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Nordafghanistan: Steinigungsvideo demonstriert Macht der Taliban

Von und Shoib Najafizada

Grausige Bilder aus dem Einsatzgebiet der Bundeswehr erschüttern Afghanistan. Ein Handyvideo zeigt erstmals seit dem Sturz der Taliban eine öffentliche Steinigung. Die Aufnahme belegt, wie mächtig die Radikalen wieder sind - und wie hilflos Behörden und Nato-Truppen.

LiveLeak

Berlin/Kabul - Acht Minuten lang ist das Video, aufgenommen mit einem Fotohandy. Doch selbst der als robust bekannte US-Fernsehsender ABC strahlte nur wenige Sequenzen aus. Zu brutal sind die Bilder aus Nordafghanistan, genauer gesagt aus Kunduz. Sie zeigen den Tod von Abdul Qayom und der Liebe seines Lebens, der 20-jährigen Sedeqa. Das Liebespaar starb am 16. August 2010 am helllichten Tag und vor Hunderten Zeugen - die zugleich Täter waren. Aufgehetzt von den Taliban steinigten sie die beiden Dorfbewohner. Sedeqa wurde, weil sie trotz der Steinigung nicht tot war, nach dem grausigen Ritual erschossen.

Das Video zeigt die Steinigung in allen Details. Bewaffnete Kämpfer schleifen die junge Sedeqa, eingehüllt in eine Burka, durch die staubige Steppe, graben sie bis zur Hüfte in einem Erdloch ein. Dann predigt ein Mullah vor mehreren hundert Schaulustigen und Bewohnern von Mullah Qolie, einem kleinen Dorf im Distrikt Dash-i-Archi in der Provinz Kunduz, hetzt sie auf und trägt die angeblichen Sünden der beiden vor, die angeblich gegen den Koran verstießen. "Gott ist groß", schreit die Menschenmenge. Dann fliegen die ersten Steine, treffen Sedeqa am Kopf. Blut sickert durch die blaue Burka, die Menschen kreischen wie bei einem Fußballspiel.

Es ist vor allem die Macht der Bilder, die schockiert. Denn die Aufnahme ist die erste, die eine Steinigung durch die Taliban nach dem Sturz des Regimes im Jahr 2001 zeigt. Und obwohl die Tat schon im August, auch durch einen SPIEGEL-ONLINE-Bericht, bekannt geworden war, sind Menschenrechtler und afghanische Behörden entsetzt. Plötzlich, während Politiker im Westen über den Abzug aus Afghanistan reden, steht das Video als Beweis da. Als Beleg dafür, wie mächtig die Taliban wirklich sind in Afghanistan - und wie hilflos sowohl die Behörden als auch die internationalen Truppen gegen die Radikalislamisten aussehen.

Die Macht der Taliban überfordert die afghanische Polizei

Die grausamen Bilder wurden an dem Augusttag nur rund eine Autostunde entfernt vom deutschen Feldlager in Kunduz aufgenommen. Von wem, ist unklar. Dort, nordöstlich des Camps, hat die Bundeswehr einen schweren Stand, gerät immer wieder unter Beschuss und ist nicht dauerhaft präsent. Die afghanische Polizei ist ebenso überfordert, auch sie kommt gegen die Taliban nicht an. Und so erscheinen die schockierenden Bilder wie eine Zeitreise zurück in die Tage, als die Taliban auch offiziell an der Macht waren am Hindukusch. Vielmehr aber sind sie ein erschreckender Beleg, wie wenig die internationale Gemeinschaft am Hindukusch erreicht hat.

Die Tat war von den Taliban als Exempel gedacht, als abschreckendes Beispiel für alle Afghanen. Keine Stunde nach dem Tod des Liebespaars meldete sich ein Taliban-Kommandeur per Telefon bei SPIEGEL ONLINE. Die Stimme sonor und ruhig, als spräche der Mann über einen nüchternen Verwaltungsvorgang. "Wir haben der Bevölkerung eine Lehre erteilt", sagte der Mann, "nun wissen sie, was passiert, wenn man gegen die Regeln des Koran verstößt."

Die Taliban haben in Afghanistan das Sagen. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert, obwohl die Amerikaner so offensiv gegen sie vorgehen wie nie zuvor.

Für die Taliban waren die beiden jungen Menschen Sünder. Der verheiratete Mann und die junge Frau sollen sich geliebt haben, die junge Frau war von zu Hause und vor einer arrangierten Ehe geflohen. Anwohner berichteten später, die Taliban hätten das junge Paar seit Tagen gesucht - wegen ihrer "unsittlichen Beziehung". Obwohl die beiden mehrmals das Versteck gewechselt hatten, wurden sie schließlich entdeckt. Es war ihr Todesurteil. "Das Paar wurde eine Stunde lang gesteinigt", berichtete der Polizeichef später. Zwar kenne er mehrere Kämpfer aus der Taliban-Gruppe, doch ausrichten könne er nichts gegen sie.

Die Polizei scheut eine entschlossene Jagd auf die Täter

Die Veröffentlichung des Videos schreckt in Afghanistan und im Westen viele auf. Alarmiert durch den Befund, Kabul habe die Kontrolle über den einst ruhigen Norden komplett verloren, meldete sich der Polizeichef für Nordafghanistan zu Wort. "Mit den Bildern aus dem Video werden wir die Täter nun jagen und zur Rechenschaft ziehen", behauptet General Daud Daud, früher einmal Warlord und später Militärkommandeur der afghanischen Truppen in Kunduz. Mittlerweile habe man mehr Soldaten und Polizisten, so könne man den Fall endlich aufklären, verspricht er.

Die Worte Dauds sollen entschlossen klingen, doch eine Jagd auf die Täter wird es wohl nicht geben. Zwar operieren die Afghanen in der Region immer enger mit den US-Truppen zusammen, erzielten auch einige Erfolge, töteten einige Taliban-Kommandeure. Echte Kontrolle über die Region aber haben sie noch lange nicht, zumal aus anderen Gebieten vertriebene Kämpfer dort Zuflucht gesucht haben und die Machtbasis der Aufständischen verstärken. Der Polizeichef der gesamten Region jedenfalls rechnet nicht mit einer entschlossenen Jagd. Viel zu gefährlich sei eine solche Operation.

Das Video hingegen wird weit über das Dorf hinaus wirken, in dem sich die Tat abspielte. Das "Exempel", das die Taliban statuieren wollten, erreicht so sehr viele Afghanen. Gerade in jenen Gebieten, in denen die Schutztruppe Isaf nicht regelmäßig patrouilliert, werden sich die Menschen wohl nach dem Terrorregime der Taliban richten. Denn sterben wie jenes Liebespaar in Mullah Qolie - das möchte niemand.

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1. .
frubi 28.01.2011
Zitat von sysopGrausige Bilder aus dem Einsatzgebiet der Bundeswehr erschüttern Afghanistan. Ein Handyvideo zeigt erstmals seit dem Sturz der Taliban eine öffentliche Steinigung. Die Aufnahme belegt, wie mächtig die Radikalen wieder sind - und wie hilflos Behörden und Nato-Truppen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,742110,00.html
Steinigungen sind natürlich eine abartige Praxis. Was mich aber verwundert, dass das Video genau an dem Tag in Deutschland öffentlich gemacht wird, an dem im Bundestag das Mandat verlängert wurde. Diese medialen Spielchen upps. "Zufälle" sind mir schon häufiger aufgefallen. Will man damit versuchen, die Wähler umzustimmen?
2.
El Ackabar, 28.01.2011
Zitat von sysopGrausige Bilder aus dem Einsatzgebiet der Bundeswehr erschüttern Afghanistan. Ein Handyvideo zeigt erstmals seit dem Sturz der Taliban eine öffentliche Steinigung. Die Aufnahme belegt, wie mächtig die Radikalen wieder sind - und wie hilflos Behörden und Nato-Truppen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,742110,00.html
Anscheinend hat Jakob Augstein das gemeint, als er sagte: "Der Westen hat in Afghanistan die Hölle losgelassen." http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,741810,00.html Andererseits gehört sowas ja zur afghanischen Folklore. Eine liebenswerte Eigenart der Region, über die wir arrogante, eurozentrische Westler uns als Ausdruck kultureller Vielfalt freuen sollten!
3. Ganz einfach
Bre-Men, 28.01.2011
Um die freie Welt zu retten.
4. Ja genau
Berta, 28.01.2011
Zitat von frubiSteinigungen sind natürlich eine abartige Praxis. Was mich aber verwundert, dass das Video genau an dem Tag in Deutschland öffentlich gemacht wird, an dem im Bundestag das Mandat verlängert wurde. Diese medialen Spielchen upps. "Zufälle" sind mir schon häufiger aufgefallen. Will man damit versuchen, die Wähler umzustimmen?
den Eindruck habe ich auch.
5. So ist es
lars s. 28.01.2011
Zitat von frubiSteinigungen sind natürlich eine abartige Praxis. Was mich aber verwundert, dass das Video genau an dem Tag in Deutschland öffentlich gemacht wird, an dem im Bundestag das Mandat verlängert wurde. Diese medialen Spielchen upps. "Zufälle" sind mir schon häufiger aufgefallen. Will man damit versuchen, die Wähler umzustimmen?
Wir leben in einer Diktatur der Medien.
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