Von Carsten Volkery, London
Bis heute gab es mehrere Versionen, was sich damals zugetragen hatte. Die Soldaten hatten steif und fest behauptet, sie seien beschossen worden und hätten sich nur verteidigt. Auch wurde verbreitet, einige der Opfer seien bewaffnet gewesen. Diese Version fand sich auch im Regierungsbericht vom April 1972. Der damalige britische Premierminister Edward Heath hatte den Autor, Lord Widgery, zuvor eingenordet: "Vergessen Sie bitte nicht, dass wir in Nordirland nicht nur einen militärischen Krieg, sondern auch einen Propagandakrieg führen."
Zwar haben zwei Premierminister, John Major und Tony Blair, seitdem öffentlich eingeräumt, dass die Opfer unbewaffnet und damit unschuldig waren. Doch den Angehörigen reichte das nicht, sie bestanden auf einer offiziellen Untersuchung, die den Widgery-Bericht widerrief. Sie wollten die Wahrheit schwarz auf weiß.
Die Blair-Regierung erfüllte ihre Forderung - auch, um die nordirischen Katholiken zur Unterzeichnung des Karfreitagsabkommens 1998 zu bewegen. Der aufstrebende Richter Lord Saville wurde mit der Untersuchung beauftragt. Er nahm seine Arbeit sehr genau: 2500 Zeugen wurden befragt, Hunderte von Video- und Audiobändern ausgewertet. Einzelne Szenen vom Tatort wurden am Computer nachgestellt.
Savilles Schlussfolgerungen fielen nun eindeutig aus. Der erste Schuss sei von der britischen Armee abgefeuert worden, sagte Cameron bei der Vorstellung des Berichts. Die Soldaten hätten bewusst "Falschaussagen" gemacht. Keiner von ihnen habe auf Feuer aus den Reihen der Demonstranten geantwortet. Alle Opfer seien unschuldig gewesen. Es gebe "keinerlei Zweifel".
Die Scharte von Derry musste ausgewetzt werden
Die Augenzeugen in Derry, die das immer gesagt haben, dürfen sich nun bestätigt fühlen. Endlich sei der Widgery-Bericht auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet, jubelte Gerry Adams, Präsident der Katholiken-Partei Sinn Féin. Vertreter des britischen Militärs und der nordirischen Protestanten hingegen zeigten sich verschnupft. Man solle bedenken, welche Wirkung dieser Bericht auf aktive Soldaten habe, sagte der konservative Abgeordnete Patrick Mercer, der früher selbst in Nordirland gedient hatte.
Die Schlussfolgerung des Saville-Tribunals, das Handeln der Soldaten sei "nicht gerechtfertigt" gewesen, eröffnet nun den Raum für Klagen gegen einzelne Täter. Auch für ihre Falschaussagen könnten die Soldaten vor Gericht gezogen werden. Die nordirische Staatsanwaltschaft hat signalisiert, sie werde die Fälle im Einzelnen prüfen. Sehr wahrscheinlich erscheint eine Anklage aber nicht - auch die meisten Opferangehörigen haben signalisiert, sie wollten die Sache nun auf sich beruhen lassen.
In den vergangenen Tagen hatten mehrere britische Offiziere gewarnt, dass man für diesen Fall auch IRA-Täter wie Martin McGuinness vor Gericht sehen wolle. McGuinness, inzwischen Politiker von Sinn Féin und stellvertretender Chef der nordirischen Regionalregierung, war am Blutsonntag der zuständige IRA-Kommandeur in Derry. Laut Untersuchungsbericht trug er während der Demo eine Maschinenpistole bei sich - es gab aber keine Anzeichen, dass er sie benutzt hat.
So riss der Bericht, der versöhnen sollte, auch alte Wunden wieder auf. Cameron und McGuinness betonten jedoch, dass man weiter gemeinsam nach vorn schauen wolle. Es werde keine weiteren Untersuchungen der Vergangenheit geben, sagte Cameron. Der Friedensprozess soll ungestört weiterlaufen, das alte Spiel der gegenseitigen Vorwürfe nicht von vorn beginnen.
Die Scharte von Derry aber musste ausgewetzt werden - darin waren sich Regierung und Opposition in London an diesem Tag einig.
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