Terror in Nigeria "Sie sagen, der Westen ist schuld an ihrer Armut"

Die Terrortruppe von Boko Haram findet wachsenden Zuspruch - bei den Perspektivlosen, bei den Bettelarmen. Religiöser Fundamentalismus, sagt der äthiopische Schriftsteller Asfa-Wossen Asserate im Interview, ist dabei für viele nur ein Vorwand, Verbrechen zu begehen.

AFP/ BOKO HARAM

Zur Person
  • DPA
    Asfa-Wossen Asserate, 65, stammt aus Äthiopien, ist Mitglied des äthiopischen Kaiserhauses und lebt seit über 40 Jahren in Deutschland. Er arbeitet neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller als politischer Analyst und Unternehmensberater. Bekannt wurde er vor allem durch sein Buch "Manieren" über gutes Benehmen. Nun versucht er mit dem Verein Pactum Africanum den Islam, das Christentum und das Judentum zu versöhnen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Asserate, die muslimische Terroristengruppe Boko Haram hat mehr als 200 Mädchen in Nigeria entführt. Der Name der Gruppe bedeutet übersetzt "Bildung aus dem Westen verboten". Woher kommt dieser Hass?

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Asserate: Nigeria hat ähnliche Probleme wie viele andere Länder in Afrika. In einer modernisierten, globalisierten Welt kommen viele Afrikaner nicht mit. Sie sind arm. Und weil fehlgeleitete Afrikaner den Grund für ihre Armut nicht bei sich selbst finden wollen, suchen sie Ausreden. Sie sagen, der Westen ist schuld, und die Gottlosen sind schuld.

SPIEGEL ONLINE: Was können die Atheisten dafür?

Asserate: Gruppen wie Boko Haram verurteilen, dass sich die Menschen aus dem Westen einen eigenen Gott geschaffen haben: den Gott Mammons. Es ist ein Widerspruch. Einerseits wären die Terroristen von Boko Haram vielleicht keine Extremisten, wenn sie mehr Geld hätten, andererseits machen sie den Reichtum im Westen verantwortlich für die Abkehr von der Religion.

SPIEGEL ONLINE: Wieso finden muslimische Terrorgruppen in Afrika einen solchen Zuwachs?

Asserate: In Afrika leben rund eine Milliarde Menschen, davon sind ungefähr 85 Prozent jünger als 25 Jahre. Viele dieser jungen Afrikaner leiden unter Arbeitslosigkeit oder sogar Hunger, und es fehlt ihnen eine Perspektive. Bei den Fundamentalisten finden sie eine Identität. Wer sich dem Fundamentalismus zuwendet, kann sagen: Wir sind eins. Das ist sehr viel für einen Menschen, der gar nichts hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie erreichen die Fundamentalisten denn diese armen Afrikaner?

Asserate: Die radikalen Gruppen entführen nicht nur junge Mädchen, sondern sie arbeiten auch als soziale Institutionen, sie verteilen Brot und Medikamente. Sie arbeiten ähnlich wie die Muslimbrüder in Ägypten, oder wie die Hisbollah im Libanon. Das Geld für diese soziale Arbeit kommt aus den arabischen Golfstaaten.

SPIEGEL ONLINE: In Somalia, Guinea, Nigeria, kämpfen Christen gegen Moslems und Moslems gegen Christen. Wem nützt das?

Asserate: Es gibt verschiedene Gründe für diese Gewalt. In manchen Fällen liefert Religion den Vorwand für Verbrechen, die mit Religion nichts zu tun haben. Wenn ein christlicher Gemüsehändler einen muslimischen Gemüsehändler als Konkurrenten vertreiben will, kann er im Glauben eine Rechtfertigung dafür finden, wenn er einer falschen Interpretation von Religion folgt. Verbrechen wie die Entführungen durch die Boko Haram dienen der Abschreckung und sollen Furcht verbreiten. Eine Frau, die Angst hat, entführt zu werden, weil sie kein Kopftuch trägt, setzt vielleicht ein Kopftuch auf.

SPIEGEL ONLINE: Wieso führen die Spannungen zwischen Christen und Moslems gerade in Afrika zu Krieg?

Asserate: Afrika ist ein tief religiöser Kontinent. Es gibt Christen, Moslems, Juden und Naturvölker. Sie finden in Afrika Menschen, die an die religiöse Bedeutung von Bäumen glauben, aber sie finden kaum Menschen, die an gar nichts glauben. Überall in Afrika treffen viele Menschen mit unterschiedlichem Glauben aufeinander. Es wäre allerdings falsch zu denken, dass dadurch auch überall Krieg entsteht. In meiner Heimat Äthiopien, zum Beispiel, haben wir eine lange Tradition der Toleranz.

SPIEGEL ONLINE: Wäre die Welt besser ohne Religion?

Asserate: Nein, Religion ist eine wunderbare Institution, um Toleranz zu verbreiten. In der Hingabe zu Gott kann der Gläubige erkennen, was ihn mit anderen Gläubigen verbindet.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt gut, scheint aber nicht zu klappen.

Asserate: Ich komme aus Afrika, und man hat mir die wunderbare Institution der europäischen Aufklärung schmackhaft gemacht, das können wir auch bei anderen Afrikanern schaffen. Das Mittel ist der Dialog. Durch Dialog können die Menschen verstehen, dass die abrahamitischen Religionen, Judentum, Christentum, Islam, den gleichen Gott anbeten.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie mit Dialog?

Asserate: Ein Problem in vielen afrikanischen Staaten ist, dass die Menschen wenig über Andersgläubige wissen. Dadurch entstehen Misstrauen und Hass. Unser Verein Pactum Africanum versucht, durch Multiplikatoren den Wissensaustausch zwischen Andersgläubigen zu stärken. Und wir wollen Begegnungshäuser bauen, wo Christen und Moslems lernen können, dass sie gar nicht so viel trennt.

SPIEGEL ONLINE: Was kann der Westen tun?

Asserate: Europa könnte ein Vermittler sein, der diesen Dialog forciert.

SPIEGEL ONLINE: Da würde Boko Haram wohl widersprechen.

Asserate: Es gibt in Afrika nicht nur gewalttätige Extremisten, sondern auch viele Gläubige, die zwar strenggläubig sind, aber mit denen sich reden lässt. Europa muss Afrika helfen, den Frieden zu finden. Der Westen könnte sich zum Beispiel dafür einsetzen, dass an Schulen ein Ethik-Unterricht stattfindet, der die Werte der Aufklärung erklärt und das Toleranzprinzip propagiert.

SPIEGEL ONLINE: In der Vergangenheit waren Sie in Deutschland vor allem durch Ihre Bücher über Manieren bekannt. Warum arbeiten Sie nun am Dialog zwischen den abrahamitischen Religionen und weniger an Werten und Tugenden?

Asserate: Ich habe in den über 40 Jahren, in denen ich in Deutschland lebe, immer meine politischen Überzeugungen kundgetan und all das gesagt, worüber ich heute schreibe. Bevor ich über Manieren geschrieben habe, haben leider nur weniger Menschen auf mich gehört.

Das Interview führte Takis Würger



insgesamt 47 Beiträge
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spibufobi 14.05.2014
1. Optional
Jahrhunderte der Ausbeutung der Menschen und rücksichtslose Schändung der Natur (Shell in Nigeria)... Und dann soll der "Westen" nicht Schuld sein? Hallo!
Atheist_Crusader 14.05.2014
2.
Zitat von sysopDPADie Terrortruppe von Boko Haram findet wachsenden Zuspruch - bei den Perspektivlosen, bei den Bettelarmen. Religiöser Fundamentalismus, sagt der äthiopische Schriftsteller Asfa-Wossen Asserate im Interview, ist dabei für viele nur ein Vorwand, Verbrechen zu begehen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/nigeria-was-die-terroristen-von-boko-haram-so-stark-macht-a-969191.html
Das ist ziemlich normales menschliches Verhalten. Man kann etwas nicht haben also redet man sich ein, dass es eh schlecht ist oder dass man es gar nicht will weil es böse ist. Ganz gewöhnlicher Selbstbetrug.
unnglaublich 14.05.2014
3. Das ist ja alles ganz schön
und es wäre falsch, irgendeine Form der Kommunikation mit dem Islam auszuschließen. Allein mir fehlt der Glaube an den Erfolg. Im Islam gibt es keinen Institutionen, die mäßigend auf extremistische Gruppierungen einwirken könnten. Eine "Exkommunikation" wird vielmehr auf unterster Ebene angeordnet und vollzogen. Führungspersönlichkeiten wie ehemals Chomeini waren ja auch nicht gerade bekannt für ausgleichende Positionen. Wie sollen denn auch Verhandlungen laufen mit einer Partei, die maximal gute Behandlung für den sich Unterwerfenden zusagen darf, weil ihre Religion nichts anderes zuläßt? Oder hat jemand schon etwas von einer Fatwah gegen Boko Haram gehört? Man darf nicht vergessen, daß der Islam erst 1400 Jahre alt ist. Im Europa des 14. Jahrhunderts wurden Konflikte auch anders gelöst als es heute der Fall ist
tabernakelmenetekel 14.05.2014
4. dummes zeug... wie man auch
Am beispiel Äthiopien sehen kann. Als ob es diese gewalt nur in armen regionen gäbe. Vielleicht ließt er mal die Bücher der zugehörigen Religionen und lernt zu unterscheiden.
asedky 14.05.2014
5. oel
von shell weiss man dass sie seit jahren in dieser gegend taetig sind, mit milliarden gewinne fuer den konzern, ohne nennenswerte wert teilung mit der lokalen bevoelkerung.
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