Motiv des Attentäters von Nizza "Hollandes frühe Festlegung auf Islamismus hat mich überrascht"

Der französische Radikalisierungsexperte Farhad Khosrokhavar hat zahlreiche Islamisten in Gefängnissen interviewt - auch psychisch Kranke, die sich nur für Terroristen hielten. Der Nizza-Attentäter könnte so ein Fall gewesen ein.

Ausweisfoto Mohamed Bouhlel

Ausweisfoto Mohamed Bouhlel

Ein Interview von


Zur Person
    Farhad Khosrokhavar, 67, ist Soziologieprofessor an der École des Hautes Études en Sciences Sociales, einer Graduiertenschule mit Forschungs- und Lehrzentren in Paris, Marseille und Toulouse. Khosrokhavar stammt aus Teheran, seit 1989 erforscht er die Rolle des Islam in Europa und die Radikalisierung französischer Muslime. Sein Buch "Radicalisation" erschien 2015 auch auf Deutsch.

SPIEGEL ONLINE: Herr Khosrokhavar, bislang gibt es keine Verbindungen des Täters Mohamed Lahouaiej Bouhlel zum radikalen Islam. Ist der LKW-Mord an 84 Menschen in Nizza die Tat eines Islamisten?

Khosrokhavar: Sie sieht auf jeden Fall so aus. Die Art des Angriffs, mit einem Wagen Menschen totzufahren, wurde von der Terrormiliz "Islamischer Staat" propagiert. Aber es gibt in diesem Fall eine zweite Möglichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Welche ist das?

Khosrokhavar: Es könnte sein, dass es sich um einen Täter mit einer psychischen Störung handelt. Er kopierte den IS-Stil, wäre dann aber kein Islamist. Wir haben keine Erkenntnisse über seine Radikalisierung, alles was wir wissen ist, dass der Mann vor sechs Monaten ein Problem mit der Justiz hatte und dann sechs Monate auf Bewährung bekam. Er war aber nicht im Gefängnis. Welche Möglichkeit es ist, ist noch offen.

SPIEGEL ONLINE: Wie häufig gibt es psychisch gestörte Trittbrettfahrer?

Khosrokhavar: Oh, ich kenne aus meiner Praxis viele Fälle. Ich habe die Radikalisierung von französischen Muslimen lange erforscht, auch in Haftanstalten. Unter etlichen echten Radikalen waren auch psychisch Kranke, die sich für Terroristen hielten. Es gab dort viele Leute, die sagten, sie seien Mohamed Merah - das war der Täter, der in Südwestfrankreich im März 2012 sieben Leute umbrachte, vier davon Juden. Sie gaben vor, ein Mann zu sein, der längst tot war, erschossen von der Polizei.

SPIEGEL ONLINE: Deutet für Sie etwas darauf hin, dass es sich bei Bouhlel um einen verwirrten IS-Trittbrettfahrer gehandelt hat?

Khosrokhavar: Es gibt bislang keinerlei Hinweise, dass der Attentäter Verbindungen zum radikalen Islam hatte, gar keine, nicht einmal aus den Tagen zuvor.

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Nizza: Suche in der Wohnung des Attentäters

SPIEGEL ONLINE: Aber die Tat war geplant.

Khosrokhavar: Das ist auch bei psychisch labilen Menschen vorstellbar. Es könnte ein kruder Racheakt an der französischen Gesellschaft gewesen sein. Menschen mit nordafrikanischer Abstammung haben oft das starke Empfinden, benachteiligt zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Bestreiten Sie, dass in Frankreich Menschen aus Maghreb-Ländern diskriminiert werden?

Khosrokhavar: Es gibt zu einem gewissen Grad Benachteiligungen. Aber die Intensität des Gefühls hat bei einigen schon pathologische Züge, eine Art Paranoia, wenn es um die französische Gesellschaft geht. Wenn so eine Haltung mit einer psychischen Erkrankung zusammenkommt, kann das sehr böse enden.

SPIEGEL ONLINE: Nizza gilt als Islamisten-Hochburg in Frankreich. Spräche das nicht für eine IS-Täterschaft?

Khosrokhavar: Aus der Region Nizza sind, nach der Metropolregion Paris, die zweitmeisten Franzosen in den Krieg in Syrien gezogen. Etwa 60 sind namentlich bekannt, um die zwei Dutzend sind zurückgekehrt. Ja, Nizza hat ein Islamismusproblem. Aber ich möchte noch betonen: Der Attentäter vom 14. Juli war nicht im Gefängnis, was fast immer zu einer Radikalisierungsbiografie gehört. Und er lebte in einem Viertel der unteren Mittelschicht. Der Norden Nizzas ist kein klassischer armer Vorort, keine Banlieue, wie etwa in Marseille.

SPIEGEL ONLINE: Der französische Präsident Hollande sprach schon sehr bald von einem Dschihadisten-Anschlag. Aber Sie klingen skeptisch.

Khosrokhavar: Hollandes frühe Festlegung auf Islamismus hat mich überrascht. Was mich an der IS-These noch stört: Der Täter hatte keine besonderen Waffen. Eine kleinkalibrige Pistole und eine Menge Waffenattrappen. Wenn er zu einer Gruppe gehört hätte, wäre es für ihn einfach gewesen, ein Sturmgewehr zu bekommen. Der Stil des Anschlags ist islamistisch, aber meine Einschätzung ist eher, dass er psychische Probleme hatte, nicht dass er im klassischen Sinn radikalisiert wurde.

SPIEGEL ONLINE: Was denken Sie, wie lange die Bedrohung durch islamistischen Terror bestehen bleibt?

Khosrokhavar: Europa muss mindestens für die kommenden zehn Jahre mit Terrorakten rechnen - und es muss sich an den Terror gewöhnen. Natürlich ist jeder sinnlos Getötete zu viel, mehr als 80 Tote, die auf so eine Art starben, das ist traumatisierend. Aber wenn sie alle islamistischen Terrortaten in Europa aufsummieren, ist der Straßenverkehr noch immer der viel größere Killer. Die Terrorgefahr gehört nun zu unserem modernen Leben, Attentate werden uns noch etliche Jahre begleiten.

Video: Der Anschlag in Nizza



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Seite 1
air plane 16.07.2016
1.
"auch psychisch Kranke, die sich nur für Terroristen hielten." - Um ein ordentlicher Terrorist zu sein, benötigt man ein Zertifikat?
micromiller 16.07.2016
2. Heimkehrende
sollten ihre europäische Staaatsbürgerschaft verlieren und in intensiv gläubiges Land wie Saudi Arabien evakuiert werden.
aus_dem_off 16.07.2016
3. zynischer geht es nicht
"Die Terrorgefahr gehört nun zu unserem modernen Leben, Attentate werden uns noch etliche Jahre begleiten." Und jedes Mal der Eiertanz Islamist oder nur ein harmloser Irrer, der wie potentiell alle psychisch Kranken, denn doch mal eben 84 Unschuldige ummäht!!!!!!!!!!!!!!
Leser161 16.07.2016
4. Seeehr beruhigend
Na dann ist ja alles gut, wenn es nur einer war der sich nur für einen islamistischen Terroristen gehalten hat und die nachgemacht hat. Ich denke das gilt auch für Muhammed Atta. Wir sollten das mal untersuchen, es besteht gar kein Problem mit Islamisten sondern nur mit psychisch Kranken. Sorry, aber es ist egal wer mich umbringt, ob das ein echter Terrorist mit Plakette vom TÜV Unterammergau oder nur ein Verrückter war.
birgerhemkendreis 16.07.2016
5. Alberne Experten...
Was sind denn religiöse Extremisten anderes als psychisch Kranke? Da gibts für mich keinen Unterschied. Ob allein oder in irren Gruppen, sind sie alle psychisch krank und gehören in die Anstalt. Wer meint, daß Gott hinter ihm steht und Morde fordert, ist nun mal irre...
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