Nobelpreis für Liberias Präsidentin Die Schattenseiten der Strahlefrau

Zwei afrikanische Frauen erhalten den Friedensnobelpreis, ein Signal für den Kontinent? Wohl kaum. Leymah Gbowee ist zu unbekannt - und Ellen Johnson-Sirleaf zu undurchsichtig. Die Präsidentin Liberias brachte ihrem Land Frieden, Straßen und Bildung, doch ihre Karriere hat auch düstere Kapitel.

Von Horand Knaup, Nairobi

Liberias Präsidentin Johnson-Sirleaf: Undurchsichtige Beziehung zu Charles Taylor
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Liberias Präsidentin Johnson-Sirleaf: Undurchsichtige Beziehung zu Charles Taylor


Es war eine Überraschung, und sie kam insbesondere für die liberianische Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf zum richtigen Moment: Die meisten Beobachter hatten vorab mit Friedensaktivisten aus dem Maghreb oder Ägypten als Nobelpreisträger 2011 gerechnet. Stattdessen wurde es Johnson-Sirleaf, zusammen mit Leymah Gbowee und Tawakkul Karman aus dem Jemen.

In Afrika erntete die Auszeichnung zunächst wenig Beifall, eher eine Mischung aus Zustimmung und Schweigen. Denn zu unbekannt ist Gbowee, die eine Preisträgerin aus Liberia, zu umstritten die andere. Johnson-Sirleaf regiert zwar als einzige Frau des Kontinents ein Land, aber die "Iron Lady", wie sie auch genannt wird, hat keineswegs nur Unterstützer auf dem Kontinent.

Zudem muss sie sich am kommenden Dienstag ihrer Wiederwahl stellen, und selten hat das Komitee so unmittelbar Einfluss auf eine Wahl genommen. Sollte es bisher noch Zweifel am Ausgang gegeben haben, sind diese mit dem Nobelpreis im Rücken wahrscheinlich zerstreut.

So ist es wohl auch ein bisschen übertrieben, die Wahl als "Symbol für ein neues Afrika" zu werten, wie es im ersten Überschwang einem Radioreporter aus Norwegen, dem Sitz des Komitees für den Friedensnobelpreis, entschlüpft war.

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Nobelpreisverleihung 2011: Drei Frauen, drei Kämpfe, drei Preise
Am überraschendsten war noch die Auszeichnung für Leymah Gbowee, die in Liberia zwar sehr bekannt ist, jedoch kaum über die Grenzen hinaus. Gbowee zeichnet vor allem eines aus: Mut. Sie arbeitete während des Bürgerkrieges in Liberias Hauptstadt Monrovia als Traumatherapeutin, nebenher begann sie, die Frauen der Hauptstadt gegen den Krieg zu mobilisieren.

Die Aktivistinnen streiften weiße T-Shirts über, sie gingen auf die Straße, sangen und tanzten. Und sie machten weltweit auf sich aufmerksam mit dem Appell, den Männern in Liberia so lange den Sex zu verweigern, bis Frieden herrsche.

Courage bewies Gbowee auch, als sie 2003 mit ihren Frauen zu den Friedensgesprächen der Kriegsfürsten in die ghanaische Hauptstadt Accra fuhr. Als dort die Verhandlungen ins Stocken gerieten, blockierten die Frauen die Hotelausgänge, blieben sitzen und erzwangen so auf ihre Weise die ersehnte Einigung.

Zwei Jahre später unterstützte Gbowee Ellen Johnson-Sirleaf bei ihrem Wahlsieg gegen den Fußballer George Weah.

Ab 2005 Darling der internationalen Politik

Johnson-Sirleaf freilich, heute 73-jährig, verkörpert, abgesehen von ihrem Geschlecht, eher das alte Afrika. Ausgebildet in Harvard, verstrickt in langjährige innenpolitische Grabenkämpfe, im politischen Alltag gehärtet, machthungrig - so kennt man auch ihre männlichen Kollegen.

Dabei hatte es nach ihrem Wahlsieg im Jahr 2005 so gut für sie begonnen. Sie platzierte, was im Westen und bei den großen Gebern immer gut ankommt, die Bekämpfung der Korruption ganz oben auf ihrer To-Do-Liste, sie fuhr rasch die Schulden zurück, sie lockte Investoren mit milliardenschweren Einlageversprechen ins Land. Und sie versprach, nach einer Amtszeit abzutreten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel, die sonst für Afrika wenig Interesse zeigt, reiste nach Monrovia, lud Johnson-Sirleaf zum Gegenbesuch ein und erließ Liberia 268 Millionen Euro Schulden. Der damalige Präsident George W. Bush verlieh ihr den US-Freiheitsorden, und auch sonst musste sie die Gebernationen nicht lange bitten.

Und sie erreichte tatsächlich einiges: Liberia ist wieder befriedet. Das Land hat wieder ein befahrbares Straßennetz, in der Hauptstadt funktionieren Wasser- und Stromnetz leidlich, es wurden Krankenhäuser und Schulen gebaut.

Doch es gibt auch die Kehrseite.

In einem US-Bericht aus dem vergangenen Jahr heißt es wörtlich über Liberia: "Das Gesetz sieht keine Haftstrafen für Korruption vor, die sich systematisch durch diese Regierung zieht." Korrupte Minister und Richter, unfähige Polizisten, eine schwerfällige Verwaltung - die Bilanz der Präsidentin hat auch düstere Kapitel.

Kontakte zu Massenmörder Charles Taylor

Dazu gehört ihr Auftritt vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission, die das jahrelange Morden in Liberia aufgearbeitet und im Sommer 2009 ihren Bericht vorgelegt hatte. Am Ende stand Johnson-Sirleaf auf einer Liste mit 50 Namen, die ihre Ämter niederlegen sollten. Der Vorwurf: Sie soll während des Bürgerkriegs von den USA aus über Jahre hinweg engen Kontakt mit dem mutmaßlichen Massenmörder Charles Taylor gepflegt und ihn auch finanziell unterstützt haben.

Johnson-Sirleaf reagierte geschmeidig: Ja, sie habe Taylor im Jahr 1989 10.000 Dollar zukommen lassen, sich aber bald danach von ihm getrennt. Die Wahrheitskommission kam zu einem anderen Befund: Die Präsidentin habe Taylor in den neunziger Jahren jahrelang unterstützt und sei noch Mitte der neunziger Jahre internationale Koordinatorin seiner Partei gewesen.

Johnson-Sirleaf stritt alles ab und zog das Parlament auf ihre Seite, das bereitwillig mitstimmte, weil auch viele Abgeordneten in der Untersuchung schlecht wegkamen. Zugleich verzichtete sie aber auch auf die unabhängige Menschenrechtskommission, deren Einrichtung fester Bestandteil der Friedensvereinbarung in Accra 2003 gewesen war.

Auch von ihrem Abtritt nach einer Legislaturperiode will sie nun nichts mehr wissen. Sie habe ihren Auftrag noch nicht vollendet, lässt sie nun wissen. "Vor der Landung sollte man nicht den Piloten wechseln", heißt es auf ihren Wahlplakaten in Monrovia.

Dass die Auszeichnung für Johnson-Sirleaf und Gbowee den afrikanischen Frauen Auftrieb und Hoffnung geben kann, mag sein. Im politischen Getriebe der allermeisten Staaten jedoch haben Frauen, von vereinzelten Ausnahmen abgesehen, nach wie vor wenig zu bestellen: Die ruandische Außenministerin Louise Mushikiwabo ist ein solches Kraftpaket, auch die Chefin der Demokratischen Allianz und erste Westkap-Premierministerin in Südafrika, Helen Zille. Aber die deutschstämmige Zille ist Weiße und deshalb in Südafrika wohl chancenlos. Und in Ruanda wird Präsident Kagame noch mindestens bis 2017 regieren.

An Namen wie Zille und Mushikiwabo hatte Johnson-Sirleaf womöglich gedacht, als sie unlängst in einem Interview räsonierte, dass es in den nächsten zehn Jahren auf dem afrikanischen Kontinent mindestens ein, zwei weitere Präsidentinnen geben werde.

Ihre eigene Wahl in der kommenden Woche dürfte gesichert sein - darüber hinaus war es eine mutige Prognose.

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insgesamt 19 Beiträge
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mann-in-kapstadt 07.10.2011
1. Warum Cille statt Zille?
Hmm? Im Text wird von der deutschstaemmingen "Helen Cille" gesprochen. Ihr Name muss nun wirklich nicht anglizisiert werden. Sie heisst Helen Zille, ist in der Tat ein politisches Kraftpaket und als Weisse sowie als Vorsitzende der DA landesweit chancenlos. Aber trotzdem Helen Zille, und zwar ueberall in Suedafrika.
spügel 07.10.2011
2. never trust a friedensnobelprice
Spätestens seit Obama ihn bekommen hat, ist der Friedensnobelpreis eine Farce.
dongerdo 07.10.2011
3. -
Zitat von sysopZwei afrikanische Frauen erhalten den Friedensnobelpreis, ein Signal für den Kontinent? Wohl kaum. Leymah Gbowee*ist zu unbekannt - und Ellen Johnson-Sirleaf zu undurchsichtig.*Die Präsidentin*Liberias brachte*ihrem Land Frieden, Straßen und Bildung, doch ihre Karriere*hat*auch*düstere Kapitel. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,790570,00.html
Falls die Anschuldigungen wirklich stimmen wäre diese Vergabe ein Desaster - Ausgerechnet zu Taylor eine enge Beziehung gehabt zu haben dissqualifiziert komplett. Prüft das Komittee eigentlich gar nicht nach wen man da Auszeichnet?? (Ich bin gespannt wie schnell aus den Anschuldigungen eine Kampagne der "bösen Männerwelt" gemacht wird...)
zackzodiac, 07.10.2011
4. das
Zitat von spügelSpätestens seit Obama ihn bekommen hat, ist der Friedensnobelpreis eine Farce.
war er doch schon (mindestens) seit kissinger!
stanislaus2 07.10.2011
5. Ein Diktator macht die Welt auch etwas besser, weil er seine Macht bewahren will
"engen Kontakt mit dem mutmaßlichen Massenmörder Charles Taylor gepflegt" Dieses Nobelpreiskomitee in Oslo greift wohl gerne ins Klo. Letztes Jahr den Präsidenten eines Folterregimes und dieses Jahr eine sehr machtgierige Präsidentin eines anderen Landes. Die beiden anderen Frau hingegen haben sich offenkundig für Frieden und Freiheit ihrer Mitmenschen eingesetzt.
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