Sechste Nacht in Folge Gewaltsame Proteste erschüttern Nordirland

So heftig waren die Auseinandersetzungen lange nicht: Seit einer Woche eskaliert in der nordirischen Stadt Derry jede Nacht die Gewalt. Zahlreiche Katholiken fühlen sich von protestantischen Mitbürgern provoziert.

Brennende Barrikaden in Derry
DPA

Brennende Barrikaden in Derry


Schüsse auf Polizisten, Sprengsätze, Flaschenwürfe: Seit Tagen liefern sich katholische Demonstranten in Nordirland gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Polizei. In der Nacht auf Freitag seien die Beamten in der Stadt Derry erneut mit Brand- und Sprengsätzen attackiert worden, teilte die Polizei mit. Die Sicherheitskräfte feuerten mit Gummigeschossen auf Demonstranten. Es war die sechste Gewaltnacht in Folge.

Am Donnerstag hatten tausende Protestanten an den traditionellen Oraniermärschen teilgenommen, mit denen in Nordirland an den Sieg des protestantischen Königs William III. über seinen katholischen Rivalen James II. im Jahr 1690 erinnert wird. Viele Katholiken werten die Aufzüge als Provokation.

Trotz der Beilegung des Nordirland-Konflikts vor 20 Jahren kommt es daher rund um den 12. Juli immer wieder zu Ausschreitungen - gerade in der gespaltenen Stadt Londonderry, die von der katholischen Mehrheit nur Derry genannt wird. Am 30. Januar 1972 wurden dort mehrere Demonstranten von britischen Soldaten erschossen, der Tag ging als "Bloody Sunday" in die Geschichte ein.

"Offenkundiger Versuch, Polizeibeamte zu ermorden"

Diesmal ist die Eskalation der Gewalt jedoch besonders heftig. Nach Angaben der Polizei wurden am Dienstag mehrere Schüsse auf Beamte abgefeuert. Jugendliche attackierten zudem ein protestantisches Stadtviertel mit Brandbomben, zahlreiche Autos wurden in Brand gesetzt.

Verletzt wurde offenbar niemand, die Polizei sprach jedoch von einem "offenkundigen Versuch, Polizeibeamte zu ermorden". Einem Bericht des "Guardian" zufolge wurden drei Männer festgenommen, einer wegen des Verdachts auf versuchten Mord.

Die Polizeigewerkschaft warf den protestierenden Katholiken vor, Kinder und Jugendliche zu Stein- und Flaschenwürfen auf Polizisten anzustacheln und damit "ihre Drecksarbeit machen" zu lassen.

Nordirische Parteien stellen sich geschlossen gegen Gewalt

Die britische Regierung verurteilte die "unerträgliche Gewalt". Das "Chaos" in Derry und die gezielten Angriffe auf die Polizei seien "absolut inakzeptabel", erklärte Nordirland-Ministerin Karen Bradley. Die Gewalt gehe gleichwohl nur von einer "kleinen Minderheit" aus. Durch den bevorstehenden Brexit ist in Nordirland die Sorge gewachsen, dass der alte Konflikt wieder aufbricht.

Die fünf größten Parteien Nordirlands, die sich seit 18 Monaten nicht auf die Bildung einer neuen Regierung einigen können, verurteilten gemeinsam die Gewalt.

mes/dpa/AFP

insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
immelmann 13.07.2018
1. Zitat Wikipedia
" In der englischsprachigen Welt wird meist von*Derry*gesprochen, nur in Großbritannien fast durchgängig von*Londonderry. "
002614 13.07.2018
2. Es ist einfach
nicht nachzuvollziehen, warum diese Oraniermärsche, die einen Krieg und Sieg im Jahr 1690 glorifizieren, dort unbedingt durchgeführt werden müssen ! - Das ist natürlich eine Provokation - - - und eine Dummheit. traditionellen Oraniermärschen teilgenommen, mit denen in Nordirland an den Sieg des protestantischen Königs William III. über seinen katholischen Rivalen James II. im Jahr 1690 erinnert wird. Viele Katholiken werten die Aufzüge als Provokation.
fox69 13.07.2018
3. Briten vs. Iren
Sprachlich sollte man die Konfessionszugehörigkeit nicht betonen, es ist ein Konflikt zwischen Iren und den in Nordirland lebenden Briten - (Nord-)Irland ist nicht Teil von Großbritannien sondern nur Teil des "Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Nordirland" Dass die Briten die Siege Feiern, die sie als Kolonialherren etabliert haben ist ein Anachronismus, die haben anscheinend nicht mitbekommen, dass die Iren mit dem Karfreitagsabkommen gleichberechtigt sind (u.a. Volles Wahlrecht und Irische Polizisten). Irgendwie haben die das Ende der Kolionalzeit nicht mitbekommen - ist ja erst 20 Jahre her.
lathea 13.07.2018
4. War wohl ein Vorgeschmack auf das,.....
........was nach dem Brexit zu erwarten droht. Dann gibt es kein gemeinsames EU-Dach mehr, sondern nur noch das, was vor der EU war. Ob das Alleinsein den Engländern wirklich wieder gefallen wird? Ich bin sehr froh, zur EU dazuzugehören und hoffe, dass unsere EU schnellstmöglich stärker wird und die EU-Staaten besser und schneller zusammenwachsen.
AlBundee 14.07.2018
5. Die jährliche Wundöffnung
Volks- und Erinnerungsfeste gibt es ja Tausende, vom Laternenumzug am Martinstag, über die Hispanidad am 12. Oktober zur Feier der Entdeckung Amerikas bis zur Nicht-Feier der Bäcker von Beumelburg frei nach Hanns-Dieter Hüsch. Aber dieser Umzug ist wirklich denkbar aggressiv. Er gedenkt der Unterwerfung der irischen Katholiken durch einen protestantischen britischen König vor 328 Jahren. Das wäre nicht weiter schlimm und längst verjährt, hätte es nicht neben vielen kontinuierlichen anderen Konflikten 1921 einen Unabhängigkeitskrieg gegeben und wären nicht 1972 katholische Demonstranten von britischer Polizei erschossen worden und hätte es nicht danach Jahre des Terrors gegeben. Ereignisse der gleichen Konstellation, Briten gegen Iren, wobei die Konfession eigentlich nur ein zweitrangiges, aber willkommenes Unterscheidungsmerkmal ist. Bei jeder dieser Umzüge kommt all das wieder hoch. Und weil das noch nicht provokativ genug ist, muss es durch katholische Viertel gehen, um den Gegnern von einst, gestern, heute und morgen zur Erinnerung jedes Jahr den Stinkefinger zu zeigen. So ein ethnisches, pseudoreligiöses Provokationsspektakel müsste die britische Regierung wirklich langsam mal verbieten, die ja in der Nachfolge dieser ganzen Konflikte im Namen der britischen Bevölkerungsmehrheit steht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.