Nordafghanistan Gewalt im Bundeswehr-Gebiet nimmt drastisch zu

Sechs tote Entwicklungshelfer, drei Anschläge auf die Bundeswehr innerhalb von vier Wochen: Eine "beunruhigende Entwicklung" attestiert der Generalinspekteur der Bundeswehr für Nordafghanistan. Der einst sicher geglaubte Einsatzstandort entwickelt sich zum Pulverfass.

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Berlin - Es war ein rabenschwarzer Mittwoch für die Bundeswehr in Afghanistan. Zuerst drängte sich gegen 18.35 Uhr ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug zwischen einen gepanzerten Wolf und einen Mungo nahe Kunduz, dann zündete der Fahrer die Bombe. Nur durch Glück passierte in Esakhail an diesem Abend nichts Schlimmes, bis auf den Schrecken kamen die Deutschen unverletzt davon. Dass die Ortschaft gefährlich war, wusste die Bundeswehr - erst Ende März war dort bereits eine Sprengfalle nahe einem Konvoi hochgegangen.

Bundeswehrsoldat bei Kabul: Der Einsatz wird täglich gefährlicher
AP

Bundeswehrsoldat bei Kabul: Der Einsatz wird täglich gefährlicher

Nur zwei Stunden gab es schon den nächsten Alarm. Ein Spähtrupp war mit zwei Fennek-Fahrzeugen gegen 20 Uhr gerade aus dem Lager in Kunduz raus, als die Deutschen mit Maschinengewehren und Panzerfäusten beschossen wurden. Die Soldaten reagierten auf den Beschuss, der ein Tarnnetz an einem Wagen in Brand setzte, mit eigenem Feuer aus der Bordkanone. Der Spähtrupp kehrte umgehend ins Lager zurück, deutsche Soldaten wurden bei dem Vorfall nicht verletzt.

"Wieder einmal", so ein Offizier in Deutschland, habe man gewaltig Glück gehabt.

Die Vorfälle illustrieren, wie sehr sich die Sicherheitslage in Nordafghanistan in den letzten Wochen seit dem Ende des Winters verschlechtert hat. Abseits der offiziellen Sprechweise, die Region sei "nicht ruhig und nicht stabil", beschrieb vor dem vertraulich tagenden Verteidigungsausschuss des Bundestags der Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, jetzt die Realität. Dabei sparte er nicht mit Warnungen vor einem heißen Sommer.

Wörtlich sprach Schneiderhan vor den Verteidigungsexperten der Fraktion aufgrund der drei Angriffe auf die Bundeswehr von einer "beunruhigenden Entwicklung" im Einsatzgebiet der Bundeswehr. Die Soldaten der Truppe seien im Norden aufgrund der Zunahme der Gewalt vor "neue Herausforderungen" gestellt, so Schneiderhan.

Es sind nicht nur die direkten Angriffe auf die Deutschen, die innerhalb der Bundeswehrführung zu großer Sorge führen. Detailliert erwähnte Schneiderhan auch die Attacken auf zivile Wiederaufbauhelfer. In den letzten vier Wochen, so der General, seien bei drei gezielten Angriffen sieben Helfer getötet worden.

Auch wenn sich solche Aktionen nicht gegen die deutschen Soldaten richteten, gefährden sie den Erfolg der Mission am Hindukusch - schließlich ist der Schutz der Wiederaufbauhilfe eines der konkreten Ziele des deutschen Engagements.

Details zeugen von der ruchlosen Gewalt der Täter: Zuerst hatten Unbekannte am 17. März den afghanischen Mitarbeiter einer holländischen NGO in seinem Wagen in der Provinz Balgh nördlich von Masar-i-Sharif erschossen. Sechs Tage später zerrten Bewaffnete vier Afghanen aus LKWs eines Konvois und erschossen sie kaltblütig. Einen Tag danach wurde in der Provinz Kunduz, für die die Bundeswehr verantwortlich ist, eine Organisation für die Minenräumung überfallen, zwei afghanische Helfer wurden hier getötet.

Die Bundeswehr ist mittlerweile aufgrund der sich verschärfenden Lage zunehmend nervös. Regelrecht gereizt reagierten Offiziere, als kürzlich in einer Fachzeitung für Verteidigungsfragen ein Luftbild des deutschen Lagers in Masar-i-Sharif gezeigt wurde, auf dem auch Details wie Wohnunterkünfte oder Tanklager sichtbar waren.

So mancher empfand die Vogelperspektive geradezu als Einladung zum Beschuss des Lagers durch die Taliban oder andere Feinde - schließlich könnten die ja mittlerweile auch lesen.



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