Nobelpreisträger-Gattin Liu Xia Widerstand aus Liebe

Sie wusste, dass ihr Leben kein leichtes würde, als sie Liu Xiaobo heiratete: Seit Tagen hält das Regime die Frau des chinesischen Friedensnobelpreisträgers in Hausarrest. Doch die Künstlerin lässt sich nicht mundtot machen - und wird nun selbst zur Symbolfigur des Widerstands.

AP / Kyodo News

Von , Peking


Sie ist in ihrer eigenen Wohnung gefangen, aber sie ist nicht aus der Welt. Liu Xia hat ihre Wege, sich den Millionen Menschen mitzuteilen, die an ihrem Schicksal Anteil nehmen. Genauer: Sie hat Twitter.

"Ich protestiere energisch gegen die Regierung und gegen meinen illegalen Hausarrest", schrieb sie unter ihrem Namen @liuxia64. Und landete damit einen kleinen Coup. Denn seit ihr Mann, der Literaturwissenschaftler und Philosoph Liu Xiaobo, für den Friedensnobelpreis auserkoren wurde, schotten Polizisten seine Frau streng von der Außenwelt ab. Sippenhaft ist in China zwar gesetzeswidrig, aber gängige Praxis der Behörden, wenn sie Angehörige von inhaftierten Bürgerrechtlern und kritischen Geistern einschüchtern oder mundtot machen wollen.

Als die Pekingerin Liu Xia ihren Mann 1998 heiratete, wusste sie, dass ihr Leben schwierig würde. Damals saß er schon zwei Jahre im Arbeitslager und hatte noch ein weiteres vor sich. Die Regierung erlaubte dem Paar erst nach Intervention eines Anwalts, die Ehe zu schließen.

Die 49-jährige Liu Xia trägt die Haare kurz wie eine buddhistische Nonne. Doch sie sei keine Buddhistin, sagt sie. Seit einiger Zeit interessiert sie sich für das Judentum und liest viel darüber. "Ich würde gern einmal nach Israel reisen."

Obwohl sie sich nicht als religiös bezeichnet, ist sie doch einem buddhistischen Mönch besonders dankbar. "Als mein Mann das letzte Mal für drei Jahre im Umerziehungslager saß, bat ich ihn um Unterstützung", sagt sie über den Mönch. "Obwohl er schon über 80 Jahre alt und sehr schwach war, verließ er mich nicht. Er wartete mit dem Sterben, bis Xiaobo wieder in Freiheit war."

"Ich sehe Xiaobo nicht als politische Figur"

Heute steht das Paar für den Widerstand gegen das chinesische Regime, doch die berufliche Karriere von Liu Xia begann anders. Nach ihrem Journalismusstudium arbeitete sie zunächst in der Propagandaabteilung der staatlichen Steuerbehörde. Ihren Mann lernte sie im Kreis Pekinger Dichter kennen. 1993 kündigte sie ihren Job, um sich ganz der Kunst zu widmen. Seither malt sie, fotografiert, schreibt Gedichte. Liu Xia hat Schwarz-weiß-Fotos von Liu Xiaobo gemacht, die schon bald in Prag, vielleicht auch in Deutschland ausgestellt werden sollen.

Aus der Politik versuchte sie sich herauszuhalten. Die "Charta 08", die ihren Mann wegen der Forderung nach politischen Reformen ins Gefängnis brachte, hat sie nicht unterzeichnet. "Ich sehe Xiaobo nicht als politische Figur", sagte sie einmal. "In meinen Augen war und wird er immer ein sperriger und fleißiger Poet sein."

Liu Xiaobo hat für seine Frau immer wieder Zeichen gesetzt. Er flocht in seine Verteidigungsrede, die er bei seiner Gerichtsverhandlung im vorigen Dezember nicht halten durfte, eine Liebeserklärung an sie ein: "Meine Liebe ist hart, scharf und kann jedes Hindernis durchdringen. Sogar wenn sie mich zu Pulver zermalmen, werde ich dich mit meiner Asche umarmen."

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Liu Xiaobo: Friedensnobelpreis für den Dissidenten

Vor dem Hausarrest hatte sich Liu Xia regelmäßig mit anderen Bürgerrechtlern und Freunden ihres Mannes getroffen. Dazu gehörte der betagte Bao Tong, einst Assistent von Zhao Ziyang, dem nach dem Tiananmen-Massaker 1989 in Ungnade gefallenen früheren Parteichef. Zu Liu Xiaobos Umfeld zählt auch Ding Zilin, Gründerin der Gruppe "Mütter vom Tiananmen", die Aufklärung verlangen über das Schicksal ihrer am 4. Juni 1989 getöteten Kinder.

Noch Anfang Oktober machte Liu Xia einen gelassenen, geradezu fröhlichen Eindruck. "Meine Freunde denken, ich lache zu viel", sagte sie. "Seit ich jung bin, habe ich diese gespaltene Persönlichkeit. Ich lache - aber wenn ich schreibe, kommen aus mir doch all diese dunklen und schweren Worte heraus. Das bin ich."

insgesamt 3 Beiträge
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handschaltung 15.10.2010
1. Respekt
Ich verstehe nicht, warum dieses Thema keine Interesse findet. Ihr Verhalten und ihre Loyalität verdient den allerhöchsten Respekt! S.
monzaman 15.10.2010
2. ach..
wie schön geschrieben.... Ich wär auch so gern eine "Nobelpreisträger-Gattin". Oder vielleicht doch lieber eine "Zahnarztfrau" ?
heth13 15.10.2010
3. Erbarmungslose Sprache enthüllt den miesen Charakter
Zitat von monzamanwie schön geschrieben.... Ich wär auch so gern eine "Nobelpreisträger-Gattin". Oder vielleicht doch lieber eine "Zahnarztfrau" ?
... welch zynisch-witziger Kommentar. All jene die sich offenkundigem Unrecht einer menschenverachtenden Diktatur mit dem eigenen Leben entgegenstellen verdienen zumindest unser Mitgefühl. Wenn schon unsere Unterstützung für Li Xiaobo mangels Charakter ausbleibt. Als ehemaliger Anti-Apartheid Aktivist fragen ich mich heute: Wo sind die Initiativen der Bürgerrechtler, die Soli-Konzerte, die Demos für Freiheit für Li Xiaobo? Haben wir Gutmenschen vielleicht Beisshemmung wenn es gegen ein linkes Kommunistenregime geht ...?
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