Flaggenstreit in Nordirland Extremisten auf dem Vormarsch

Molotowcocktails, brennende Autos und dann Schüsse - in Nordirland kehrt die Gewalt zurück. Anlass ist ein Streit über die britische Flagge auf dem Rathaus, der vor allem eines zeigt: In dem Konflikt geht es nicht um Religion, sondern um extremen Nationalismus auf beiden Seiten.

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Belfast - Nordirland erlebt eine neue Welle der Gewalt. Politiker finden Päckchen mit Patronen und Kondolenzkarten in ihrer Post - zynische Morddrohungen. Seit vier Tagen eskaliert der Protest nordirischer Protestanten in gewalttätigen Unruhen, am Samstag fielen erste Schüsse. Wie zuletzt in den Neunzigern beherrschen nächtliche Straßenschlachten und brennende Fahrzeuge die Nachrichten.

Anlass diesmal ist ein Beschluss aus dem Jahr 2000: Für ganz Großbritannien wurden damals Tage festgelegt, an denen von öffentlichen Gebäuden die britische Flagge wehen soll, der Union Jack. Allein in Nordirland wurde die Weisung bisher ignoriert. Im Juni 2012 allerdings beschloss die Belfaster Stadtverwaltung, die Regelung als Zeichen der zunehmenden Normalisierung umzusetzen - seitdem schwillt der Protest an.

Empört sind vor allem Protestanten. Die verstehen sich als Unionisten oder sogar Loyalisten - vehemente bis radikale Befürworter der fortgesetzten Union mit Großbritannien. Sie demonstrieren nicht etwa gegen das Zeigen der Flagge, sondern dafür: Denn der Union Jack weht seit der Eröffnung des Belfaster Rathauses im Jahr 1906 nonstop über der Stadt, und so soll es nach Meinung der Demonstranten auch bleiben. Für sie wäre eine Umsetzung des Flaggenbeschlusses ein Verzicht auf die permanente Machtdemonstration, die wiederum für die irisch-nationalistische Gegenseite eine stete Provokation darstellt.

Über Flaggen und Farben erhitzen sich in Nordirland die Gemüter. Und in beiden Lagern sind radikale Elemente wieder auf dem Vormarsch.

Die Flagge zeigt, wer regiert

Wer die Straßen streng loyalistischer Viertel wie des Belfaster Bezirks Shankill hinabgeht, sieht Blau und Rot und Weiß: Die im Verlauf der letzten Friedensjahre oft schon verblassten britischen Farben zieren dort die Kantsteine der Bürgersteige, Laternenpfähle, Häuserwände und unzählige Flaggen. In letzter Zeit hat man die Farben an vielen Orten wieder aufgefrischt.

Es sind Reviermarkierungen, ihre Gegenstücke findet man in Grün und Weiß und Orange - Irlands Nationalfarben - im Belfaster Stadtteil Ardoyne oder Derrys Creggan. Mit Flaggenfarben markiert man in Nordirland seit Jahrzehnten seine "Strongholds", die Viertel und Teile des Landes, die flächendeckend in der Hand einer der zwei lang verfeindeten Bevölkerungsgruppen sind.

In Medienberichten werden die meist mit "protestantisch" und "katholisch" bezeichnet, weil es so bequem ist. Die Flaggen machen klar, dass es eigentlich immer um nationale Fragen, um Zugehörigkeitsgefühle ging. Fragt man Nordiren, dann erklären die den formell 1998 beendeten, aber noch immer schwelenden Ulsterkonflikt meist als ethnisches Problem.

Grob vereinfacht könnte man sagen, dass sich die einen als Briten, die anderen als Iren verstehen. Die Sache ist aber komplizierter.

Unionisten und Loyalisten - Geschichte eines Komplexes

Die Gründung Nordirlands war eine Begleiterscheinung des irischen Unabhängigkeitskrieges gegen die Kolonialmacht Großbritannien. Als sich der Sieg der Iren abzeichnete, kam es zu einer Fluchtbewegung der protestantisch-irischen Bevölkerungsminderheit nach Nordirland, wo sie sich seither konzentriert.

Als einzige Region Irlands hatte das nordöstliche Gebiet der Provinz Ulster durch schottisch-britische Ansiedlungen seit langem eine protestantische Bevölkerungsmehrheit, die sich als britisch verstand. Militante Kräfte in dieser Bevölkerungsgruppe gründeten bewaffnete Milizen, die sich dem Friedensschluss mit Dublin verweigerten. Stattdessen drohten sie London, in Großbritannien einen Bürgerkrieg loszutreten, sollte man Nordirland nicht in der Union belassen. London gab eine Garantieerklärung für Nordirland ab, die zur Bedingung des Friedensschlusses von 1920/21 wurde - Irland wurde zum geteilten Land.

Dass Nordirlands Protestanten sich ihre britische Union mit Gewaltdrohungen ertrotzten, gehört zu ihren Gründungsmythen. Ihre Loyalität ist wachsam auch gegen Britannien, sie hat stets auch Forderungscharakter. Das erklärt, warum pro-britische Loyalisten und Unionisten auch immer wieder gegen britische Behörden oder Sicherheitskräfte vorgehen. Jedes Einlenken wird als Signal verstanden, man wolle sie wieder einmal im Stich lassen. Deshalb ist es auch ein Politikum, wenn der Union Jack nicht mehr permanent über einer Stadt weht.

"No surrender", "keine Kapitulation" ist das Motto und Mantra dieser Gruppe. Sie trat mit der Gründung der paramilitärischen Truppen UFF, UVF und UDA der erstarkenden Bürgerrechtsbewegung der Sechziger entgegen und verursachte so den Nordirlandkonflikt: Ihre Mordkampagnen führten zum Wiedererstarken der fast vergessenen IRA. Das Aufeinandertreffen der Radikalen leitete einen Bürgerkrieg ein, der von circa 1968 bis 1998 dauern sollte.

Revival der Radikalen?

Man kann darüber debattieren, ob er wirklich vorbei ist. Die Mehrheit der Nordiren steht fraglos hinter dem Friedensschluss. Doch auch die alten Ressentiments greifen offensichtlich immer noch. Auf der irisch-nationalistischen Seite erstarken seit einiger Zeit radikale Abspaltungen der Provisional IRA (PIRA). Die hat den Friedensschluss akzeptiert und ist über ihren politischen Arm Sinn Féin heute an der Regierung beteiligt, hat aber zunehmend Probleme mit den Militanten an den Rändern.

Auf der pro-britischen Gegenseite findet man dasselbe Bild, das sich in den Unruhen der vergangenen Tage deutlich zeigt. Dort, glaubt man bei der nordirischen Polizei, hätten zuletzt die Extremisten der UVF wieder Oberwasser - sie sollen hinter der gewalttätigen Eskalation stehen. Die UVF gilt als extremistische Abspaltung der einstmals größten nordirischen Terrorgruppe UDA. Die soll der anderen, protestantischen Regierungspartei DUP nahestehen und trägt wie ihr Pendant IRA den Friedensschluss mit. Das schmeckt den Extremisten an ihren Rändern so wenig wie ihren "Kollegen" im anderen Lager.

Aus all dem ergibt sich eine äußerst explosive Gemengelage. Der nordirische Polizeichef Matt Baggott rechnet mit einer Fortführung der Proteste - und kündigte an, dagegen zu halten - "so lang, wie es nötig ist". Die Organisatoren der Proteste bemühen sich derweil, sie über Belfast hinaus auszudehnen: In dieser Woche wollen Radikale ihren "Flaggen-Protest" ins südirische Dublin tragen. DUP- und Regierungschef Peter Robinson warnte, diese Aktivitäten radikaler Loyalisten spielten "den Interessen radikaler Republikaner in die Karten".

Tatsächlich: Am Wochenende veröffentlichte auch die Continuity IRA, eine der zwei mörderischsten Splittergruppen aus dem gegnerischen Lager, eine Warnung an "alle Iren, die für die britischen Streitkräfte arbeiten". Sie seien ein "legitimes Ziel" für Strafaktionen. Wenn sich die einen Extremisten bewegen, lassen die anderen selten lang auf sich warten.



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kaktebenestydno 07.01.2013
1. Ging es das nicht immer schon?
Zitat von sysopDPAMolotowcocktails, brennende Autos und dann Schüsse - in Nordirland kehrt die Gewalt zurück. Anlass ist ein Streit über die britische Flagge auf dem Rathaus, der vor allem eines zeigt: In dem Konflikt geht es nicht um Religion, sondern um extremen Nationalismus auf beiden Seiten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/nordirland-protestanten-und-katholiken-streiten-um-flagge-in-belfast-a-876075.html
Meine Anmerkung: D.Cameron, übrigens Abkömmling aus einer unehelichen Verbindung Williams IV. mit einer irischen Frau, sollte insgesamt den Ball flach halten, wenn er sich über die EU aufregt. So ein Konflikt im eigenen Haus ist eine singuläre Schande für diesen Kontinent. Naja, vielleicht nicht singulär...
alexGB 07.01.2013
2.
Sie schreiben: "In Medienberichten werden die meist mit "protestantisch" und "katholisch" bezeichnet, weil es so bequem ist." Falsch. In Medienberichten in Grossbritannien werden sie eben gerade NICHT als solche bezeichnet, sondern als unionists/loyalists oder nationalists. Es waere schoen, wenn die religioese Grundlage dieser Auseinandersetzungen wirklich mal in der Klarheit von britischen Medien bezeichnet wuerde.
meging 07.01.2013
3.
Im Prinzip ist Nordirland besetzt, und das finden viele Iren nun mal unerträglich. Ungleich Deutschland nach dem Krieg, in dem allgemein anerkannt war, das man es verdient hätte, ist man dort eben der Meinung, es sei ungerecht und ungerechtfertigt.
paulsen2012 07.01.2013
4. sie kämpfen um ihr bißchen Recht
u. werden von (fast) allen Medien als Extremisten oder Terroristen bezeichnet / beschimpft . Die bornierten Britisch-oranje Parade-Operetten-Veteranen-Marschierer sollten sämtlich weggesperrt werden.
rbn 07.01.2013
5. Meine Erfahrung mit "Iren"
Hatte beruflich viele Jahre mit Iren zu tun. Man möge mich jetzt steinigen, aber ich sage es trotzdem und verallgemeinere bewusst; hier die humorvollen, sanftmütigen und friedlichen Iren aus der Republik Irland, kenne keinen anderen Typus unter ihnen dort die aggressiven, arroganten und provokanten Iren aus Ulster, auch hier habe ich keine anderen angetroffen
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