Nordböhmen Roma-Hatz an deutscher Grenze

Selbst eine Spezialeinheit der tschechischen Polizei kann nicht für Ruhe sorgen: Seit Wochen kommt es in Nordböhmen zu Krawallen zwischen der alteingesessenen Bevölkerung und Roma. Rechtsextreme heizen die Stimmung an der Grenze zu Deutschland zusätzlich an.

AFP

Von Frank Brunner, Nový Bor


Nein, als Rassist möchte Jindich Nestler nicht bezeichnet werden. "Die guten Zigeuner können bleiben, aber die meisten sind faul, kriminell und sogar Terroristen. Die müssen von hier verschwinden", sagt der 36 Jahre alte Funktionär der rechtsextremen tschechischen "Arbeiterpartei der sozialen Gerechtigkeit" (DSSS). Nestlers DSSS ist die Nachfolgetruppe der vor anderthalb Jahren vom obersten tschechischen Verwaltungsgericht verbotenen Neonazi-Partei Dlnická Strana (DS, Arbeiterpartei). Das Gericht hatte das Verbot seinerzeit auch damit begründet, dass die DS Kundgebungen organisierte, die zu pogromähnlichen Unruhen gegen Roma führten.

Doch seit einigen Wochen sind die Rechtsextremisten nun wieder in der Offensive. Erneut geht es um die Roma-Minderheit im Land. Im Schluckenauer Zipfel, einem böhmischen Landstrich, der zwischen Elbsandsteingebirge und Lausitzer Gebirge nach Sachsen ragt, tobt eine erbitterte Auseinandersetzung zwischen der alteingesessenen tschechischen Bevölkerung und einigen hundert zugezogenen Roma. Mittlerweile hat Innenminister Jan Kubice eine 250 Mann starke Sondereinheit der Polizei in die Gegend verlegt, um weitere Unruhen zu verhindern. Die Situation in der Region sei außer Kontrolle geraten, musste der Minister zugeben.

Doch bislang wirkt die massive Polizeipräsenz wenig abschreckend. Einer der Brennpunkte ist Nový Bor. Etwa 300 Neonazis - meist junge Männer mit Glatzen und schwarzen Kapuzenjacken - marschierten allein am vergangenen Samstag durch die Kleinstadt etwa 50 Kilometer hinter der deutschen Grenze. Die Rechtsextremisten skandierten "Roma raus" und "Frei, sozial und national"- eine Parole, die auch bei NPD-Demonstrationen in Deutschland gegrölt wird. "Wir sind die Stimme des Volkes", behauptet DSSS-Politiker Nestler. Tatsächlich stehen einige hundert Einwohner am Straßenrand und applaudieren den Neonazis.

Insgesamt 600 Polizisten, viele von ihnen mit Sturmhauben und Helmen vermummt, versuchen die Situation unter Kontrolle zu halten. An den Straßensperren auf den Zufahrtsrouten nach Nový Bor sind auch deutsche Polizisten im Einsatz. "Wir leisten hier Amtshilfe", erklärt eine Beamtin aus Sachsen. Am Ende des Tages wird es ein paar Kilometer weiter trotzdem wieder zu schweren Krawallen kommen - ein Phänomen, das zum Beispiel auch aus Ungarn bestens bekannt ist, dort kommt es seit Jahren immer wieder zu massiven blutigen Ausschreitungen gegen Roma.

Der Konflikt begann vor einigen Monaten: Nachdem immer mehr Roma-Familien in den Schluckenauer Zipfel zogen, registrierte die Polizei einen rasanten Anstieg der Kriminalität. Vor allem die Diebstähle nahmen seitdem zu. Anfang August überfielen dann einige Roma-Jugendliche mit Macheten bewaffnet eine Bar in Nový Bor, in der es zuvor zu Streit zwischen Roma und anderen Gästen gekommen war. "Ihr weißen Schweine", sollen die jungen Männer dabei gerufen haben. Drei Besucher wurden verletzt.

Der rechtsextremen DSSS sind die Ängste der Bevölkerung willkommen. Parteichef Tomáš Vandas heizt die Stimmung weiter an: Er erklärt Nový Bor zum Ort, wo der "Kampf für die Zukunft" stattfindet.

Vertreter der ethnischen Minderheit beklagen dagegen, dass sie schon immer einer Diskriminierung ausgesetzt sind, ohne dass dies in der tschechischen Gesellschaft wahrgenommen würde. So warfen Neonazis vor zwei Jahren Molotow-Cocktails auf das Haus einer Roma-Familie im osttschechischen Ostrava. Bei dem Anschlag erlitt ein zweijähriges Mädchen schwerste Verbrennungen.

Die Roma von Nový Bor sitzen vor einer völlig heruntergekommenen Baracke am Stadtrand. Mit Journalisten reden möchte hier keiner. "Bitte nicht fotografieren", sagt eine junge Frau. Eine Sozialarbeiterin, die ihren Namen nicht nennen will, zeigt dann doch das Haus. Die Lebensumstände darin sind katastrophal: Teilweise wohnen Familien mit zwei Kindern in einem winzigen Zimmer, in dem sie leben, essen und schlafen müssen. "Natürlich sind viele Roma kriminell", sagt die Sozialarbeiterin. Mit den Parolen der fremdenfeindlichen DSSS kann sie aber trotzdem nichts anfangen. "Man lockt die Menschen in diese Gegend und wundert sich dann über die sozialen Probleme."

"Eine faule Regierung hat uns das Roma-Problem eingebrockt"

Denn es ist es kein Zufall, dass immer mehr Roma ins strukturschwache Nordböhmen kommen. Rund 250.000 Angehörige der Volksgruppe leben unter den zehn Millionen Tschechen, viele von ihnen in einem der etwa 300 Roma-Armenviertel. Einige dieser Elendsquartiere befinden sich im Zentrum größerer Städte. Immobilienfirmen zahlen den Roma Abfindungen oder bieten ihnen einen Schuldenerlass, wenn sie die lukrativen Innenstadtlagen verlassen und in kleine grenznahe Gemeinden ziehen. Dort bringen die Unternehmen die Roma dann in leerstehenden Häusern unter und kassieren hohe Mieten oder gleich direkt das Wohngeld vom Staat.

Von Hauseigentümern, die sich gegenüber den Roma "ausbeuterisch" verhalten, spricht Martin Šimáek, Direktor der staatlichen Agentur für soziale Integration. So würden Immobilienspekulanten von den Bewohnern unverhältnismäßig hohe Mieten und überhöhte Nebenkosten für Wasser und Strom verlangen. "Das führt zu Unruhe und verursacht Schwierigkeiten im Zusammenleben der ganzen Stadt", sagte Šimáek im tschechischen Rundfunk.

Diese Ursachen für die Auseinandersetzungen leugnet nicht mal Jirí Moravec. Er ist Chef der DSSS in Varnsdorf, zwanzig Kilometer nördlich von Nový Bor, direkt an der deutschen Grenze. "Eine faule Regierung und clevere Immobilienfirmen haben uns das Roma-Problem eingebrockt", sagt er. Eine Lösung hat er auch schon parat. "Wir müssen das Gesetz in die eigenen Hände nehmen", fordert Moravec. Was er damit meint, will er nicht sagen.

Was er damit meinen könnte, ließ sich vergangenen Samstag beobachten: Dutzende Neonazis versuchten das ehemalige Hotel Sport zu stürmen, wo die Roma von Varnsdorf leben. Das Erdgeschoss des verfallenen Hauses ist zugemauert, schwerbewaffnete Polizisten sichern die umliegenden Straßen, den Hauseingang bewachen Beamte in Zivil. Die Extremisten schreckte das nicht ab. Sie warfen Steine und Böller auf die Beamten. Erst nach dem Einsatz von Wasserwerfern gelang es, die DSSS-Anhänger abzudrängen. Nach Polizeiangaben wurden 41 Personen festgenommen.

Wer ins Hotel Sport will, muss in den Hinterhof klettern. Dort sitzt Roman. Er ist 27 und arbeitslos wie die meisten hier. Ein Interview koste drei Euro, sagt Roman. Als der junge Mann das Geld bekommt, schickt er einen Freund in den nahegelegenen Supermarkt, um Essen einkaufen. "Ich bin Zigeuner, mir wird nie jemand einen Job geben", sagt er. Selbst Schwarzarbeit auf dem Bau werde lieber den Ukrainern angeboten als ihnen. Mit monatlich 2000 Kronen - das sind etwa 80 Euro - müssten er, seine Frau und die zwei Kinder auskommen.

Seine tschechischen Nachbarn will er nicht pauschal verurteilen. Etwa die Hälfte der Einwohner von Varnsdorf seien aber schon rassistisch. "Ich bin Zigeuner", sagt Roman zum Abschied, "wenn es mir irgendwann zuviel wird, ziehe ich einfach in ein anderes Land".

insgesamt 119 Beiträge
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Seite 1
franzdenker 14.09.2011
1. Normalität unserer Werte.
Zitat von sysopSelbst eine Spezialeinheit der tschechischen Polizei kann nicht für Ruhe sorgen: Seit Wochen kommt es in Nordböhmen*zu Krawallen*zwischen der alteingesessenen Bevölkerung und Roma.*Rechtsextreme heizen die Stimmung an der Grenze zu Deutschland zusätzlich an. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,786081,00.html
Im christlichen Europa hat es Tradition Minderheiten zunächst zu diskrimieren, und sie anschließend an den Rand der Gesellschaft zu drücken, um anschließend die mangelnde Integrationsbereitschaft zu kritisieren.
diamorphin 14.09.2011
2. Der Artikel ist stark einseitig....
Es wird hier bewusst versucht, die Kriminalität der Romas unter dem Deckmantel zu halten, ebensowie andere Probleme, etwa im sozialen Bereich. Extra wird die Aussage, die Roma hätten ein Problem mit Kriminalität in den eigenen Reihen, von einem bekennenden Neonazi zitiert. Dies soll schon im Vorhinein klar festlegen, das man diese Aussage nicht weiter beachten darf, obwohl sie wohl zu einem gewissen Teil auch die realen Probleme wiederspiegeln. Man muss aber wirklich sagen: Probleme mit den Romas gab es zu so gut wie jeder Zeit in sogut wie jedem Staat von Europa, auch hier in CH etwa wo ich herkomme. Soll heissen, die Romas sind mit Integration und Anpassung immer gescheitert, das bei den unterschiedlichsten Staatsformen und -systemen, in unterschiedlichen wirtschaftlichen Lagen und Verhältnissen usw. Und da darf wohl die Frage erlaubt sein - wenn ihre Integration überall scheitert, wie hoch ist dann der Anteil ihres eigenen Verschuldens, der sie in diese prekäre Lage gebracht hat?
law1964 14.09.2011
3. Roma integrieren
Nur eine Frage, was tun die Roma selbst um sich in die Gesellschaft zu integrieren und ihren Platz zu finden. Es gibt immer zwei Seiten.
leser_81 14.09.2011
4. Falsch
Zitat von franzdenkerIm christlichen Europa hat es Tradition Minderheiten zunächst zu diskrimieren, und sie anschließend an den Rand der Gesellschaft zu drücken, um anschließend die mangelnde Integrationsbereitschaft zu kritisieren.
Ich habe selbst schon sehr unschöne Erfahrungen mit den Roma machen müssen ! Diese Menschen drängen sich durch ihr Verhalten selbst an den Rand der Gesellschaft.
wolffm 14.09.2011
5. nein, nicht nur in Europa
Zitat von franzdenkerIm christlichen Europa hat es Tradition Minderheiten zunächst zu diskrimieren, und sie anschließend an den Rand der Gesellschaft zu drücken, um anschließend die mangelnde Integrationsbereitschaft zu kritisieren.
Dieser Altruismus hilft nicht, die bedauerliche Methode wird auch im Orient, Asien etc angewandt. Ursache und Wirkung sind hier komplex.
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