regierung erstmals Verhandlungen mit den radikalen Islamisten aufgenommen. Dabei soll vor allem eine Frage geklärt werden: Was will die Terrorsekte eigentlich? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,852274,00.html
Vielleicht Kirchen zerstören und Christen töten? Das sind mordgeile Verbrecher, mehr nicht.
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