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Krise im Nordirak: Kurden flehen Deutschland um Hilfe an

Aus Arbil berichtet

Hilferuf: Jesiden an der irakisch-syrischen Grenze Zur Großansicht
REUTERS

Hilferuf: Jesiden an der irakisch-syrischen Grenze

Als erste Spitzenpolitikerin macht sich Claudia Roth im Nordirak ein Bild von der Lage. Wo sie auch hinkommt, muss sich die Grünen-Politikerin dramatische Hilferufe nach humanitärer Hilfe für die Flüchtlinge anhören - aber auch nach Waffen.

An den letzten Nachmittag in seiner Heimatstadt Mossul erinnert sich Saif Salem, es war der 17. Juli dieses Jahres. Die Bärtigen - so nennt der 22-Jährige die Kämpfer der Terror-Gruppe "Islamischer Staat" (IS) - fuhren mit Pick-ups und schwarzen Fahnen durch sein Viertel, die meisten mit Maschinengewehren und Panzerfäusten bewaffnet. Was die Männer wollten, war schnell klar. Aus einem Megafon krächzte, alle Christen sollten das Viertel sofort verlassen. In einigen Stunden würden sie wiederkommen, Haus für Haus kontrollieren und alle Christen auf der Stelle umbringen.

Saif lehnt am Dienstagmorgen an der Steinwand eines Gemeindehauses in Arbil, rund eine Autostunde von Mossul entfernt. Es ist erst zehn Uhr morgens, aber schon mehr als 40 Grad heiß. Hinter ihm kauert seine Familie, um ihn herum schreien Babys. Seine Mutter, sie hockt auf einem Plastikstuhl im Schatten, weint leise vor sich hin, als Saif von der Flucht erzählt. Von dem Checkpoint, an dem die martialischen IS-Kämpfer ihnen Geld und Pässe wegnahmen. Und von dem Moment, als sie der 65-Jährigen die goldenen Ohrringe brutal herausrissen. "Das sind Tiere", murmelt die Frau.

Ohne Personenschutz

Claudia Roth kann jetzt nicht mehr nur zuhören, instinktiv nimmt sie die alte Frau in den Arm, drückt sie. Die stellvertretende Bundestagspräsidentin ist am Morgen per Linienflugzeug direkt aus dem Urlaub in Arbil angekommen: Ohne Personenschutz und mit ihren alten Kontakten in Kurdistan will sie sich selber ein Bild der Lage im Nordirak verschaffen. Natürlich ist die Reise des grünen Urgesteins auch mit einer Nachricht verbunden. "Die Szenen hier", sagt sie im Innenhof der Kirche, "beweisen doch, dass wir statt der Diskussion um Waffenlieferungen erst mal eine humanitäre Offensive für die Flüchtlinge brauchen."

Bei den ebenfalls geflohenen Geistlichen aus Mossul kommt Roths These gut an, erstmal jedenfalls. Auch die Bischöfe in ihren weißen Hemden und den Kruzifixen um den Hals wünschen sich von dem Gast aus Deutschland rasche Hilfe für die Flüchtlinge. Mobile Toiletten, Medikamente oder eine hygienische Wasserversorgung, all das könne Deutschland doch schnell liefern. Als sie aber zum Thema Islamischer Staat kommen, den Kämpfern, die sich immer weiter ausbreiten, ist die Meinung klar. "Die IS kann nur durch Bomben, viele Bomben, aus der Luft besiegt werden", sagt Amil Nona, Bischof in Mossul.

"Können IS zurückschlagen, wenn ihr uns Waffen gebt"

Die verzweifelten Hilferufe nach humanitärer Hilfe, aber auch nach schnellen Waffenlieferungen für die Kurden-Kämpfer, sie ziehen sich durch den langen Tag des Besuchsprogramms von Roth in Arbil. Wie beim stellvertretenden Parlamentspräsidenten wird die Kurden-Freundin meist herzlich, aber auch hochoffiziell wie ein Staatsgast empfangen, von der man sich konkrete Zusagen erhofft. "Wir können die IS-Kämpfer zurückschlagen, wenn ihr uns Waffen gebt", sagt Yousif Muhammad. Seine Wünsche sind recht detailliert, demnach brauche man rasch weit reichende Raketenwerfer und panzerbrechende Waffen.

Der Innenminister der Region Kurdistan macht aus seiner Machtlosigkeit keinen Hehl. Immer wieder klingelt eins seiner beiden Telefone mit neuen Meldungen über die 10.000 oder mehr eingeschlossenen Jesiden im Sindschar-Gebirge unweit von Arbil. Der Minister nickt immer wieder, doch versprechen kann er den verzweifelten Helfern eigentlich gar nichts. "Bis gestern", sagt er leise, "hatten wir drei alte Helikopter, um die Schwächsten der Schwachen zu retten". Nach einem Unfall eines der russischen Ungetüme aber sei er nun auf zwei Helikopter angewiesen. Damit würde eine Rettung Jahre dauern.

Roth fordert humanitäre Hilfe - statt Waffen

Während der Gast aus Deutschland am Nachmittag mit weiteren Politikern aus der Region diskutiert, laufen im Nachbarzimmer die Fernsehnachrichten. Als erste Meldung wird groß berichtet, dass Frankreich schon bald, vielleicht noch am gleichen Tag, die erste Waffenlieferung an die Kurden zugesagt hat. Bei den Wachleuten sorgt das für Freude. "Wir brauchen schnelle Hilfe, wir können nicht warten", sagen sie. Wenig später wird bekannt, dass die USA möglicherweise doch eine konzertierte Rettungsaktion für die Jesiden in den Bergen planen, auch diese soll schnell anlaufen.

Claudia Roth jedoch lässt sich von dem ganzen Waffenrummel nicht aus der Ruhe bringen, sie versucht es jedenfalls. Am frühen Abend steht sie in der Altstadt von Arbil. Vor ihr hat sich ein deutsches Fernsehteam aufgebaut, zu gern würde der Reporter wenigstens eine Forderung nach einem humanitären Bundeswehr-Einsatz aus der Grünen-Politikerin heraus kitzeln. Roth aber hat sich mittlerweile eine neue Linie zurecht gelegt. Berlin solle am besten das tun, was rasch zu realisieren sei: eine schnelle humanitäre Hilfsoffensive für die Flüchtlinge.

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insgesamt 32 Beiträge
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1. Mittleid wird nicht helfen
SirSmackalot 14.08.2014
Von Frau Roth war nichts anderes zu erwarten. Hoffentlich werden nicht wie damals in Banda Aceh die falschen humanitären Güter geliefert. Bis Deutschland mal reagiert haben die "Bärtigen" wahrscheinlich den ganzen Irak eingenommen. Typisch
2. und ich hatte schon
jonas4711 14.08.2014
gedacht, von der personifizierten Betroffenheit würde man zu der Sache nichts mehr hören. Zu früh gefreut....
3. Frau Roth
nickleby 14.08.2014
Frau Roths Einsatz ist lobenswert, aber außer Betroffenheit kann sie nichts bieten. Was die Menschen brauchen in ihrem Abwehrkampf gegen die IS-Terroristen, sind Waffen. Humanitäre Hilfe wird kommen. Jetzt geht es aber umd eine effiziente und dauerhafte Lösung des IS-Problems.
4.
ugroeschel 14.08.2014
Ich bin dazu kein Fachmann, aber vielleicht sollte man die Zivilbevölkerung in den umkämpften Gebieten mit einfachen Waffen wie Revolver und Karabinern bewaffnen. So hätten sie zumindest die Möglichkeit sich zu verteidigen. Solche Waffen müsste die Bundeswehr vielleicht noch im Bestand haben
5. Alles dauert viel zu lange
skiddles 14.08.2014
Ich weiß nicht wie man so blauäugig sein kann und versucht die humanitäre Lage von der militärischen zu trennen. Sicher will Deutschland keine Waffen liefern, die würden eh zu spät eintreffen und dann nur noch den IS Terroristen zur Verfügung stehen. Klar ist das diese Debattierrunden und Reisen von Deutschen Politikern eine schnelle Reaktion schön verschieben bis sich andere darum gekümmert haben oder ein Kalifat entstanden ist. Ich wünsche der Welt nicht auf Deutsche oder EU Nothilfe angewiesen zu sein.
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