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15. Juli 2016, 13:49 Uhr

Einzeltäter mit Alltagswaffen

Der Albtraum der Ermittler

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Der Anschlag von Nizza passt in ein Muster des "Islamischen Staats": Attentate, begangen von Einzelnen mit einfachsten Mitteln. Von den Sicherheitsbehörden sind sie kaum zu verhindern.

Das Konzept des Jedermann-Terrors beschrieb ein Stratege des "Islamischen Staats" (IS) vor knapp zwei Jahren so: "Tötet sie, wie ihr wollt. Zertrümmert ihnen den Kopf, schlachtet sie mit einem Messer, überfahrt sie mit einem Auto, werft sie von einem hohen Gebäude, erwürgt oder vergiftet sie", sagte Mohammed al-Adnani im September 2014. Auch französische IS-Anhänger riefen später dazu auf, Fahrzeuge als Waffen einzusetzen.

Bislang ist unklar, ob der 31-Jährige, der am Donnerstagabend mit einem Lkw in Nizza mindestens 84 Menschen überfahren und getötet haben soll, ein Islamist war. Ebenfalls steht noch nicht fest, ob er im Auftrag des IS handelte oder womöglich von dessen Propaganda inspiriert worden ist - wie etwa die Attentäter von Paris im Januar 2015. Doch nach allem, was man bislang über die Tragödie weiß, passt die Tat des Tunesiers zu den Handlungsanweisungen des IS. Entsprechend fiel der Jubel in den einschlägigen Kanälen der Terroristen aus. Ein Tatbekenntnis des IS indes gab es zunächst aber nicht.

Video: Polizisten feuern auf den Attentäter im Lkw

Frankreichs Präsident François Hollande sprach gleichwohl von einem "terroristischen Charakter" der Tat. Innenminister Bernard Cazeneuve sagte, die Polizei habe "einen Terroristen ausschalten können". Das Muster der Tat ist denkbar einfach, Fachleute sprechen von sogenannten Low-Profile-Anschlägen. Ziel dieser Attentate, zu denen Hassprediger seit geraumer Zeit anstacheln: Mit simplen Mitteln und ohne große Planung möglichst viel Leid und Schrecken zu verbreiten. Wie in London, als zwei Extremisten mit Fleischerbeil und Messern einen britischen Soldaten töteten. Wie vor Monaten in Hannover, als die 15-jährige Safia S. mit einem Küchenmesser einen Bundespolizisten niederstach. In Frankreich gab es zudem bereits mehrere Versuche von Islamisten, Menschen zu überfahren, jedoch bislang ohne Todesopfer.

"Wir haben uns auf eine neue Art von Terrortaten einzustellen, auf Einzeltäter, Kleinstgruppen, die ohne große Planung Schrecklichstes, vielleicht auch spontan, tun", sagte der Chef des Hamburger Verfassungsschutzes, Torsten Voß, bereits vor einiger Zeit im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Auch in einem vertraulichen Dokument der deutschen Sicherheitsbehörden heißt es: Es könnten sich "Einzelpersonen mit oder auch ohne Auftrag einer terroristischen Vereinigung aus religiösen oder ideologischen Gründen heraus zu gewalttätigen bzw. terroristischen Aktionen verpflichtet sehen".

"Der Terror kann heute jeden an fast jedem Ort treffen"

Für die Sicherheitsbehörden sind solche Anschläge einzelner Täter, begangen mit Alltagsgegenständen, kaum zu verhindern. Es fehlten bei ihnen jegliche "erfolgversprechenden Ermittlungs- und Präventionsansätze", steht in der Analyse: Die Täter reisten nicht, weil sie im Zielland lebten. Sie nutzten Waffen, die leicht und unauffällig zu beschaffen seien. Sie handelten kurzfristig oder spontan. Und vielleicht beziehen sie vor ihrer Tat noch nicht einmal jemanden in die Planung ein. Wie kann die Polizei diesen Terror verhindern? Die Wahrheit ist: mit Glück oder gar nicht.

"Wenn es sich um Einzeltäter handelt, sind konkrete Vorermittlungen denkbar schwierig", sagt der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Oliver Malchow.

Denn oft geht auch die Tatplanung und Vorbereitung rasend schnell. Als Impuls reichen dem Dokument zufolge häufig "nahezu beliebige, subjektiv als islamfeindlich empfundene Äußerungen oder Handlungen aus". Der Frankfurter Flughafenattentäter Arid U. etwa, der im März 2011 zwei amerikanische Soldaten tötete, hatte zuvor einen Spielfilm über US-Kriegsverbrechen gesehen, den er später selbst als Auslöser für seine Tat benannte.

Kennzeichnend für Anschläge "selbstradikalisierter Personen" oder "einsamer Wölfe", wie sie im Fachjargon genannt werden, ist häufig auch eine andere Zielauswahl als bei den mit großem Aufwand geplanten Operationen: Die Terrorkommandos des IS suchten sich Tatorte mit Symbolkraft, Paris und Brüssel sind europäische Metropolen, pulsierende Zentren der in den Augen der Terroristen verhassten westlichen Lebensweise, Städte von erheblicher historischer und politischer Bedeutung.

Die Einzeltäter hingegen schlagen häufig in ihrem persönlichen Nahbereich zu, das können Weltstädte sein, müssen es aber nicht. Die Kulisse ist ihnen weniger wichtig als bei konzertierten Aktionen terroristischer Organisationen.

"Der Terror kann heute jeden an fast jedem Ort treffen", sagt auch der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger. Seine Konsequenz: mehr Polizei auf der Straße. Die Präsenz der Beamten werde - wo erforderlich - nun noch einmal verstärkt, so Jäger. Gerade bei bevorstehenden Großveranstaltungen in Düsseldorf und Köln würden noch mehr Ordnungshüter im Einsatz sein. Bei den "Kölner Lichtern" sollen Großfahrzeuge an sechs Sperrstellen das Eindringen von Autos in Menschenmengen verhindern. "Die Terroristen wollen uns ein Angstdiktat aufdrücken", sagt SPD-Politiker Jäger. "Das werden wir nicht zulassen."

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