Von Matthias Gebauer und Shoib Najafizada, Kabul
Kabul - Wahid Omar Khel ist konsterniert. "Die Taliban sind zurück", sagt er leise ins Telefon. "Sie haben schon wieder den ganzen Süden von Chahar Darreh unter ihrer Kontrolle."
In der Nacht zum Freitag seien bis zu hundert Taliban-Kämpfer auf Motorrädern und Toyota Pick-ups wieder in seinem Distrikt eingefallen, berichtet der Distriktchef des Unruheherds Chahar Darreh bei Kunduz. "Sie stellten sich mit Waffen umgeschnallt auf die Marktplätze der Dörfer und waren fröhlich wie nach einem Sieg."
Es sind keine guten Nachrichten, die wenige Tage nach dem Ende der gemeinsamen Operation "Adler" gegen die Taliban aus dem Raum Kunduz kommen. Auch die Bundeswehr hat von ihnen erfahren. Aus afghanischen Quellen hörten die Offiziere Berichte von regelrechten Siegesfeiern der Taliban in Chahar Darreh, der Hochburg der Kämpfer.
Deren Sicherung war das Hauptmotiv des großangelegten Einsatzes der vergangenen zwei Wochen. Die Offensive jedoch konnte die Bewaffneten anscheinend gerade einmal kurz vertrieben. Geschlagen worden sind sie nicht.
Distriktchef Khel kann die Blitz-Rückkehr der Taliban recht genau beschreiben und terminieren. Seit Donnerstagnacht, sagt er, sei der südliche Teil des Gebiets westlich des Bundeswehrlagers wieder "komplett in der Hand der Taliban". Weiter nördlich seien noch rund 300 afghanische Soldaten der Afghanischen Nationalarmee (ANA) stationiert - deshalb kämen die Kämpfer dorthin nicht zurück.
Khels Berichte erstaunen. Noch an diesem Freitag hatte der afghanische General Murad Ali Murad von 600 ANA-Soldaten gesprochen, welche er in Chahar Darreh stationiert habe, um die Rückkehr des Feindes aufzuhalten.
Auch die Taliban melden sich erstmals seit der Offensive wieder. "Wir sind zurück", prahlt Kommandeur Mullah Shamslullah am Telefon, "alles wird jetzt wie früher." Immer wieder sind im Hintergrund lautes Kreischen seiner Kämpfer und "Gott ist groß"-Rufe zu hören. Shamslullah, ein hochgewachsener Kämpfer mit tiefschwarzem Bart und stechendem Blick, gilt als einer der Chefs der Taliban in Chahar Darreh. "Wir haben unsere Basis zurück", sagt er. "Schon heute haben wir mehr als 150 Kämpfer zurückgebracht, die sich kurz versteckt hatten."
Natürlich sind die kriegslüsternen Aussagen des Taliban-Kommandeurs ein Teil der perfiden Propaganda der Aufständischen - doch sie decken sich mit den Erkenntnissen der Bundeswehr. Auch die Deutschen registrieren die Rückkehr der Kämpfer in ihre Hochburg, ungestört durch die afghanische Armee. Viel zu groß ist das Gebiet, als dass 300 ANA-Soldaten es kontrollieren könnten. Auch die Bundeswehr ist dazu nicht in der Lage. Folglich muss sie zusehen, wie die Taliban in ihre Hochburg zurückkehren, die keine 15 Fahrminuten vom deutschen Camp liegt.
Die Nachrichten aus dem Raum Kunduz lassen Zweifel am Erfolg der Operation "Adler" aufkommen. Hatte die afghanische Armee bei Beginn der Operation noch getönt, man mache nicht noch einmal den Fehler wie bei früheren Offensiven und überlasse dem Gegner schnell wieder das Feld, scheint nun genau das zu passieren.
Aus dem deutschen Lager in Kunduz heißt es gar, ANA-General Murad Ali Murad hätte mit seinen Männern Anfang der Woche komplett abziehen wollen. Erst ernste Gespräche hätten ihn davon abgebracht.
Der Abzug afghanischer Soldaten aus dem Gebiet erinnert an einen Fehler, den auch die US-Armee immer wieder gemacht hat und den sie mittlerweile offen eingesteht: Ihre Soldaten verließen nach teils erfolgreichen Offensiven in Südafghanistan die Hochburgen der Taliban oft schnell wieder. Sie ließen die Zivilbevölkerung mit den zurückkehrenden Kämpfern allein - und das Vertrauen der Afghanen in die internationale Schutztruppe schwand.
Gleiches droht nun auch im Einsatzgebiet der deutschen Soldaten. Die Rückkehr der Taliban bedeutet für die Bundeswehr eine verschärfte Sicherheitslage. Die Befürchtung ist, dass die Kämpfer von der Offensive gegen sie aufgestachelt sind und - mit Waffen und Sprengstoff gut ausgestattet - nicht nur Rache an den afghanischen Soldaten suchen. Auch die Bundeswehr, die die Afghanen mit 300 Mann und angeforderten Kampfjets der Isaf bei der Operation "Adler" unterstützte, könnte schnell wieder ins Visier geraten.
Wie als Beweis für diese These schlugen am Donnerstag zwei Raketen nahe des deutschen Lagers ein. Für die kommenden Tage und Wochen stellt sich die Bundeswehr schon auf neue Attacken ein - möglicherweise gezielter und besser organisiert als zuvor.
Trotzdem wollen weder die Deutschen noch die Afghanen den Taliban vollends das Feld überlassen. Bis zur Wahl komme es im Raum Kunduz darauf an, "wer mehr Flagge zeigen kann", sagen deutsche Offiziere: die afghanische Armee oder die Taliban.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Afghanistan-Krieg | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH