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Nordafghanistan: Zehn Tote bei Krawallen vor Bundeswehr-Camp

Von , Shoib Najafizada und

Im Einsatzgebiet der Bundeswehr in Afghanistan hat es einen tödlichen Zwischenfall gegeben. Bei einer Kundgebung vor einem Lager der Deutschen kamen mindestens zehn Menschen ums Leben. Afghanische Polizisten, aber auch deutsche Soldaten sollen auf gewalttätige Demonstranten geschossen haben.

Berlin/Kabul/Islamabad - Bei einer gewaltsamen Protestdemonstration gegen eine tödliche Operation von internationalen Truppen in Nordafghanistan sind vor einem kleinen deutschen Lager am Mittwoch mehrere Afghanen getötet worden. Augenzeugen berichteten, dass sowohl afghanische Polizisten als auch Bundeswehrsoldaten auf wütende und teils gewalttätige Demonstranten geschossen hätten. Diese hätten aus dem Protestzug heraus das Camp mit Handgranten und Brandbomben angegriffen.

Die lokalen Behörden sprachen von zehn Toten und rund 50 Verletzten. Ein Sprecher der Bundeswehr berichtete in Berlin später von mindestens vier Toten, zwei verletzten Bundeswehrsoldaten und vier verwundeten afghanischen Wachen. Die deutschen und afghanischen Soldaten hätten zur Abwehr von Angriffen gefeuert, sagte der Sprecher. Ob Bundeswehrsoldaten jedoch für den Tod von Demonstranten verantwortlich seien, würde noch ermittelt.

Am frühen Morgen hatte sich in Talokan eine Demonstration gegen eine Operation der US-Armee in der Nähe von Talokan gebildet. Anschließend zog der Trauermarsch mit den Leichen der getöteten Menschen in Richtung des deutschen Lagers. Dort sind rund 40 Bundeswehrsoldaten stationiert.

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Afghanistan: Tödlicher Zwischenfall in Talokan
Aus dem Protestzug, so die Darstellung in Bundeswehrkreisen, sei das Lager dann mit Handwaffen und Handgranaten angegriffen worden. Daraufhin hätten die Wachen des Lagers zurückgeschossen. Die Bundeswehr unterhält in Talokan nur ein kleines Camp - ein regionales Beratungsteam (Provincial Advisory Team/PAT) - mit rund 40 Soldaten.

Aus dem Feldlager in Kunduz erfuhr SPIEGEL ONLINE, dass deutsche Kräfte nicht direkt auf Demonstranten gefeuert haben sollen. Die Bundeswehr versucht derzeit vor Ort mit Hochdruck, die Details des Angriffs und Hintergründe zur Reaktion aus dem Camp und zu den Opfern zu klären, hieß es. Führende Offiziere in Afghanistan sprachen von einem "dramatischen Vorgang" und einer "neuen Qualität der Gewalt".

"Nicht direkt auf die Demonstranten gezielt"

Der Gouverneur von Talokan sagte SPIEGEL ONLINE, die Demonstration habe sich aus einem Trauerzug für die in der Nacht zuvor getöteten Personen aus Tachar entwickelt. Dort hatten amerikanische und afghanische Soldaten bei einer Kommandoaktion vier Personen, darunter zwei Frauen, getötet.

Zunächst habe eine trauernde Menge die Leichen der vier Menschen durch die Stadt getragen, berichtete der Gouverneur. "Unglücklicherweise mischten sich Aufständische unter die Demonstranten und stachelten die Menge auf, in Richtung des deutschen Camps zu marschieren",sagte Abdul Jabar Taqwa.

Der Gouverneur betonte, dass auch er davon ausgehe, dass bei der vorhergegangenen Operation von US-Truppen in Tachar Zivilisten getötet worden seien. Die Einheiten hätten ohne Absprache mit den lokalen Behörden agiert.

Nach den Attacken auf das deutsche Camp feuerten deutsche Soldaten in die Luft, so die Darstellung des Gouverneurs. "Die Deutschen haben nicht direkt auf die Demonstranten gezielt", sagte Taqwa, "trotzdem könnten die Kugeln Menschen getötet und verletzt haben".

Die Bundeswehr unterrichtete den Bundestag über den schweren Vorfall: Es sei am Morgen gegen 8 Uhr deutscher Zeit zu einer ersten Demonstration vor dem Camp gekommen, die sich gegen einen Einsatz der Schutztruppe Isaf mit vier Toten in der Provinz Tachar richtete. Zunächst hätten afghanische Polizisten den Zug von rund 100 Personen mit Warnschüssen auseinandertreiben können, doch die Menschenmenge sei rund zwei Stunden später zurück zum Camp gezogen. In andere Berichten war von 1000 oder gar mehreren tausend Teilnehmern die Rede.

Über die tödlichen Schüsse berichtete die Bundeswehr zunächst nichts. In der eine Seite langen Mitteilung des Befehlshabers der deutschen Truppen hieß es, aus dem Demonstrationszug seien Handgranaten und Molotowcocktails in Richtung des Camps geschleudert worden. Dabei wurden laut der Bundeswehr zwei deutsche Soldaten sowie vier weitere Personen verletzt. Der Zustand der deutschen Soldaten ist mittlerweile stabil. Zum Schutz des Camps seien daraufhin Unterstützungskräfte aus dem größeren Lager in Kunduz angefordert worden.

Protest gegen tödlichen US-Einsatz

Einsätze der Isaf, vor allem der Spezialeinheiten der US-Armee, sorgen immer wieder für gewalttätige Demonstrationen. Im aktuellen Fall hatten die US-Einheiten vier Personen getötet, die sie als Aufständische identifiziert hatten. In der Region allerdings, so jedenfalls Teilnehmer der Demonstration, galten die Getöteten als Zivilisten, die keine Verbindung zu den Taliban unterhielten.

Nach Isaf-Angaben hatte eine gemischte Einheit aus afghanischen und internationalen Soldaten in Tachar vier Aufständische getötet, darunter zwei bewaffnete Frauen. Die Kommandoaktion richtete sich demnach gegen die Terror-Gruppe Islamische Bewegung Usbekistans, die als einer der gefährlichsten in der Region gilt und Kontakte zu al-Qaida unterhalten soll.

Bei der Operation sollte ein wichtiges Mitglied der Gruppe festgesetzt werden, deswegen umstellten die Soldaten ein Gehöft. Kurz darauf, so die Isaf-Darstellung, habe eine Frau die Soldaten mit einer AK-47 angegriffen, später seien weitere Bewaffnete aus dem Gebäude gelaufen und erschossen worden. Ob das gesuchte Mitglied der Terrorgruppe unter den Toten war, bleibt in der Mitteilung der Isaf offen. Allerdings sei alles getan worden, um Zivilisten bei der Operation zu schützen.

Erst vor einigen Wochen hatte ein wütender Mob die Uno-Zentrale in Masar-i-Scharif gestürmt und mehrere Uno-Mitarbeiter getötet. Damals hatten die Wachleute der Uno weder Warnschüsse abgegeben noch versucht, die aufgebrachte Menge mit Waffengewalt vom Eindringen in das gesicherte Gelände abzuhalten.

Proteste auch in Pakistan

Auch im benachbarten Pakistan kam es am Mittwoch landesweit zu Protesten gegen die USA. Nato-Hubschrauber hatten am Dienstag, aus Afghanistan kommend, einen Kontrollposten im pakistanischen Nord-Waziristan beschossen und dabei zwei pakistanische Soldaten verletzt. Presseberichten zufolge drangen zwei Helikopter illegal in pakistanischen Luftraum ein, woraufhin die Sicherheitskräfte am Boden das Feuer eröffneten. In anderen Berichten hieß es, zunächst hätten die Nato-Hubschrauber auf den Posten geschossen, die Pakistaner hätten lediglich das Feuer erwidert.

Die Regierung in Islamabad ist ohnehin verärgert über Washington, da die USA beim Schlag gegen Osama Bin Laden am 2. Mai mit vier Hubschraubern in pakistanisches Hoheitsgebiet eingedrungen waren, ohne die pakistanische Regierung um Erlaubnis zu bitten oder sie im Vorfeld über den geplanten Einsatz zu informieren.

Die Armee verlangt jetzt ein Treffen mit den Verantwortlichen von Nato und USA, um über die Luftraumverletzungen zu sprechen. Die USA werfen Pakistan vor, Rückzugsgebiet für Extremisten zu sein. Die pakistanische Armee kämpfe nicht energisch genug gegen Terroristen. Nord-Waziristan, wo sich der Vorfall ereignete, gilt als Hochburg des radikalen Haqqani-Netzwerks, das Kämpfer nach Afghanistan entsendet, um Nato-Truppen zu bekämpfen.

Pakistans Premierminister Yousuf Raza Gilani betonte bei einem Staatsbesuch in China, Pakistan sei "stolz, China als besten und vertrauenswürdigsten Freund" zu haben. Beobachter in Islamabad und Washington deuteten diese Aussage als Geste, man werde sich China zuwenden, sollten die USA Pakistan als Partner fallen lassen.

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1. Und...
amw52, 18.05.2011
Zitat von sysopSchwerer Zwischenfall im Einsatzgebiet der Bundeswehr in Afghanistan: Bei einer*Protestkundgebung vor einem Lager der deutschen Soldaten kamen mindestens zehn Menschen ums Leben. Afghanische Polizisten, aber auch deutsche Soldaten sollen auf gewalttätige Demonstranten geschossen haben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,763296,00.html
... haben deutsche Staatsanwälte schon die Ermittlungen gegen die deutschen Soldaten aufgenommen? Am besten vor Ort gleich auf Schmauchspuren hin untersuchen.
2. ohne Titel
turo 18.05.2011
Zitat von sysopSchwerer Zwischenfall im Einsatzgebiet der Bundeswehr in Afghanistan: Bei einer*Protestkundgebung vor einem Lager der deutschen Soldaten kamen mindestens zehn Menschen ums Leben. Afghanische Polizisten, aber auch deutsche Soldaten sollen auf gewalttätige Demonstranten geschossen haben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,763296,00.html
Wieder ein Beweis dafür, wie auch Spon den Leser beiflusst. Im Bericht heißt es, dass ein Teil der Zivilisten mit Handfeuerwaffen usw bewaffnet waren. Das sinds dann keine "gewaltätigen Demonstranten " sondern Aufständische (Talibanangehörige oder Symphatisanten.
3. Nachrichtensperre!
zauberer1, 18.05.2011
Zitat von sysopSchwerer Zwischenfall im Einsatzgebiet der Bundeswehr in Afghanistan: Bei einer*Protestkundgebung vor einem Lager der deutschen Soldaten kamen mindestens zehn Menschen ums Leben. Afghanische Polizisten, aber auch deutsche Soldaten sollen auf gewalttätige Demonstranten geschossen haben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,763296,00.html
Es darf nicht publik werden das auch deutsche Soldaten auf Demonstranten geschossen haben. Das waren nur die afghanischen Polizisten, welch ein Hohn. Unsere Soldaten hatten richtig Angst(berechtigt?) und haben auch geschossen
4. ...
georges_danton 18.05.2011
ich habe den Eindruck, dass "unsere Jungs" fuer kuenftige Einsaetze im Inneren bestens vorbereitet aus Afghanistan zurueckkehren werden.
5. ;)
berpoc 18.05.2011
Ich würde sagen das Ende vom Ende. Es beginnt einzutreten, was jeder Lagekenner seit Jahren predigt, allen voran Peter Scholl-Latour. Wir sollten da endlich weggehen oder das Konzept ändern. Ich wage die Behauptung, daß nur 10% der Mittel, die in Krieg gesteckt wurden, auf andere Art und Weise investiert für alle Beteiligten förderlicher gewesen wären.
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Karzai und Afghanistan
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Hamid Karzai
AFP
Hamid Karzai ist der derzeit amtierende Präsident Afghanistans. Nach der ersten Phase des Afghanistan-Kriegs hatten ihn die USA und die Uno auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 als Regierungschef einer afghanischen Interimsregierung durchgesetzt. Die Loya Jirga wählte Karzai 2002 zum Präsidenten einer Übergangsregierung, und nach Verabschiedung einer neuen Verfassung bestimmten ihn die Afghanen 2005 in direkter Wahl zu ihrem Präsidenten. Durch den Einfluss der Warlords blieb Karzais Macht jedoch beschränkt. Zuletzt verlor er auch die Unterstützung der USA.

Hamid Karzai wurde 1957 in Kandahar geboren. Er gehört dem mächtigen Paschtunen-Stamm der Popalzai an, der mehrere afghanische Könige hervorbrachte. Karzai studierte in Indien und hielt sich immer wieder in den USA auf. Zusammen mit den Mudschahidin kämpfte er in den achtziger Jahren gegen die sowjetische Besetzung Afghanistans . Aus dem Exil in Pakistan unterstützte Karzai die Taliban zunächst, wandte sich dann aber gegen das Regime, dem auch die Ermordung seines Vaters zugeschrieben wird. Nach Beginn der amerikanischen Militäraktion in Afghanistan kehrte Karazi 2001 in seine Heimat zurück und stellte sich an die Spitze der Anti-Taliban-Bewegung in der Region Kandahar.

Präsidentschaftswahlen
dpa
Am 30. August 2009 wählten die Afghanen ihren neuen Präsidenten. Doch es kam zu massiven Fälschungen, insbesondere zugunsten Karzais. Die Auszählungsergebnisse in 210 Wahllokalen wurden anschließend für ungültig erklärt. Karzai, der sich zuvor als Sieger gesehen hatte, verfehlte nach dem um manipulierte Stimmen bereinigten Endergebnis die absolute Mehrheit: Er erreichte nur 49,67 Prozent der Stimmen.

Eine Stichwahl zwischen Karzai und Ex-Außenminister Abdullah Abdullah sollte die Entscheidung bringen. Doch der Herausforderer zog seine Kandidatur zurück mit der Begründung, es könne wie im ersten Durchgang erneut zu Unregelmäßigkeiten kommen. Die afghanische Wahlkommission rief Karzai daraufhin erneut zum Präsidenten aus.

Isaf-Einsatz
DDP
Nach Beginn des Afghanistan-Kriegs 2001 und dem Sturz der radikal-islamischen Taliban beschloss der Uno-Sicherheitsrat , eine internationale Schutztruppe im Land ( Isaf ) einzusetzen. Sie soll den Wiederaufbau Afghanistans zu einer Demokratie absichern, auch indem sie zivile Wiederaufbauteams (PRTs) schützt, von denen derzeit 26 tätig sind.

Der Einsatz war zunächst auf die Hauptstadt Kabul und deren Umgebung beschränkt und wurde bis 2006 auf das ganze Land ausgeweitet. Seit 2003 führt die Nato die Isaf. Derzeit gehören ihr mehr als 119.000 Soldaten aus 46 Nationen an, darunter auch aus Nicht-Nato-Staaten wie Australien und Neuseeland.
Deutschland übernahm 2006 das Isaf-Kommando für den Norden Afghanistans. 2007 bestellte die Bundeswehr sechs Aufklärungsflugzeuge vom Typ Tornado ab, die Luftbilder aus ganz Afghanistan für Isaf liefern. Die Bundesrepublik stellt derzeit mit mehr als 4000 Soldaten die drittgrößte Truppe nach den USA und Großbritannien.

Probleme in Afghanistan
AFP
Da die Taliban inzwischen wieder an Stärke gewonnen haben, nehmen die militärischen Auseinandersetzungen zu. Besonders hart umkämpft ist der Osten des Landes, wo die meisten US-Soldaten stationiert sind. Die schwer kontrollierbaren Stammesgebiete Pakistans gelten als Rückzugsgebiet und Nachschubbasis der Taliban.

Die Stabilisierung Afghanistans wird durch Korruption, die bis in höchste Regierungskreise verbreitet ist, sowie durch Drogenproduktion und -schmuggel erschwert.

Opium-Wirtschaft
REUTERS
Obgleich die afghanische Übergangsregierung unter Karzai im Januar 2002 den Schlafmohnanbau verboten hat, ist der Drogenanbau rasch wieder zum dominierenden Wirtschaftszweig Afghanistans geworden. Das Land ist der weltweit größte Produzent von Rohopium .

Mit Einnahmen aus dem Drogenschmuggel finanzieren die Taliban ihren Kampf gegen Karzais Regierung und die ausländischen Truppen. Die Bekämpfung ist problematisch, weil viele Menschen von dem Handel leben. Isaf -Soldaten sind inzwischen befugt, gegen Drogenhändler vorzugehen und Laboratorien zu zerstören, in denen Schlafmohn zu Opium verarbeitet wird.

Afghanistan-Krieg
REUTERS
Der Afghanistan-Krieg der USA und ihrer Verbündeten war die erste große militärische Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 . Er richtete sich sowohl gegen das Terrornetzwerk al-Qaida , das für die Anschläge verantwortlich gemacht wird, als auch gegen das seit Mitte der neunziger Jahre in Afghanistan herrschende islamisch-fundamentalistische Taliban -Regime.

Die Taliban wurden bezichtigt, Osama Bin Laden und andere hochrangige Mitglieder von al-Qaida zu unterstützen und zu beherbergen.

Die erste Kriegsphase endete mit dem Fall der Hauptstadt Kabul und der Provinzhauptstädte Kandahar und Kunduz im November und Dezember 2001. Auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 wurde eine Interimsregierung unter Präsident Hamid Karzai eingesetzt und die Einberufung einer verfassunggebenden Loya Jirga beschlossen. Gleichzeitig erteilte der Uno-Sicherheitsrat den Nato-Staaten und mehreren Partnerländern das Isaf -Mandat zur Unterstützung des Wiederaufbaus.



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